Bestsellerliste Platz fünf Kurze Romane sind überschätzt!

J. K. Rowlings unter dem Pseudonym Robert Galbraith verfasster Krimi "Der Seidenspinner" klettert in der SPIEGEL-Bestsellerliste auf Platz 5. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

J.K. Rowling: Ermittlungssackgassen statt Ligusterweg
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J.K. Rowling: Ermittlungssackgassen statt Ligusterweg


An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal: "Der Seidenspinner", der zweite Band von J. K. Rowlings unter dem Pseudonym Robert Galbraith veröffentlichter Krimireihe mit dem einbeinigen Ermittler Cormoran Strike (Lesen Sie hier die Rezension).

Keller: Es gibt, seit J.K. Rowling unter dem Pseudonym Robert Galbraith Krimis schreibt, jede Menge Ermittlungssackgassen statt des Ligusterwegs und eine Hauptfigur, die eine Unterbeinprothese hat statt eines Nimbus 2000. Jeder Leser, der Harry Potter vermisst, wird sich schon fragen: Was soll das?

Hammelehle: Danke für die Chance, es mir gleich zu Beginn mit allen "Harry Potter"-Lesern zu verderben: Ich habe keinen einzigen Band gelesen. Warum auch? Selbstverständlich sind einige meiner besten Freunde "Harry Potter"-Leser. Zumindest den erwachsenen Rowling-Fans würde ich dieses Buch durchaus empfehlen. "A good read", wie die Engländer sagen - ein ziemlich kurzweiliger Unterhaltungsroman. Und das mit einer Vielzahl schöner Frauen. Findest du nicht auch, dass Rowling mit einem ausgesprochen männlichen Blick schreibt?

Keller: Den ausschließlich schönen Frauen sind ja glücklicherweise genug kluge, exzentrische und erfolgreiche Frauen zur Seite gestellt, deshalb habe ich ihren Blick gar nicht als so extrem männlich wahrgenommen. Mir ist dagegen vor allem ihr Blick für Kleinigkeiten und die perfekte Ausstattung jeder Szene aufgefallen. Mein Lieblingsdetail sind die Dobermann-Porträts im Büro der Literaturagentin, deren Autor ermordet worden ist, nachdem sein skandalöses Manuskript im Literaturbetrieb die Runde gemacht hat. Wie treffend findest du denn den Literaturbetrieb beschrieben?

Hammelehle: Der Reiz an diesem Buch ist doch, dass die schnöde Realität nur in sehr begrenzter Dosis vorkommt. Mit Schrecken erinnere ich mich an den völlig verunglückten Sozialrealismus in Rowlings Roman "Ein plötzlicher Todesfall".

Keller: "Der Seidenspinner" bietet hingegen eine fantasievoll verstümmelte Leiche, einen eigenwilligen Ermittler und einen beschränkten Kreis Verdächtiger. Macht zusammen einen ziemlich klassischen Whodunit. Der größte Charme dieser Krimis liegt ja darin, dass man so schön miträtseln kann. Wer war dein erster Verdächtiger?

Robert Galbraith ist eigentlich J.K. Rowling: Krimis und Pseudonyme gehören irgendwie zusammen

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Hammelehle: Natürlich der Bestsellerautor, den fast alle Frauen im Buch verehren.

Keller: Ich hatte zuerst auf den netten Lektor getippt, der von allen als echter Schatz beschrieben wird. Schließlich ist in Krimis nichts so verdächtig wie ein tadelloser Charakter. Mal abgesehen von den Ermittlungen erfährt man aber auch ziemlich viel über Londoner Verkehrsmittel, das Fernsehprogramm und die schwierige Beziehung zwischen Ermittler Strike und dem Verlobten seiner Assistentin. Schätzfrage: Um wie viele Seiten hätte ein strengeres Lektorat dieses Buch kürzen können?

Hammelehle: Auf die Gefahr hin, es mir nun auch noch mit allen Verehrern Marcel Reich-Ranickis zu verderben: Ich halte kurze Romane für überschätzt.

Keller: Das größte Krimi-Rätsel ist doch allerdings, warum in diesem Genre Pseudonyme so verbreitet sind.

Hammelehle: Da bin ich befangen. Ich habe als Kind meine Ermittlungen als Detektiv auch unter einem Tarnnamen angestellt.

Maren Keller ist Redakteurin beim KulturSpiegel. Sie hat alle "Harry Potter"-Bände gelesen.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Sein liebster Englandroman ist "Wiedersehen mit Brideshead" von Evelyn Waugh.

Vergangene Woche in Und das soll ich lesen?: Jennifer L. Armentrouts "Onyx. Schattenschimmer".

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cejpaul 05.12.2014
1. JK als Galbraith....
Also ich selber fand die beiden Buecher sehr gut, und kann nicht abwarten, bis die 3. Folge herauskommt. Das als jemand, der momentan 1012 Buecher auf dem Kindle Fire hat, und keine Ahnung wieviele vorher gelesen wurden. Wobei ich wohl zufuegen sollte, dass ich so gut wiie alles "verschlungen" habe, von Hemingway, Steinbeck, bis Tolstoi und T Mann usw ad nauseam. Charlotte Link bringt es in dieselbe Klasse wie die sich neu-erfundene JKR.... MfG, eine Leseratte!
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