Krimi-Meister James Ellroy "Jeder Böse zahlt seinen Preis"

Los Angeles lebenslänglich: Der amerikanische Krimi-Star James Ellroy, 67, über seinen neuen Roman "Perfidia", seinen Glauben an Gott und die Hassliebe zu seiner Heimatstadt.

Marion Ettlinger

Ein Interview von Susanne Weingarten


SPIEGEL ONLINE: Mr. Ellroy, Ihr neuer Roman "Perfidia" spielt in Los Angeles nach der Bombardierung von Pearl Harbor im Dezember 1941. Der japanische Angriff erzwingt den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Werden Sie jetzt zum Kriegsautor?

Ellroy: Als ich acht Jahre alt war, glaubte ich, der Zweite Weltkrieg sei noch voll im Gange. Das war 1956. Irgendwann nahm mich meine Mutter beiseite und erklärte mir, dass der Krieg drei Jahre vor meiner Geburt zu Ende gegangen sei. Damals habe ich ihr nicht geglaubt, und ich bin nicht sicher, ob ich ihr heute glaube. Der Krieg reizt mich natürlich als gewaltiges, alles veränderndes Thema – er hat die USA zur Weltmacht gemacht.

Zur Person
    James Ellroy, Jahrgang 1948, begann seine Schriftstellerkarriere 1979 mit "Browns Grabgesang". Mit "Die Schwarze Dahlie" gelang ihm der internationale Durchbruch. Unter anderem wurde Ellroy fünfmal mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet, zahlreiche Bücher wurden verfilmt, darunter "L.A. Confidential".
SPIEGEL ONLINE: Sie erklären gerne, dass Sie eigentlich in jener Vergangenheit leben, in der Ihre Romane spielen, häufig dem Los Angeles der Vierziger- und Fünfzigerjahre. Das klingt nach einem komplizierten Alltag.

Ellroy: Ich bin kein Psychopath, ich höre auch keine Stimmen, und ich habe natürlich einen normalen Alltag in der Gegenwart: Ich gehe einkaufen, treffe mich mit Freunden, mache Lesereisen nach Deutschland. Aber ich habe mich noch nie auf einem Computer eingeloggt, besitze kein Handy und keinen Fernseher und schreibe meine Bücher mit der Hand auf weißem Notizpapier. Mein eigentliches, mein inneres Leben spielt sich in der Vergangenheit ab – darauf sind meine ganze Sehnsucht und Neugier gerichtet. Ich lebe vor allem in meinem Kopf.

SPIEGEL ONLINE: Beim Schreiben von "Perfidia" müssen Sie dementsprechend in Patriotismus geschwelgt haben?

Ellroy: Ja, ich war einer jener jungen Amerikaner, die sich aus patriotischer Begeisterung zum Wehrdienst melden, aber ich war auch Teil der "fünften Kolonne" kaisertreuer Japaner in Los Angeles, ich war US-Präsident Franklin D. Roosevelt ebenso wie ein versoffener katholischer Polizei-Captain und ein psychopathischer Vergewaltiger. Ich bin ganz ins Los Angeles des Jahres 1941 eingetaucht. Als Autor brauche ich diese Art von gutartigem Größenwahn, um freihändig eine Parallelgeschichte der Welt zu erfinden.

SPIEGEL ONLINE: Sie kündigen "Perfidia" als ersten Band eines zweiten L.A.-Quartetts an, einer 2800 Seiten starken Vorläuferreihe, in der viele Figuren aus Ihrem berühmten ersten L.A.-Quartett wieder aufleben sollen. Allerdings wird das Personal, das Ihre Leser aus "Die schwarze Dahlie" oder "L.A. Confidential" kennen, jetzt um Jahre jünger sein. Ganz schön größenwahnsinnig, oder?

Ellroy: Die Idee kam mir in einer Art Synapsenblitz. Ich stand 2008 am Fenster meines Arbeitszimmers und sah plötzlich ein Bild vor mir: einen Armee-Truck voll japanischstämmiger Amerikaner, die mit Handschellen gefesselt waren und von US-Soldaten mit Maschinengewehren bewacht wurden. Der Truck quälte sich im Februar 1941 einen schneebedeckten Berg zum Manzanar-Internierungslager in Kalifornien hoch. Durch dieses Bild wurde mir schlagartig klar: Ich werde ein zweites L.A.-Quartett schreiben, der erste Roman wird "Perfidia" heißen, er wird vier Hauptfiguren haben, darunter Kay Lake aus der "Schwarzen Dahlie", und der Roman wird am Tag vor der Pearl-Harbor-Attacke einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben, wie Los Angeles aus Angst vor Luftangriffen teilweise verdunkelt wurde und Hollywoodstar Bette Davis bei Werbeveranstaltungen für Kriegsanleihen auftrat. Wir Europäer denken beim Zweiten Weltkrieg nicht unbedingt an die US-Westküste.

Ellroy: Die Stadt war das Zentrum der militärischen Operationen im Pazifik, und die Aufrüstung befand sich schon vor Pearl Harbor im vollen Gange. Aber es war nicht alles schlecht – die Nachtklubs waren voll, die Leute feierten rauschende Partys, es gab viele spontane Heiraten und ungewollte Schwangerschaften. Vor dem Krieg tanzte Los Angeles euphorisch am Rande des Abgrunds.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind in L.A. geboren und aufgewachsen, und Sie gelten als wichtigster literarischer Chronist der Stadt. Aber Sie haben ein Vierteljahrhundert an anderen Orten gelebt. Warum sind Sie zurückgegangen?

Ellroy: Nun, meine Ehefrau hatte sich von mir scheiden lassen, meine Geliebte hatte mich abserviert, und ich brauchte Geld. In Los Angeles bin ich als Autor fürs Fernsehen und Kino gefragt. Inzwischen weiß ich, dass ich hier leben muss – ich muss spüren, wie diese Stadt tickt, auch wenn mich das heutige L.A. längst nicht so fasziniert wie das historische. Aber Geografie ist Schicksal: Ich bin genau auf dem Höhepunkt der Noir-Ära in der Hochburg des Noir-Genres geboren worden. Was Los Angeles angeht, so habe ich lebenslänglich, ohne Chance auf Bewährung.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt einen klassischen Kriminalfall in "Perfidia" – eine japanisch-amerikanische Familie wird erstochen, und die Leichen werden so arrangiert, dass es nach rituellem Selbstmord aussieht. Was sind Sie als Autor den Opfern in Ihren Romanen schuldig?

Ellroy: Das, was ich allen meinen Figuren schuldig bin – ihr Leben angemessen und präzise zu schildern. Wir erfahren im Laufe des Romans viel mehr über die Watanabes, wir sehen, was sie zu Opfern gemacht hat, inwieweit sie selbst Täter waren und wie es zu ihrem gewaltsamen Tod kam. Als Autor muss ich meinen Figuren eine zugleich kritische wie mitfühlende Sicht auf ihr Leben und die gesellschaftlichen Umstände, die sie geprägt haben, gewähren.

SPIEGEL ONLINE: Sie erzählen mit großer Geduld und Genauigkeit von den Details der Watanabe-Morduntersuchung. Haben Sie je selbst mit dem Gedanken gespielt, Cop zu werden?

Ellroy: Nein, ich bin zu früh mit dem Gesetz in Konflikt geraten, die hätten mich nicht genommen. Außerdem hat man als Polizist jeden Tag mit anderen Menschen zu tun, und dadurch kann man nicht in seinem Kopf leben.

Und so ist das Buch
SPIEGEL ONLINE: Was glauben Sie als ehemaliger Kleinkrimineller, der mehrere kurze Gefängnisstrafen abgesessen hat: Sollte man Menschen bestrafen oder rehabilitieren?

Ellroy: Bestrafen. Davon bin ich fest überzeugt, zum Leidwesen meiner liberalen Freunde. Ich wäre heute nicht hier, wenn die viel kritisierte, korrupte und gewalttätige Polizei von Los Angeles mir nicht gewaltig in den Arsch getreten hätte.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, die Kurve vom Junkie zum Schriftsteller zu kriegen?

Ellroy: Ich habe begriffen, dass die Welt mir etwas sagen wollte: Hör auf mit dem Saufen und den Drogen, schwöre diesem jämmerlichen Leben ab. Mach dir klar, dass auch andere Menschen Wünsche und Träume haben, und behandele die anderen so, wie du behandelt werden möchten willst.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nobel, erklärt aber nicht Ihren Drang, Bücher zu schreiben.

Ellroy: In meiner Generation war es noch denkbar für einen Jungen, Literatur als Lebensziel zu empfinden - ich habe Schriftsteller wie Hemingway verehrt. Schreiben ist die große Leidenschaft meines Lebens, und ich bin unfassbar dankbar dafür, dass ich damit meinen Lebensunterhalt verdienen kann. Diese Leidenschaft und eine gute Tasse Kaffee reichen aus, um mich jeden Morgen an den Schreibtisch zu treiben.

SPIEGEL ONLINE: Sie eröffnen den Roman mit einem Zitat aus den alttestamentarischen Sprüchen Salomons: "Einen Gewalttätigen beneide nicht, und wähle keinen seiner Wege" – ein Ratschlag, an den sich leider kaum jemand in Ihrem Werk hält. Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Ellroy: Ja, ich bin Lutheraner, ich gehe in die Kirche und glaube an das ewige Leben. Darum sehe ich zu, dass ich mich hier auf dieser Erde anständig benehme. Ich bilde mir auch nicht ein, dass ich wirklich der Autor meiner Werke bin – ich bin nur das Gefäß, durch das eine unleugbare Kraft hindurchströmt.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Romane beschreiben eine zutiefst gewalttätige, korrupte, chaotische und ungerechte Welt. Gibt es für Sie einen moralischen Antrieb beim Schreiben?

Ellroy: In meinen Büchern zahlt jeder für sein unmoralisches Handeln einen karmischen Preis. Ich glaube, wenn man die Konsequenzen einer verwerflichen Tat nachzeichnet, ist das der prägnanteste Ausdruck von Moral. Ich versuche, Ordnung aus dem Chaos zu schaffen, um die Leser zu unterhalten, zu erschrecken und zu faszinieren. Bis heute wache ich jeden Tag mit einer kindlichen Ehrfurcht vor der Ungeheuerlichkeit unserer Welt auf und denke, verdammt noch mal, was ist das doch für ein unglaublicher Ritt. What a fucking ride!

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
cyrus.darbandi 27.03.2015
1.
In den Köpfen seiner Figuren leben ... als Schriftsteller kann ich James Ellroys Faszination und Hingabe an die Literatur absolut nachvollziehen. Der Mann mag persönlich ein Berserker sein, aber die Besessenheit, die er auf sein Lebensprojekt, der geheimen Noir-Geschichte der Stadt Los Angeles, richtet, ist in ihrer Konsequenz sicher einmalig.
eulendämmerung 27.03.2015
2. Selbstzitat
Leider hat Ellroy inzwischen oft lesen dürfen, wodurch sich sein Schreibstil auszeichnet. In Perfidia schreibt er nicht mehr als Ellroy, sondern WIE Ellroy. Der lakonische knappe Stil, für den ich ihn so schätze, schlägt dadurch um in Maniriertheit und - paradoxerweise - Geschwätzigkeit. Diesen 1.000-Seiten-Schinken mochte ich gar nicht.
banalitäter 27.03.2015
3. wurde immer schwächer
Nach seinem Knaller Meisterwerk " Die schwarze Dahlie " flachte sein Stil ab und wie von Mitforisten beschrieben endete es fast in Geschwätzigkeit .
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