Episodenbuch "Momente der Klarheit" Ein Trennungsroman zum Verlieben

Großstädter im Gefühlschaos: Die Journalistin und Fernsehautorin Jackie Thomae erzählt vom Ideal romantischer Liebe. Und von den Momenten, in denen die Illusion an der Realität zerbricht.

Autorin Jackie Thomae: Aufwachen aus dem Traum, den wir Liebe nennen
Urban Zintel

Autorin Jackie Thomae: Aufwachen aus dem Traum, den wir Liebe nennen

Von


Schubi ist ein Pragmatiker der Liebe. Bislang ist er mit Sandra zusammen. Für Sandra spricht, dass sie da ist. "Denn die meisten Frauen, die gut aussehen und was in der Birne haben, ziehen nach der Schule fluchtartig in die Stadt. Sandra hat so mittel was in der Birne und sieht mal so, mal so aus, hat aber ständig Sex mit ihm."

Schubi ist also eigentlich ein genügsamer Typ. Er ist 27, kifft von früh bis spät, mag Bier lieber als Wein, Pizza lieber als Schnickschnack-Essen, Serien lieber auf Deutsch als im englischen Original. Wenn jemand wie Schubi nun plötzlich doch auf die Idee kommt, seine Freundin zu verlassen, dann hat das einen ganz pragmatischen Grund: Er hat den Lotto-Jackpot geknackt. "Er ist reich. Reich sein heißt zusammengefasst: alles in bester Qualität haben können, auch Frauen." Oder genauer: alles in bester Qualität haben müssen. Willkommen in der Multioptionsgesellschaft.

Die Journalistin und Fernsehautorin Jackie Thomae erzählt in ihrem Debütroman von Trennungen. Von den Momenten, in denen wir kurz aufwachen aus dem Traum, den wir Liebe nennen - nur um dann möglichst schnell wieder die Augen zu schließen und mit jemand anderem weiter zu träumen. "Momente der Klarheit", so der sprechende Titel, handelt vom Ideal romantischer Liebe - und von der Realität, über die uns das Ideal hinwegtröstet.

Traurig-schöne Formulierungen

Der Kiffer Schubi ist in gewisser Weise untypisch für die Menschen, die uns in diesem Episodenroman begegnen. Die anderen sind älter, meist Anfang 40. Sie sind Großstädter, genauer: Berliner. Vor allem aber sind sie Romantiker der Liebe, wenn auch enttäuschte.

Ariane zum Beispiel hat zwei Kinder mit zwei Männern, "dem ersten Mann" und "dem dritten Mann", weshalb sie mit beiden Kindern und beiden Männern gemeinsam im Patchwork-Urlaub ist. In Gedanken aber ist Ariane immer nur bei einem: "dem mittleren Mann", dem einzigen, den sie je richtig geliebt hat. "Es ist, wie es ist", sagt sie gebetsmühlenartig vor sich hin, und wem nun ein Gedicht von Erich Fried in den Ohren klingelt, der liegt nicht so falsch. Der Roman "Momente der Klarheit" ist der ernüchterte Widerpart zu Frieds hymnischer Liebeslyrik. "Ich bin die Frau", sagt Ariane, "die immer Zigaretten holen geht und immer zurückkommt."

Thomae gelingen häufiger Sätze wie diese, traurig-schöne Formulierungen. "Momente der Klarheit" ist ein Trennungsbuch mit Sätzen zum Verlieben.

Gleichzeitig steckt der Roman voller Szenen zum Gruseln. Denn man erkennt all die Figuren wieder, die Thomae zeichnet, und manchmal erkennt man sich sogar in ihnen, als großstädtischer Kulturarbeiter. Das liegt sicher auch daran, dass Thomae die Figuren aus dem soziokulturellen Kosmos fischt, in dem man selbst schwimmt: Es gibt einen Regisseur, zwei Musiker, eine Künstlerin, zwei Filmproduzenten, eine Historikerin, einen Medienanwalt. Aber vor allem liegt es daran, dass Thomae sehr genau beobachtet, mit klarem Blick, und ihre Beobachtungen mit klaren Worten aufschreibt.

Thomae erzählt von Menschen, die in Patchwork-Verhältnissen leben, und sie tut dies in einem Patchwork-Stil: "Momente der Klarheit" ist ein Episodenroman, in dem einzelne Figuren dem Leser immer wieder neu begegnen, in immer neuen Beziehungen. Jeder war und ist mit jedem verbandelt: ein Reigen, in dem man nur den Überblick behält, wenn man hin und wieder das Personenregister am Ende des Buches aufschlägt.

"Diese Stadt hat dreieinhalb Millionen offizielle Einwohner", sagt die Videokünstlerin Isabel in einer Episode, "aber wir schwimmen in einem verseuchten Tümpel, in dem sich ungefähr 150 Fische rumtreiben, die es immer wieder untereinander treiben". Es ist eine plakative Botschaft, aber eine realistische.

Tragische Zuckerschnute

Gemeinsam mit Heike Blümner hat Thomae 2008 das Sachbuch "Eine Frau. Ein Buch" veröffentlicht, das sich hunderttausendfach verkaufte, und 2011 das Sachbuch "Let's Face it. Das Buch für alle, die älter werden". Ums Altern geht es jetzt wieder. Um das Altern der Liebe, im übertragenen Sinne. Aber auch um das Altern der Liebenden - und um die Frage, was das mit ihrer Liebe macht.

Zu den besten, den traurigsten Episoden des Buches gehören jene mit Bender, dem Musikproduzenten. Auf dem 40. Geburtstag eines befreundeten Regisseurs, der unbedingt in einem Klub feiern wollte, fühlt Bender sich unwohl. Und alt. Er hat verlernt, wie man eine Tanzfläche überquert, ohne permanent gestoßen und getreten zu werden.

Benders Frau Doro hingegen tanzt auf dem Tresen, und zunächst schaut Bender stolz zu ihr hoch, auf ihren Hintern, ihren "perfekt geformten kleinen Hintern", wie er findet, aber dann beobachtet er vor dem Tresen eine jüngere Frau - und die belustigten Blicke der jüngeren Frau auf Doro.

Bender schaut wieder hoch, sieht Doro einen Schmollmund machen, eine Zuckerschnute ziehen, sich niedlich geben - und findet das plötzlich tragisch. Denn niedlich, das sind die anderen: jene, die in einen Klub wie diesen gehören. "Doro setzt auf eine Taktik, deren Verfallsdatum schon vor Jahren abgelaufen ist, und das stört ihn so maßlos, weil er es nie gesehen hat, obwohl er es eigentlich wusste." Er sieht plötzlich nicht mehr eine Frau, die er zu lieben glaubt, er sieht "eine alte Bekannte, die sich danebenbenimmt".

Bender verlässt den Klub, alleine und desillusioniert, und trottet zu Fuß durch die Nacht davon - bis ein Wagen neben ihm hält, am Steuer jene junge Frau, deren Blicke auf Doro er drinnen beobachtet hat. Er steigt in ihren Wagen, "und als Bender anfängt zu reden, löst sich etwas in ihm, und alles, was aus ihm herauskommt, all seine Geschichten und Ansichten sind mit einem Mal wieder aufregend und neu".

Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben. Eine neue Illusion.

Anzeige

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.