Feminist Jack Urwin Auch Männer unter den Opfern

Sexismus tut auch Männern weh - das schreibt Jack Urwin in seinem Buch "Boys don't cry". Darin setzt er sich mit den Ursprüngen und Gefahren moderner Männlichkeit auseinander. Ein Treffen.

Zwei Boxer im Ring
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Zwei Boxer im Ring


Es war kurz vor Jack Urwins zehntem Geburtstag: Sein Vater saß mit einer schweren Erkältung zu Hause und konnte nicht zur Arbeit gehen. "Wie geht's dir, Dad?", fragte Jack. "Besser", sagte sein Vater, stand auf und ging ins Badezimmer, wo er starb.

Urwins Vater war 51 Jahre alt, als er einer Herzattacke erlag. Bei der Obduktion fanden Ärzte Narbengewebe auf seinem Herzen. Er musste schon früher einmal einen Infarkt gehabt haben. Seine Familie wusste davon nichts. Kurze Zeit später fand Jacks Mutter ein rezeptfreies Medikament in der Jackentasche ihres Mannes. Der Vater hatte seiner Familie nicht nur seine gesundheitlichen Probleme verschwiegen, er war nicht einmal zum Arzt gegangen, um sich Hilfe zu holen.

In Großbritannien, wo Jack Urwin herkommt, gibt es den Ausdruck to keep a stiff upper lip. Das meint: Durchhalten! Sich nichts anmerken lassen von Schmerzen und Problemen. Echte Männer weinen nicht.

Toxische Männlichkeit

"Wäre mein Vater bereit gewesen, Hilfe anzunehmen, dann wäre er, so meine Überzeugung, nicht so früh gestorben", schreibt Jack Urwin in seinem Buch "Boys don't cry: Identität, Gefühle und Männlichkeit", das jetzt auf Deutsch erschienen ist. Er setzt sich darin mit einer Idee auseinander, die er "toxische Männlichkeit" nennt.

Männer müssen stark und mutig sein und brauchen keine Hilfe. Eigenschaften, die laut Urwin mehr Schaden anrichten als Gutes tun. Männer begehen häufiger Selbstmord, sterben früher. 98 Prozent aller Amokläufe mit Schusswaffen in den USA werden von Männern durchgeführt. Wäre irgendeine andere gesellschaftliche Gruppe statistisch so auffällig, würde mehr darüber gesprochen werden, schreibt Urwin.

Berlin, Kreuzberg - Urwin, 24, ist auf Promotour in Deutschland. Seitdem sein Buch im vergangenen Jahr in Großbritannien rausgekommen ist, hat er sich einen großen, roten Bart stehen lassen. Er lässt ihn, man muss es sagen, männlicher aussehen. Auch das Angebot, sich in ein Café zu setzen, lehnt er dankend ab und führt lieber in eine Kneipe, um ein Bier zu trinken. Alkohol am Mittag ist ja mancherorts auch ein Code für Männlichkeit. Der Unterschied: Urwin trinkt und erzählt - während die meisten Männer, wie er schreibt, eben saufen, um lieber nichts sagen zu müssen.

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Jack Urwin:
"Boys don't cry"

Identität, Gefühl und Männlichkeit

Aus dem Englischen von Elvira Willems

Edition Nautilus; 232 Seiten; 16,90 Euro

Er beginnt mit seinem Großvater, der kämpfte im Zweiten Weltkrieg und kam als "kaum noch funktionierendes menschliches Wesen" zurück. Er war traumatisiert und trank lieber als darüber zu reden, was er erlebt hatte. Gegenüber seinem Sohn zeigte er nie Gefühle. Und so wurde der ein Vater, der wiederum seinem Kind keine Gefühle zeigen konnte - geschweige denn beibringen, wie man diese ausdrückt. "Es ist wie eine Erbkrankheit", sagt Urwin über Männlichkeit. "Mein Vater war wie sein Vater. Und ich war bis vor Kurzem wie meiner."

Die Männlichkeitsbilder, die heute herrschen und von Eltern an Kinder weitergegeben werden, sind für Urwin Ideale einer vergangenen Zeit, in der Männer noch in Minen arbeiteten. Die Erfahrung der Weltkriege und vor allem der Niedergang der Arbeiterklasse hätten die Männer im Westen in eine tiefe Krise gestürzt, schreibt Urwin. In der Folge definierten sie sich nicht mehr über ihre Arbeit, sondern über ihr Verhalten. Die britische Lad-Kultur, repräsentiert durch Bands wie Oasis, zeugt für ihn davon: Weiße Jungs aus der Mittelschicht, die sich so kleiden und benehmen, wie sie sich die Arbeiterklasse vorstellen. Saufen, prügeln, scheiße sein zu Frauen.

Ohne andere Männer gibt es keine Männlichkeit

Männlichkeit heute ist für Urwin eine Überkompensation. Eine Reaktion auf das Gefühl, vielleicht doch kein ganzer Mann zu sein. Gleich beginnt die Bundesliga, die Kneipe füllt sich mit Fußballfans. Darunter auch Anhänger von Borussia Dortmund. Vergangenen Monat griffen Ultras des selbst ernannten Arbeitervereins Dortmund Fangruppen von RB Leipzig an. Darunter Frauen und Kinder. Kein Glanzmoment moderner Männlichkeit.

Jack Urwin
Michael Barker

Jack Urwin

Für Urwin ist Mannsein unweigerlich verbunden mit einer Mobkultur: "Wir müssen uns ständig vor anderen Männern unter Beweis stellen", das fördere Exzess und Gewalt. Und das ist dann auch das größte Paradox des modernen Mannseins: Idealerweise ist man sich selbst genug, braucht niemanden und kommt mit seinen Problemen allein klar. Andererseits gibt es keine Männlichkeit ohne andere Männer. "Mehr als jede andere Gruppe in der Gesellschaft lassen wir Männer uns von Männern definieren."

Es braucht also Männer, um Männer zu ändern. Und zwar immer noch besonders männliche. In seinem Buch erzählt Urwin von einer Kampagne des Samariter-Ordens, die Männer in emotionalen Nöten helfen soll. Die Organisatoren testeten verschiedene Plakate und kamen zu dem Schluss, dass Männer am ehesten auf Bilder von Arbeitern, Soldaten und Boxtrainern anspringen. Die wurden dann an "Selbstmord-Hotspots" wie Bahnhöfen aufgehängt, darunter steht der Satz: "Wir sind auf deiner Seite".

Urwin sieht diese Kampagne kritisch, vermittelt sie am Ende doch wieder die Vorstellung, "Männlichkeit wäre etwas Erstrebenswertes". Aber sie rettet nun mal Leben. Ähnlich zwiegespalten ist Urwin beim Thema Armee. Die findet Urwin eigentlich auch nicht gut, plädiert aber dafür, männerdominierte Institutionen wie das Militär zu benutzen, um jungen Kerlen zu zeigen, das Männlichkeit auch anders aussehen kann. "Es von Männern zu hören, die sie respektieren, ist viel effektiver, als eine feministische Autorin zu lesen."

Urwin will bloß nichts Falsches sagen

Da liegt auch das Potenzial von Urwins Buch. Er schreibt über Themen, die vor allem feministische Autoren aufgreifen, unterscheidet zwischen biologischem und sozialem Geschlecht - erzählt aber aus der Perspektive eines Mannes. Er schreibt über Sex, Pornografie, männliche Jungfräulichkeit und unrealistische Körperbilder. Alles unterfüttert mit reichlich persönlicher Erfahrung. Er erzählt auch von seiner Unfähigkeit, über seine Depression zu sprechen - und von den Verletzungen, die er sich selbst zufügt. Bis er seinen eigenen Vater in sich erkennt und sich Hilfe holt.

Urwin ist kein Experte für Genderfragen, vor dem Schreiben seines Buches musste er erst mal recherchieren und lesen. Er macht kein Geheimnis daraus, dass er auf der Arbeit anderer aufbaut. Es war auch eine Feministin, die das Buch überhaupt möglich gemacht hat. 2014 schrieb er zum ersten Mal in einem Essay für "Vice" über toxische Männlichkeit. Sein Text - der zweite, für den er jemals bezahlt wurde - ging um die Welt und die Britin Laurie Penny besorgte ihm einen Literaturagenten.

Ein bisschen klingt Jack Urwin so, als ob er bloß nichts Falsches sagen will: Das Thema Männlichkeit und Religion habe er aus seinem Buch rausgelassen, weil er kein "Recht habe, darüber zu sprechen". Dasselbe gilt für alle anderen Fragen der Männlichkeit, die nicht explizit heterosexuelle weiße Männer betreffen.

Auf den Vorwurf einer Journalistin, sein Text habe zu wenig Fußnoten, sagt Urwin im Interview: "Ich glaube nicht, dass das ein besonders gut geschriebenes Buch ist." Und wenn man darauf hinweist, dass es ja doch etwas Außergewöhnliches sei, wenn ein Mann über solche Themen schreibt, stöhnt er und guckt, als ob ihm jemand auf dem Fuß stehen würde.

"Ich habe einen Buchvertrag mit 23 Jahren bekommen, mich hat vorher niemand gekannt, und ich schreibe über ein Thema, von dem ich zunächst keine Ahnung hatte. Wenn du weißes männliches Privileg in Aktion sehen willst: Hier bin ich".

Das kann man zu defensiv finden; oder passend für jemanden, der so ein Buch schreibt. Manche werden es auch unmännlich finden. Aber die haben dann vielleicht nicht richtig aufgepasst.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
Phil2302 08.03.2017
1. Kann ich nicht nachvollziehen
Wie soll ein Mann, der an Depressionen leidet und anscheinend nie eine innige Beziehung zu seinem Vater hatte, das Leben vieler anderer Männer beurteilen (oder verurteilen), der unter ganz anderer Perspektive als er aufgewachsen sind? Ein Mann, der sich männlich verhält (ohne dem Begriff jetzt zu definieren), hat es in der Gesellschaft nun einmal viel einfacher. Warum sollte ich mich also verstellen und weniger männlich werden, wenn ich mich so, wie ich lebe, sehr wohl fühle? Ich bin kein Macho, lebe aber meine Gefühle nicht nach außen und halte mich auch an das Motto "Indianer kennt kein Schmerz". Das heißt aber nicht, dass ich zu meiner Familie nicht offen bin und bei Problemen nicht zum Arzt gehe. Finde viele Thesen die er äußert weit hergeholt ohne wissenschaftliche Basis.
heinz.murken 08.03.2017
2. Jungs, es liegt doch an uns
Entweder wir rennen einem Klischee hinterher. Oder leben einfach so, wie wir uns wohlfühlen. Statt zu leben, wie es von wem auch immer verlangt wird. Wer so lebt, daß er sich wohlfühlt, lebt meist gesünder. Und kommt so auch, ganz nebenbei, authentischer rüber. Trotzdem möchte ich eins nie erleben, über längere Zeit nur unter Frauen leben. Männer brauchen nun mal Männer. Frauen können Männer nur sehr bedingt verstehen (bei aller Liebe...)
thegambler 09.03.2017
3.
Ich finde die These vom Autor auch etwas fragwürdig. Zum einem weil sich in den letzten 30 Jahren doch eine Menge geändert hat in bezug auf Männlichkeit. Und zum anderen weil immer wieder die positiven Aspekte der Männlichkeit vernachlässigt werden und nur der weichgespülte, verständnisvolle Mann eine Zukunft hat.
Kabuto 09.03.2017
4. Weiß und männlich zu sein
bedeutet offenbar nur, dass ihn Feministinnen in Position schieben.
chris4you 09.03.2017
5. Da war sie wieder,
die unreflektierte "toxische Männlichkeit". Scheint bei der feministischen Abteilung sehr beliebt zur Zeit zu sein, siehe hier: https://allesevolution.wordpress.com/2016/06/15/margarete-stokowoski-ueber-gewalt-durch-maenner-und-toxische-maennlichkeit/, die Anmerkungen lassen sich ansatzweise auch auf diesen Artikel hier übertragen. Immerhin richtig erkannt: " Männer begehen häufiger Selbstmord, sterben früher.". Daher gibt es ja auch in Deutschland überschwengliche Hilfsangebot speziell an selbstmordgefährdete männliche Jungendliche. Sie kennen keines? Ich auch nicht, fragen sie doch bitte da mal bei unseren dafür zuständigen Ministerium nach ;o)... Und wenn ich dann noch an die Reaktionen wenn ein Mann häusliche Gewalt durch Frauen erlebt (im Gegensatz zur medialen, offiziellen Ministeriumsmeinung liegt die Verteilung hier bei nache 40%) und rießen große Zahl von Männerhäusern, die von den weiblichen Gleichstellungsbeauftragen, dann geht einem wahrlich das Herz auf, bei solch massiver Unterstützung der meist weiblich konotierten Stellen... Wer Ironie findet, darf sie behalten und ansonsten fällt mir zu dem Artikel das allgemein gültige, feministische mimimi ein, das natürlich keinesfalls regressiv gemeint ist.. ;o)
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