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Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee: Der kleine Jesus will später mal Rettungsschwimmer werden

Von Anne Haeming

"Die Kindheit Jesu": Zwangsläufige Folge von J. M. Coetzees bisherigem Schaffen Zur Großansicht
Corbis

"Die Kindheit Jesu": Zwangsläufige Folge von J. M. Coetzees bisherigem Schaffen

Der Heiland als neunmalkluges Kerlchen: In seinem neuen Roman "Die Kindheit Jesu" knüpft der südafrikanische Literaturnobelpreisträger J. M. Coetzee an sein Frühwerk an - er jongliert mit Fakten und Fiktionen, mit Wörtern und Zeichen. Ein großer intellektueller Spaß.

Da ist dieser rotzige Knilch, hat einen schwarzen Superman-Umhang um, Sonnenbrille auf der Nase und sagt: "Ich muss keinen Lebensunterhalt verdienen." Er will Zauberer werden, Entfesselungskünstler und Rettungsschwimmer.

Was zum Berufsbild eines Weltenretters eben so dazugehört. Der Junge heißt David, ist nervtötend altklug, er spricht eine Geheimsprache und glaubt, dass Zahlen mehr sind als Eins-plus-Eins. Also irgendwas zwischen hochbegabt und ADHS, der Alptraum aller Lehrer, die ihn am liebsten auf eine Sonderschule abschieben würden. Und er ist der Protagonist im neuen Roman des Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee.

Der Südafrikaner ist bekannt dafür, sich jedes Mal im Schreiben neu zu erfinden, immer noch eins draufzusetzen. Er hat es wieder getan. Nun also: die unerzählte Geschichte aus dem Buch der Bücher - "Die Kindheit Jesu". Mal eben den Kern westlicher Kulturgeschichte dekonstruieren und die Lücke füllen, die die spärlichen Zeilen im Lukas- und Matthäus-Evangelium offenlassen.

Trotzdem sollte man sich hüten, den Romantitel als einzigen Schlüssel zum Buch zu nehmen. Es ist eine psychologische Finte für den Leser, das Wort "Jesus" taucht im ganzen Text nicht auf. Klar, es gibt hier und da biblische Anklänge, David und sein Begleiter Simon landen wie viele andere Flüchtlinge in einer fremden Stadt im abstrakten Nirgendwo namens "Novilla", halb "Neustadt", halb "Kein Haus", halb zukunftsträchtig, halb niederschmetternd; da sind die Namen David, Simon, Ana, ein Pferd namens "El Rey", "Der König"; und ja, da ist die Vaterfigur, die kein leiblicher Vater ist, und nach der Mutter des Jungen sucht. Und dann einfach irgendeine Frau zur Mutter erklärt, als sei ihm der Heilige Geist erschienen.

Elternschaft ist eine Frage der Definition

Aber man könnte auch sagen: Coetzee nimmt diese biblische Leerstelle als Anlass, um einmal ganz spielerisch durchzuexerzieren, was es heißt, Fakten mit Fiktionen zu ersetzen. Er hat noch immer jede Chance ergriffen, die vermeintliche Logik unseres Verständnisses von Authentizität zu unterlaufen, etwa die Beweiskraft von Naturgesetzen. Dass Elternschaft nur eine Frage der Definition ist, macht das Christentum ja selbst vor - diese Idee überspitzt Coetzee konsequent.

Vor diesem Hintergrund wirkt "Die Kindheit Jesu" gleich doppelt wie eine zwangsläufige Folge von Coetzees bisherigem Schaffen. Es ist, als hätte als nächstes nur diese Story kommen können, ein triumphaler Trumpf, ein großer Spaß.

Denn Coetzee hat es in all seinen Texten immer auf eines abgesehen: Er bricht Normen, vernebelt Gewissheiten in einem Ping-Pong aus Dialogen und unterläuft damit Definitionen jedes Mal so umfassend, dass man am Ende nicht mal mehr das Wort Definition selbst ernst nehmen kann.

Trauen konnte man ihm noch nie. Egal ob er wie zuletzt in "Sommer des Lebens" das Genre Autobiografie auf den Kopf stellt, ob er seit seinem ersten Werk vor knapp 40 Jahren immer wieder einen Erzähler namens "Coetzee" einschleust und so die Grenzen zwischen Fiktion und Realem zerreibt oder ob er die Chronologie von Erzählung ad absurdum führt, indem er in "Tagebuch eines schlimmen Jahres" (2007) einen Roman lang die Buchseiten aufteilte und oben eine andere Geschichte erzählte als unten. Und nun also liefert Coetzee, entgegen dem erzählerischen Drang zu schauen, was als nächstes kommt, die Story vor der Story.

Anknüpfen an frühe Werke

Zum anderen knüpft Coetzee dieses Mal an sein Werk vor "Schande" 1999 an, jenem Roman, der ihn letztlich weltbekannt gemacht hatte, seinem ersten über die Zeit nach der Apartheid in Südafrika und dem ersten, bei dem man das Gefühl hatte, dass es in der gleichen Realität wie der unseren spielt. "Die Kindheit Jesu" dagegen lebt von jener an Fabeln erinnernden Atmosphäre der frühen Werke "Warten auf die Barbaren" oder "Leben und Zeit des Michael K.": Zeit und Ort sind abstrakt, hier und da gibt es Verweise auf die Moderne, Bagger etwa, Comics, die Sonnenbrille, Pancakes. Aber diese Elemente sind eher wie Brosamen im Wald ausgestreut, um Vertrautes zu simulieren, wo ansonsten alles im Ungefähren hängt. Wovor David und Simon und die anderen fliehen, warum, bleibt ungesagt. Und auch die babylonische Sprachverwirrung von Spanisch, Englisch, Deutsch macht alles nur noch ungewisser.

Coetzees Duktus ist wie immer so karg wie die Umgebung, in der Simon und David landen. Aber so wie sich Simon darüber beschwert, dass dieses Leben in Novilla und die Haltung der Menschen so gleichmütig "blutleer", ohne Wollen, ohne Hunger auf was anderes ist, und damit Funken schlägt, so zündet auch Coetzees feiner Humor, wenn seine nüchternen Sätze aufeinandertreffen. Und auf den enormen Resonanzboden des Neuen Testaments prallen.

Da ist etwa die Sache mit den Broten. David will wissen, warum man Geld braucht, um Lebensmittel zu kaufen, warum der Laden bald leer sein würde, wenn man Brot einfach so bekäme. Simon sagt: "Weil du, wenn du x Brote hast und sie alle für umsonst weggibst, dann keine Brote mehr hast und kein Geld, um neue Brote zu kaufen. Weil x minus x gleich null ist. Gleich nichts ist. Gleich Leere ist. Gleich ein leerer Magen ist." Coetzee schafft es, dass man an die Speisung der Fünftausend denkt und sich zugleich amüsiert.

Das Lieblingsbuch von Jesus, also David, ist übrigens "Don Quijote", das andere größte Werk aller Zeiten. Noch so eine Superman-Geschichte, in der der Held ins Schleudern gerät, im Wald zwischen Fakten und Fiktionen.

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Och nö,
stinky-turner 24.10.2013
dann lieber "Die Bibel Nach Biff" von Christopher Moore!
2. der Kleine
mischamai 24.10.2013
Der kleine Jesus möchte gerne aus dem Kinderparadies abgeholt werden...
3. wozu schwimmen
manni.baum 24.10.2013
wenn er über das Wasser laufen kann ist die Rettung einfacher.
4. Coetzee lässt Öffentlichkeit gerne im Unklaren
2010sdafrika 24.10.2013
Coetzee ist auch dafür bekannt, der Presse und der Öffentlichkeit viel Interpretation selbst zu überlassen. Die Aussagen zur Person Coetzee sind daher stets mit Vorsicht zu genießen: http://2010sdafrika.wordpress.com/2013/09/16/ich-gebe-keine-interviews/.
5. Lamb oder Die Bibel nach BIFF
ManfredoRSA 24.10.2013
Zitat von stinky-turnerdann lieber "Die Bibel Nach Biff" von Christopher Moore!
Ob jetzt Coetzee besser ist,oder "Lamb" (Die Bibel nach Biff) - ich werde mir ein Urteil bilden, als grosser Fan von Coetzee, aber auch als absoluterFan von "Die Bibel nach Biff". Ich bin gespannt, ob Coetzee die "Ge- schichte" von Jesus nach dessen Geburt bis Jerusalem und Kreuz aehnlich lustig/hilarious), lehrreich/educative und im Kopf bleibend herueber bringt,wie Moore - ich bin sehr gespannt. Ich fuerchte, Coetzee ist wohl zu 'droege'. Biff, fuer mich als ex Klosterschueler, a revelation!
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