Desperado-Drama Der wilde, wilde Westen fängt gleich in der Hölle an

Das Blutbad, das man die Besiedlung der USA nennt: In "Das Böse im Blut" zeigt James Carlos Blake die Welt der Cowboys und Pioniere als bösartigen, gewalttätigen Ort - selbst eine Serie wie "Deadwood" wirkt dagegen so harmlos wie "Bonanza".

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"Geschichte ist gewalttätig", meint James Carlos Blake
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"Geschichte ist gewalttätig", meint James Carlos Blake


Rastlosigkeit, Aufbruch, Hoffnung - das sind die zentralen Motive amerikanischer Westerngeschichten. In James Carlos Blakes "Das Böse im Blut" machen sich zwei Brüder im Teenageralter auf in Richtung Westen, doch von dem optimistischen "Go West, Young Man", in unzähligen Western beschworen, ist in diesem knietief im Blut watenden Roman nichts zu spüren.

John und Edward Little, die Hauptfiguren dieser in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts spielenden Geschichte, müssen sich schon in früher Kindheit an ein Leben voller Gewalt gewöhnen. Ihr Vater Jack ist ein Trunkenbold, ihre Mutter Lilith eine Hure. Gleich auf der ersten Seite des Romans tötet der Vater einen Mann. Nur weil der es gewagt hatte, Lilith zum Tanzen aufzufordern. Der 13-jährige Edward schaut fasziniert zu: "Daddyjacks entschlossene Miene, als dieser die Klinge noch einmal heftig drehte, bevor er sie mit einem Ruck herauszog, brachte sein Blut in Wallung."

Drei Jahre später bringen die beiden, aufgehetzt von ihrer Mutter, den Vater um. Eine Tat, die sie ihr Leben lang verfolgen wird. Die Brüder fliehen vor ihren Schuldgefühlen, vor dem Geist ihres Vaters, der sie in ihren Albträumen plagt, Nacht für Nacht. Bis sie fast an ihrer Angst ersticken.

Edward und John sind Getriebene, ohne echtes Ziel, ohne Hoffnung auf ein besseres Leben. Verlorene Seelen, wie sie John Wayne in "The Searchers" oder James Stewart in "Winchester 73" darstellte. Ihr Weg führt die Brüder von Florida nach New Orleans, und als sie dort ankommen, ist der Prozess ihrer Verrohung abgeschlossen, sind sie zu Mördern geworden, zu Dieben und zu Vergewaltigern.

Gier und Geilheit

"Geschichte ist in ihrem Kern gewalttätig", hat James Carlos Blake einmal gesagt. "Alles läuft darauf hinaus, dass, so viel man auch mit netten Worten erreichen kann, man mit netten Worten und einer Waffe noch mehr erreichen kann."

Diesem pessimistischen Grundgedanken folgen alle Romane von James Carlos Blake. "Das Böse im Blut" ist das dritte von bislang elf Büchern des in Mexiko geborenen US-Amerikaners und jetzt, nach 16 Jahren, endlich ins Deutsche übersetzt worden. Zusammen ergeben die Bücher ein Pandämonium der amerikanischen Geschichte, erzählt vom äußersten Rand der Gesellschaft. Blakes Helden sind Kriminelle und Revolutionäre; Pancho Villa gehört dazu, der Revolverheld John Wesley Hardin und "Handsome Harry" Pierpont, Mitglied der Gang von John Dillinger. Gewalttätige Männer, die rücksichtslos ihren Weg gingen, der meist in einem frühen Grab endete.

In "Das Böse im Blut", das von US-Kritikern mit Cormac McCarthys Meisterwerk "Die Abendröte im Westen" auf eine Stufe gestellt wird, erzählt Blake die Besiedelung des amerikanischen Westens als Blutbad. Gier und Geilheit scheinen für die Menschen die einzigen Antriebsfedern zu sein. Als Freiwillige für den mexikanisch-amerikanischen Krieg gesucht werden, finden sie sich leicht unter den Desperados, die sich Reichtümer erhoffen. "Ungefähr alles, was man da unten nicht essen kann, ist aus Gold", glaubt einer der Rekruten über Mexiko zu wissen.

Der Krieg bildet den Höhe- und Schlusspunkt von "Das Böse im Blut": ein endloses Massaker, währenddessen sich schließlich auch die Brüder Little wiedertreffen, die sich in einer trunkenen Mordnacht in New Orleans aus den Augen verloren hatten. Es ist ein ganz wunderbares, absurdes Bild, das Blake für die Sinnlosigkeit des Kriegs findet: Während Edward als Mitglied einer Bande mexikanischer Outlaws auf der Seite der Amerikaner Mexikaner tötet, gehört John zu einer Einheit amerikanischer Überläufer, die für Mexiko in die Schlacht zieht. Nicht aus Überzeugung, sondern einfach, weil es sich so ergeben hat. Hier kämpft niemand für Ideen und Ideale, sondern jeder für sich.

Mit alttestamentarischer Wucht entwirft James Carlos Blake in "Das Böse im Blut" die Welt als einen höllischen Ort, voller Bösartigkeit und Niedertracht. "Das Böse im Blut" ist derartig finster, dass dagegen selbst die Fernsehserie "Deadwood", die vor knapp zehn Jahren so manches Westernklischee auf seinen gewalttätigen Kern zurückführte, so harmlos wirkt wie "Bonanza".

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insgesamt 4 Beiträge
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adice 29.10.2013
1. Cormac McCarthy
ist ein großer Schriftsteller. Da macht mich ein Vergleich mit ihm immer neugierig. Habe dann sofort online die ersten Absätze aus dem hier besprochenen Roman gelesen. Patronenhülsen kamen noch keine vor, aber jede Menge Worthülsen. Wirklich ein grausamer Text!
Karbonator 29.10.2013
2.
Dieses Buch oder doch Blood Meridian von Cormac McCarthy? Hmm... schwierig...
mamacru 29.10.2013
3. Danke
für den Tip. Der Autor ist hierzulande ja nahezu unbekannt. Besser als Blood Meridian wird es wohl kaum sein, macht nix, von dem Stoff hatte ich mir eh mehr gewünscht.
Pung Sunglung 29.10.2013
4. Kurzfassung
Das Buch hat dem Rezensenten gefallen, weil soviel Leichen drin vorkamen. Das hilft mir als potentiellem Leser aber nicht weiter. Um sich mit Herrn McCarthy vergleichen zu können, ist dann doch noch ein bisschen mehr nötig.
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