Krimi von J. K. Rowling Finger weg vom Koks!

Mit Fantasy-Romanen hat sie erst mal Schluss gemacht. Jetzt schreibt "Harry Potter"-Schöpferin J. K. Rowling unter Pseudonym über einen hartgesottenen Schnüffler, der zwischen drogensüchtigen Promis ermittelt. Ein kunstvoll aufgebauter Krimi - ohne einen einzigen starken Charakter.

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Am Anfang steht abermals ein plötzlicher Todesfall: der Sturz des Supermodels Lula Landry vom Balkon ihres Luxusapartments hinab auf den schneebedeckten Gehweg eines Londoner Nobelviertels. Angesichts der manisch-depressiven Erkrankung Landrys gehen Polizei und Gericht von Selbstmord aus. Allein ihr Bruder glaubt an Mord und beauftragt einen Privatdetektiv mit neuerlichen Untersuchungen: Cormoran Strike. Der ermittelt auf den folgenden 600 Seiten in Showbiz und Upperclass der britischen Hauptstadt.

Cormoran Strike ist nach Harry Potter der neue Held von J. K. Rowling - oder sollte man sagen von Robert Galbraith? Unter diesem Pseudonym war im April 2013 in Großbritannien "The Cuckoo's Calling" erschienen, der angebliche Debütroman eines ehemaligen Soldaten, der mittlerweile in der privaten Sicherheitsindustrie arbeitet.

Bescheidene 1500 Exemplare des Buches waren danach in zweieinhalb Monaten über den Ladentisch gegangen, als die Bombe platzte. Die beste Freundin der Frau eines Kanzlei-Anwalts hatte ihr verbotenes Wissen herausgetwittert: Hinter dem Pseudonym Robert Galbraith stecke niemand Geringeres als Joanne K. Rowling, Mutter der Harry-Potter-Saga und eine der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Welt.

Das Buch stieg bei Amazon umgehend vom Verkaufsrang 4709 auf Platz eins, in einer Woche verkauften sich mehr als 17.000 Exemplare von Rowlings erstem Krimi, ihrem zweiten Roman für Erwachsene nach dem Fehlschlag "Ein plötzlicher Todesfall" aus dem Jahr 2012.

Sohn eines Rockstars

So ungewöhnlich wie Strikes Vorname ist in "Der Ruf des Kuckucks" (wie das Buch in der nun erscheinenden deutschen Übersetzung heißt) auch die Vergangenheit des Detektivs. Sohn eines Rockstars und eines an Heroin zugrunde gegangenen Groupies, abgebrochenes Oxford-Studium, Karriere bei der britischen Militärpolizei und Einsatz in Afghanistan, wo er ein Bein verlor.

Inzwischen ist jeder Glanz aus seinem Leben gewichen, Strike nur mehr ein unansehnlicher Mittdreißiger, massig und am ganzen Körper behaart. Rowling weidet sich an den Beschreibungen seiner mangelnden Attraktivität, des Ekels, den Strike vor sich selbst empfindet. Sein Büro, klein und chaotisch, ist ihm zur Wohnung geworden, eine Klappliege zur Bettstatt, seit die Beziehung zur schönen Charlotte gescheitert ist. Der Stumpf des Beins schmerzt unaufhörlich unter der Prothese, die traumatischen Kriegserlebnisse martern Strike ("wie Glasscherben bohrten sich die Erinnerungen in seine Schläfe"), zudem droht die Insolvenz.

Rowlings Ermittler ist beladen mit persönlichem Unbill, ähnlich demonstrativ wie mancher Kommissar im "Tatort" oder Schweden-Krimi. An Cormoran Strike zeigt sich, woran Rowlings Krimi-Debüt im Allgemeinen krankt. Das Figurenpersonal ist mit allzu groben Strichen gezeichnet, grelle Farben liegen der Autorin mehr als dezente Zwischentöne, manche Bilder wirken in ihrer ständigen Wiederholung ermüdend.

Schwäche für Kokain

Stets trägt Rowling dicker auf, als nötig wäre. Wer "stiernackig und pockennarbig" ist, wessen Teint "die Farbe von Corned Beef" hat, dem ist garantiert kein sanftes Gemüt geschenkt. Der hemdsärmelige Tonfall, mit dem Rowling ihren virilen Helden darstellt, wirkt aufgesetzt, manchmal abgeschmackt.

Die Welt von Rockstars und Supermodels, Anwälten und schwerreichen Filmproduzenten, in der "Der Ruf des Kuckucks" spielt, macht es Rowling leicht, vermeintlich wirklichkeitsnahe Figuren zu entwickeln. Zu leicht, wie sich zeigt. Die Figuren erscheinen eindimensional, allzu schnell gibt sich Rowling mit Stereotypen zufrieden. Der Modedesigner: schwul, intrigant und höchst pathetisch. Die Millionärsgattin: hysterisch, herablassend, mit einer Schwäche für Kokain. Der Ex-Freund des verstorbenen Models: ein empfindsamer Musiker und Schauspieler, dazu drogensüchtig. Moss und Doherty lassen grüßen.

Lula Landry, "Cuckoo" genannt, war zu Lebzeiten nicht nur Mittelpunkt millionenschwerer Geschäfte und Objekt der Klatschpresse, sie war auch das schwarze Adoptivkind einer weißen Familie aus der Oberschicht. Die Suche nach ihren Wurzeln, nach afrikanischer Identität, spielte für das Model in den letzten Wochen ihres Lebens eine bedeutende Rolle, so stellt sich bald heraus.

Rowlings Schwächen in Sprache und Figurenzeichnung überdecken einen gelungenen Plot. Was ihr bei ihren Protagonisten nicht gelingt, schafft sie beim Aufbau der Geschichte. Sie beweist Feingefühl, überfrachtet sie weder mit Todesfällen noch mit aberwitzigen Wendungen. Ihr Timing stimmt, der Spannungsbogen entwickelt sich unaufgeregt, ohne vorschnelle Effekte.

Als Autorin von Erwachsenenliteratur kann Joanne K. Rowling bisher trotzdem nicht überzeugen. Gegen Ende ihres Romans fällt ein Satz, den man auch ihr raten möchte: "Sie sollten Ihren Beruf an den Nagel hängen und Fantasy-Romane schreiben."

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
derdichter 25.11.2013
1.
der artikel trifft meine meinung wie ein hammer auf den nagelkopf, sehr gut geschrieben!
cobaea 25.11.2013
2. andere Meinung
Über die deutsche Übersetzung kann ich nichts sagen, aber das englische Original fand ich ganz gelungen für einen Krimi-Erstling. Auch die pauschale Kritik an der Zeichnung der Figuren kann ich nicht nachvollziehen. So ist der Modeschöpfer zwar schwul und maniriert, aber auch - zumindest in Bezug auf das Opfer - absolut integer. Also keineswegs nur auf Klischees abonniert. Er hat zudem eine Vorgeschichte, die einiges seines Verhaltens erklärt. Gleiches gilt auch für die übrigen Personen. Ja, der Ermittler ist auch mir ein bisschen zu sehr Sam-Spade-mässig geraten - aber durchaus auch mit sensiblen Seiten und schwachen Momenten. Ich hoffe keineswegs, dass Rowling sich einzig auf Fantasybücher beschränkt - ich setze eher auf eine Weiterentwicklung der Charaktere und bin überzeugt davon, dass sie das kann. Aber ich hab mich ja auch über die "Casual Vacancy" amüsiert, die hier verrissen wurde.
BigRedOne2017 25.11.2013
3. Schon in...
..."Ein plötzlicher Todesfall" gab es keinen wirklich positiven Charakter. Und genau das hat mir an dem Buch sehr gut gefallen. Die Zeichnung der Figur war richtig schön böse. Hier liegt nach meiner Meinung auch die Parallele zu den Harry-Potter Romanen, denn man sehe sich nur mal die Darstellung der Pflegeeltern und -bruder von Harry an.
twaddi 25.11.2013
4. missgünstiger Quark
Hab den Krimi im Original gelesen. Fazit: ziemlich unterhaltsam und neben all dem Skandinavien - Schrott doch ein Lichtblick. J. K. Rowling schreibt halt nicht für pseudointellektuelle Miesepeter.
batewoman 25.11.2013
5. Übersetzungsproblem?
Kann mich den anderen im Forum nur anschließen: im Original ist der Roman, übrigens genauso wie der plötzliche Todesfall, durchaus zu genießen. Mir ist auch nicht aufgefallen, dass die Figuren so einfach gestrickt seien wie im Artikel beschrieben, im Gegenteil. Find, dass die Rowling auch für Erwachsene ihre Sache sehr gut macht, aber sie hat halt auch ihre eigene Schreibe. Die einen solchen Verriss nicht verdient.
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