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J. R. R. Tolkien und der Erste Weltkrieg: "Mordor erinnert an Schlachtfelder und Schützengräben"

Tolkiens Kriegserlebnisse: Orks und die deutschen Barbaren Fotos
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"Der Herr der Ringe" als Therapie gegen das Schützengraben-Trauma: Der Brite John Garth hat die Kriegstagebücher des "Hobbit"-Autors ausgewertet. Im Interview spricht er über die Fronterlebnisse von J. R. R. Tolkien und deren Folgen für sein Werk.

SPIEGEL ONLINE: Warum ein Buch über den Zusammenhang zwischen Tolkiens Werken und seinen Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg?

Garth: Ich habe mich schon immer für Romane aus dieser Zeit interessiert. Dann stieß ich auf Tolkiens frühe Mittelerde-Texte aus den Jahren 1914 bis 1916 und die erste Version seines Frühwerks "Das Silmarillion", das er unmittelbar nach der Schlacht an der Somme begonnen hatte...

SPIEGEL ONLINE: ...eine der verheerendsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, die mit über einer Millionen getöteten und verwundeten Soldaten in die Geschichte einging.

Garth: Ich wollte verstehen, warum Tolkien derart märchenhafte Geschichten schrieb, während andere Schriftsteller dieser Zeit, so Erich Maria Remarque, ihre Kriegserlebnisse schonungslos realistisch schilderten.

SPIEGEL ONLINE: Tolkien ist hierzulande vor allem für seine Bücher "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe" bekannt. Wo sehen Sie die eindeutigsten Parallelen zwischen seiner Biografie und den Romanen?

Zur Person
  • John Garth, geboren 1966, studierte englische Literatur in Oxford und arbeitet als Journalist für verschiedene britische Tageszeitungen. In seinem Buch "Tolkien und der Erste Weltkrieg" geht er der Frage nach, welchen Einfluss die Fronterlebnisse J.R.R. Tolkiens auf dessen Werke "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe" hatten. Tolkien diente ab 1915 als Offizier der Britischen Armee.
Garth: In "Der Hobbit" erlebt Bilbo auf seiner Reise durch Smaugs Einöde eine beeindruckende Verwandlung. Eine, die Tolkien gut kannte und auch bei anderen Menschen beobachtete, die im Krieg waren. Die Totensümpfe und das trostlose Mordor in "Der Herr der Ringe" sind eindeutig an das Schlachtfeld an der Somme angelehnt und erinnern an die Schützengräben. Frodos Alpträume, aus denen er regelmäßig aufwacht, sind ein Hinweis auf den sogenannten shell shock, auf ein Kriegstrauma.

SPIEGEL ONLINE: Welche Quellen konnten Sie einsehen?

Garth: Ich hatte das Glück, an die handgeschriebene Kriegstagebücher von Soldaten zu kommen. Zusammen mit den persönlichen Aufzeichnungen Tolkiens und seinen Tagebüchern vermittelten sie mir einen detaillierten Eindruck von seinen damaligen Erlebnissen. Doch im Zentrum des Buchs stehen die Briefe zwischen Tolkien und seinen Freunden aus dem TCBS-Club aus dem Zeitraum von 1911 bis 1918.

SPIEGEL ONLINE: ...der Tea Club and Barrovian Society, die Tolkien zusammen mit seinen Freunden in der Schulzeit gründete und die auch später während des Studiums in Oxford Bestand hatte.

Garth: Die Mitglieder verband eine sehr enge Kameradschaft, während des Krieges unterstützten sie sich gegenseitig. Ihre Briefe sind lebhafter Ausdruck ihrer Ängste und Hoffnungen.

SPIEGEL ONLINE: Diese enge Bindung erinnert an die Loyalität der Hobbits in "Der Herr der Ringe."

Garth: Ja, und die Freunde glaubten alle mit jugendlichem Übermut daran, die Welt mithilfe von Kunst verändern zu können. Als dann zwei der vier Mitglieder fielen, schien es so, als würde Tolkien diese Mission noch entschlossener verfolgen.

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"Der Hobbit"-Trilogie: Die Macher von Mittelerde
SPIEGEL ONLINE: Tolkien war zur Zeit des Kriegsbeginns Student in Oxford und meldete sich freiwillig zum Militärdienst. War er Patriot?

Garth: Ja, er empfand die moralische Pflicht, für sein Land zu kämpfen. Seine Verwandten wollten ohnehin, dass er in die Armee geht. Damals herrschte ein hoher gesellschaftlicher Druck. Es war nicht unüblich, dass Männer auf offener Straße verprügelt wurden, wenn sie keine Uniform trugen.

SPIEGEL ONLINE: Hat er selbst an der Front gekämpft?

Garth: Er war ja eigentlich Linguist. Während seines ersten Kampfeinsatzes an der Somme war er Fernmelder - was sehr gefährlich war. Danach war er Fernmelde-Offizier und für die Kommunikation von 700 Menschen verantwortlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben, dass die Kriegserlebnisse zentral waren für die Herausbildung seines Leitmotivs: den Konflikt zwischen Gut und Böse. Mitten in der Schlacht an der Somme schrieb Tolkien, dass es "bei all dem Bösen auch auf unserer Seite in groben Zügen doch ein Krieg Gut gegen Böse ist".

Garth: Er hatte ein sehr klares Verständnis von richtig und falsch, aber er glaubte auch an das Recht nationaler Selbstbestimmung und sympathisierte mit kleinen Staaten wie Belgien, deren Rechte angegriffen wurden. In seinen frühesten Mittelerde-Notizen, also zu einer Zeit, als er noch in England war, setzte er die Deutschen mit Barbaren gleich. Nach der Somme hatte er seine Meinung geändert. Die Schlacht hat ihm klargemacht, dass auf beiden Seiten Menschen kämpfen. Die Orks waren bei ihm also nicht einfach die Deutschen, und die Engländer nicht einfach die Elben.

SPIEGEL ONLINE: Tolkien war Teil der "verlorenen Generation", der man aufgrund ihrer Kriegserfahrung nachsagte, zynisch und desillusioniert zu sein. Lässt sich sein Werk als individuelle Traumatherapie verstehen?

Garth: Ich bezweifle, dass Tolkien es selbst so sehen würde, aber ich vermute stark, dass es so ist. Traumatherapeuten zufolge ist Kreativität ein gutes Heilmittel. Kreative Arbeit kann aufgestaute Wut kanalisieren. Das ermöglichte ihm, mithilfe von Mythen selbst im Chaos einen Rest an Bedeutung zu finden.

Das Interview führte Philipp Rhensius

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insgesamt 33 Beiträge
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1.
kabuki 07.04.2014
soweit ich weiß, hat tolkien diese interpretation sein leben lang bestritten. wird sowas neuerdings über den kopf des autors hinweg interpretiert, nur weil man das unbedingt so sehen will?
2. Das ist ja ganz nett
Bondurant 07.04.2014
Zitat von sysopddp images"Der Herr der Ringe" als Therapie gegen das Schützengraben-Trauma: Der Brite John Garth hat die Kriegstagebücher des "Hobbit"-Autors ausgewertet. Im Interview spricht er über die Fronterlebnisse von J. R. R. Tolkien und deren Folgen für sein Werk. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/j-r-r-tolkien-und-der-erste-weltkrieg-buch-von-john-garth-a-962315.html
aber bei einem Werk wie dem Tolkiens ist es völlig egal, warum er es geschrieben hat. Wenn der nächste Forscher herausfindet, dass er eigentlich nur eine unglückliche Liebe sublimiert hat, wird man das mit dem selben "Interesse" lesen. Mit dem "Herrn der Ringe" hat das so oder so nichts zu tun.
3. Aufschlussreich
rakipyt 07.04.2014
Ein wirklich interessanter Text über die Hintergründe von Tolkiens Werken! Jedoch ärgert mich der kleine Fehler bei den "Elfen", denn es sollte eigentlich Elben heißen
4. Hauptsache, man verkauft was
Chipslette 07.04.2014
Zitat von sysopddp images"Der Herr der Ringe" als Therapie gegen das Schützengraben-Trauma: Der Brite John Garth hat die Kriegstagebücher des "Hobbit"-Autors ausgewertet. Im Interview spricht er über die Fronterlebnisse von J. R. R. Tolkien und deren Folgen für sein Werk. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/j-r-r-tolkien-und-der-erste-weltkrieg-buch-von-john-garth-a-962315.html
Tja, so kann man ein Buch auch verkaufen. Muss nur das richtige Thema haben, was der Autor selbst zum Thema zu sagen hatte, interessiert da wohl nicht.
5. hm ...
Creedo! 07.04.2014
Zitat von sysopddp images"Der Herr der Ringe" als Therapie gegen das Schützengraben-Trauma: Der Brite John Garth hat die Kriegstagebücher des "Hobbit"-Autors ausgewertet. Im Interview spricht er über die Fronterlebnisse von J. R. R. Tolkien und deren Folgen für sein Werk. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/j-r-r-tolkien-und-der-erste-weltkrieg-buch-von-john-garth-a-962315.html
Hatte Tolkien nicht zur Zeit der Entstehung seiner Mittelerdefantasien geheiratet? Mir kommt es eher wie ein Ehetrauma vor: Ein (Ehe)Ring, sie (die Ehemänner) zu knechten, sie (die Männer) alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. bzw.: One Ring to Rule them all (husbands) One Ring to Find them (men) One Ring to bring them all (men) an in the darkness and bind them (men). Das klingt eher nach einer unglücklichen Ehe als nach Kriegstrauma.
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