Arjouni-Krimi "Bruder Kemal" Der Straßenköter und die scharfe Mutter 

Geschäftstüchtige Islamisten, windige Buch-Fuzzis, High-Society-Ladies mit Rotlicht-Vergangenheit: Willkommen in Frankfurt! Nach zehn Jahren jagt Jakob Arjouni wieder Straßenköter Kayankaya durchs Bahnhofs- und Diplomatenviertel. Große Krimi-Kunst.

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Kemal Kayankaya fährt jetzt Rad, für einen Detektiv muss das ziemlich demütigend sein. Statt hinterm Autolenkrad bei einer Zigarette über die Verdorbenheit der Welt im Allgemeinen und die seiner Klienten im Besonderen zu sinnieren, dem alten geschundenen Körper beim Radeln die Nikotinsucht auszutreiben - das stellt die Lebensgewohnheiten eines Schnüfflers doch arg auf den Kopf.

Autor Jakob Arjouni spielt seinem Romanhelden Kayankaya übel mit. Mehr als zehn Jahre hat er ihn nicht mehr zu Wort kommen lassen, jetzt ist der deutsch-türkische Detektiv und Ich-Erzähler 53 Jahre alt und nach eigenen Worten ziemlich in die Breite gegangen. Statt ihn Bier saufen zu lassen, gönnt ihm Arjouni nur noch ab und an ein gutes Fläschchen Wein mit der Lebensgefährtin, mit der er zudem auch noch in einer Vier-Zimmer-Altbauwohnung mit Holzfußboden im Frankfurter Westend wohnt. Und dann, oje, will die Frau auch noch ein Kind von ihm. So beerdigt man Krimi-Helden.

Oder doch nicht? Famos, wie Arjouni im fünften Kayankaya-Roman unter der saturierten Fassade den alten türkischen Straßenköter hervortreten lässt, der im Dreck anderer Leute schnüffelt - instinktgeleitet wie vor einem Vierteljahrhundert, als das erste Buch mit Kayankaya erschien. Damals noch im verlockenden gelbschwarzen Taschenbuchumschlag, also in jenem Design, in dem der Diogenes-Verlag auch die Krimis von Raymond Chandler herausbrachte. Jenem Autor, dessen Ideen Arjouni damals perfekt vom Los Angeles der Dreißiger ins Frankfurt der Achtziger überführte; jenem Autor, der mit der Figur des Philip Marlowe quasi die DNA für alle alle folgenden Privatdetektive stiftete.

Die Marlowe-Masche zieht noch immer

Das Schnüffeln und die Impertinenz sind in dieser Hinsicht also quasi Erbkrankheiten. Und sie treten bei Kayankaya - Alter hin, Arriviertheit her - wunderbarerweise gleich auf den ersten Seiten von Arjounis neuem Roman zutage. Da nimmt Kayankaya eine neue Klientin ins Visier - und die körperlichen Vorzüge der Dame werden dabei genauso registriert wie die gesellschaftlichen Widersprüche, die sich in ihr zu manifestieren zu scheinen.

Unglaublich, die alte Marlowe-Masche zieht noch immer. Chandlers Prototyp des Private Eye und all seine Nachfolger funktionieren ja in gewissem Sinne genau umgekehrt zu allen anderen Männer: Werden sie von einer Frau in den Bann gezogen, schaltet sich ihr Kopf nicht wie bei ihren Geschlechtsgenossen aus, sondern beginnt auf einmal auf Hochtouren zu laufen.

Und so verhält es sich nun auch wieder bei Kayankaya am Anfang von "Bruder Kemal": Da versenkt er sich in den Anblick einer blonden Mittvierzigerin, die ihn damit beauftragen will, ihre mit einem Fotografen durchgebrannte Tochter aufzuspüren. Die scharfe Mutter residiert in einer Villa im noblen Frankfurter Diplomatenviertel, ihr kurzes Top legt ein Schlangen-Tattoo frei, das von der Scham bis zu den Brüsten reichen muss und den staunenden Ermittler an eine Prostituierte erinnert. Was für ihn alles andere als eine Degradierung darstellt: Schließlich ging früher auch seine Lebensgefährtin, die ihm das schmucke Westend-Nest hergerichtet hat, auf den Strich.

Arjouni ist schlau genug, die Widersprüche seiner Figuren nicht durch einen Alleschecker-Helden auflösen zu lassen. Stattdessen nutzt er dessen ironisch beschriebene Erotisierung, um das Sensorium zu schärfen. Die Milieus, die Kayankaya bei seinen Recherchen durchstreift, werden einerseits genüsslich in ihren Eigenheiten beschrieben, andererseits aber auch immer wieder paradox aufgeladen. So führt die Spur der verschwundenen Tochter in islamistische Kreise, und gleichzeitig übernimmt der Detektiv den Personenschutz für einen marokkanischen Buchautor, der während der Buchmesse in Frankfurt sein islamkritisches neues Werk vorstellt und dafür scheinbar bedroht wird.

Die Art, auf die Arjouni diese beiden Erzählstränge zusammenführt, besitzt einen sardonischen Witz, wie man ihn selten bei deutschen Autoren findet: Mit den religiösen Eiferern, an die Kayankaya gerät, ist eigentlich ganz gut zu reden, solange man sie ihre Drogengeschäfte erledigen lässt. Der verfolgte Buchautor blüht umso mehr auf, je mehr Drohanrufe einzugehen scheinen. Darf man über sowas lachen? Bei Jakob Arjouni sind Islamismus und Islamkritik Geschäftsfelder, die wie alle anderen auch gewisser Werbemaßnahmen bedürfen.

Marlowe hätte sich für diese bittere Erkenntnis eine angezündet. Seinem hessischen Wiedergänger Kayankaya bleibt nichts anderes übrig, als schwitzend in seine Spießerwohnung zurückzuradeln.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
kumi-ori 03.09.2012
1.
Ich habe vor zwanzig Jahren mal einen Krimi von Arjouni angefangen und, was ich bei einem Krimi sehr selten tu, nach zehn Seiten wieder weggelegt. So ein Spätpubertäres Gefasel.
Solschenizyn 03.09.2012
2. Geschmackssache
Ich mag Arjouni und habe alle Kayankayas gelesen, auch wenn ich ansonsten selten Krimis zur Hand nehme. Auch diesen möchte ich mir nicht entgehen lassen.
heineborel 04.09.2012
3. Der eine mag's, der andere nicht...
Zitat von kumi-oriIch habe vor zwanzig Jahren mal einen Krimi von Arjouni angefangen und, was ich bei einem Krimi sehr selten tu, nach zehn Seiten wieder weggelegt. So ein Spätpubertäres Gefasel.
Ich habe bisher 2 von den Kayankaya-Krimis gelesen und fand beide ausgesprochen gut! Was sie "spätpubertäres Gefasel" nennen, würde ich mit "mitten im Leben" bezeichnen. Die Figur des Privatdetektivs ist nunmal niemand, der beim Anblick des Frankfurter BHV Hesse zitieren würde ... Aber wie gesagt: Der eine mag's, der andere nicht...
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