"Neues" Buch nach 100 Jahren Tolkiens letzte Liebe

100 Jahre nach ihrer Entstehung erscheint J. R. R. Tolkiens Romanze zwischen Beren und Lúthien erstmals als eigenes Buch. Es wird wohl das letzte sein, das sein Sohn herausgibt. Wie liest es sich?

Illustration aus "Beren und Lúthien"
Alan Lee/ HarperCollins

Illustration aus "Beren und Lúthien"

Von Wiebke Brauer


"Was sollen wir damit anfangen?" So lautete der an den Rand geschriebene Kommentar eines Verlagsmitarbeiters zu den neuen Manuskripten von J. R. R. Tolkien. "Der Hobbit" hatte sich als ein großer Verkaufserfolg erwiesen, etwas Ähnliches sollte her.

Aber das, was der Autor auf Druck des Verlagshauses lieferte, hinterließ Ratlosigkeit. Darunter war ein langes Gedicht und Fragmente einer neuen Geschichte, allerdings ohne Erklärung - und ohne Hobbits. "Ich wüsste nicht", hatte Tolkien zuvor an den Verleger geschrieben, "was es über die Hobbits noch zu sagen gäbe. [...] Aber nur allzu viel zu sagen, wovon vieles schon schriftlich vorliegt, habe ich über die Welt, in die der Hobbit eindrang."

1937 trug sich diese Episode zu. Tolkiens Sohn Christopher überliefert sie in dem von ihm herausgegebenen neuen Buch "Beren und Lúthien". Sein Vater starb 1973, seitdem editiert und veröffentlicht Christopher Tolkien den literarischen Nachlass - und auch dieses Mal wird das Geschriebene bei manchem Leser für Enttäuschung sorgen.

ANZEIGE
J.R.R. Tolkien:
Beren und Lúthien

Herausgegeben von Christopher Tolkien

Aus dem Englischen von Helmut W. Pesch und Hans-Ulrich Möhring

Hobbit Presse bei Klett-Cotta, 304 Seiten, 22 Euro

Nicht nur wegen der fehlenden Hobbits. Vielmehr, weil das Buch die über die Jahrzehnte gewachsene Fangemeinde zwar um einen weiteren Stern im Tolkien-Universum beglückt, als amüsante Märchenlektüre jedoch wenig befriedigt. Es sei denn, man hegt ein Faible für lange Heldengedichte, welche die mythologische Vorgeschichte zu Tolkiens Romanen "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe" darstellen.

Wobei es sich bei der Romanze von "Beren und Lúthien" um die persönlichste Geschichte des Autors handelt. Im Ersten Weltkrieg diente Tolkien als Unterleutnant, erlebte 1916 die Schlacht an der Somme, den verlustreichsten Kampf des Ersten Weltkrieges. Tolkien erkrankte an Fleckfieber und lag im Hospital, zwei seiner besten Freunde waren gefallen, kurz zuvor hatte sich tatsächlich die Szene zugetragen, die ihn zu "Beren und Lúthien" inspirierte: Seine Frau Edith tanzte für ihn auf einer Lichtung inmitten von weißen Blüten, in Yorkshire, wo Tolkien mit seinem Bataillon stationiert war. Ein traumhafter Moment, fantastisch und weltfern, frei von den Schrecken des Krieges.

"Beren und Lúthien" - die Waldlichtung
Alan Lee/ HarperCollins

"Beren und Lúthien" - die Waldlichtung

In "Beren und Lúthien" dient dieser Augenblick als Schlüsselszene: Beren beobachtet Lúthien dabei, wie sie im Wald tanzt. Er ist ein sterblicher Mensch, sie eine unsterbliche Elbin von königlicher Abstammung. Beren verliebt sich in sie und bittet ihren Vater um ihre Hand.

Der stellt ihm eine scheinbar unlösbare Aufgabe: Sollte es Beren gelingen, in die Burg des Feindes einzudringen und ihm einen Edelstein, einen Silmaril, aus der Eisenkrone zu stehlen, darf er Lúthien ehelichen. Beren macht sich auf den Weg und raubt tatsächlich das Juwel - wenn auch mithilfe der gewitzteren Lúthien -, und erstmals wird ein Mensch mit einer Elbenfrau vermählt.

Im Buch macht das schlicht erzählte Märchen, dessen erste Fassung Tolkien 1917 mit Bleistift aufschrieb, etwa 50 von über 300 Seiten aus. Christopher Tolkien bettet die Legende in den Kosmos seines Vaters ein, samt Vorwort, Einordnung und langen Passagen aus dem 1925 geschriebenen "Leithian-Lied", einem in Versform gehaltenen Heldengedicht, in dem die Romanze erzählt wird und das Tolkien nie beendete.

"Heroisch-märchenhafte Abenteuergeschichte"

"Beren und Lúthien" ist keine neue Geschichte. Das Märchen ist das über die Jahre in seiner literarischen und inhaltlichen Form changierende Kernstück zu seinem Werk "Das Silmarillion", einer Sammlung von Fragmenten, die auf Tolkiens Wunsch hin posthum von Sohn Christopher in überarbeiteter und vervollständigter Form veröffentlicht wurde.

Autor J.R.R. Tolkien
Getty Images

Autor J.R.R. Tolkien

Keine Seite in "Beren und Lúthien", das gibt auch Christopher Tolkien zu, beinhaltet unbekanntes oder unveröffentlichtes Material. Trotzdem ist es ihm ein Anliegen, dem Herz des väterlichen Werkes noch ein Buch zu widmen, wobei er die Erzählung als "heroisch-märchenhafte Abenteuergeschichte" beschreibt, die auch für sich verständlich sei. "Aber zugleich ist sie ein Bindeglied, tief eingelassen in den Zyklus, in dem sie erst ihre volle Bedeutung erhält."

"Beren und Lúthien" ist kein Buch, das durch Spannung, Witz oder Sprache besticht. Es berührt, abgesehen von den romantischen Illustrationen von Tolkien-Spezialist Alan Lee, durch das, was hinter dem Werk steht: die immense Erfindungsgabe des Autors, der das moderne Fantasy-Genre begründete. Es gibt Einblicke in die Arbeitsweise Tolkiens, dessen Erzählungen sich über die Jahrzehnte ständig wandelten. Und es ist ein finaler Beweis für die lebenslange Mühe, die sein Sohn in die Aufarbeitung steckte.

"Im Alter von dreiundneunzig Jahren", schreibt Christopher Tolkien, "ist dies (vermutlich) mein letztes Buch in der langen Reihe von Editionen der Schriften meines Vaters." Nicht nur dadurch hängt dem Buch eine gewisse Traurigkeit an. Auch deswegen, weil es von einer großen und unsterblichen Liebe erzählt: Auf dem Grabstein finden sich unter den Namen von John Ronald Reuel Tolkien und seiner Frau Edith Mary die Inschriften "Beren" und "Lúthien".

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Kerze der Freiheit 10.06.2017
1.
Na, hoffentlich ist es besser als der Herr der Ringe, der nicht nur sprachlich allemal durchschnittlich ist, sondern dessen Story auch zuviele Stereotype enthält.
voxel_desert 10.06.2017
2.
Stereotype, die von Tolkin geschaffen wurden. Die Sprache kann ich leider kaum beurteilen, da ich nur die Übersetzung kenne. Er bleibt ein Meilenstein, da können Sie sagen was Sie wollen.
possumgfx 10.06.2017
3. Stereotype?
@Kerze der Freiheit: Die Stereotype, die du in "Herr der Ringe" findest sind dort weil Tolkien die Quelle dieser Stereotype ist. Er wurde seit dem zitiert und seine Ideen sind heute das, was man Fantasy nennt. Elfen, Zwerge, Halblinge und deren Charakteristika sind das erste Mal mit Tolkien literarisch so aufgearbeitet worden. Da ist als würdest du den Gebrüdern Grimm Stereotype über böse Hexen vorwerfen.
Asandal 10.06.2017
4. Durchschnittlich
Ich hoffe du, Kerze der Freiheit, hast den Herrn der Ringe auch in der Orginalsprache gelesen, um eine Aussage über seiner sprachliche Qualität machen zu können. Ich vermute, dass du mit Stereotypen die Stereotypen zu Zwergen ect. meinst. Diese sind jedoch von Tolkin grösstenteils begründet oder gefestigt worden. Sie sind also lediglich von anderen Autor abgenutzt worden.
Dark Agenda 10.06.2017
5. Komischer Beitrag
"Es sei denn, man hegt ein Faible für lange Heldengedichte, welche die mythologische Vorgeschichte zu Tolkiens Romanen "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe" darstellen." Als ob echte Tolkienfans nicht ohnehin das Silmarillion und alle ergänzenden Bände seither gelesen hätten... "Luthien", der lot wird keine Überraschung aber ist bestimmt wieder geil geschrieben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.