Wiederentdeckter Westernklassiker Skalpieren geht über studieren

Globaler Bestseller, bevor es den internationalen Buchmarkt überhaupt gab: James Fenimore Coopers "Der letzte Mohikaner" war einer der Romane des 19. Jahrhunderts - dann wurde er als Jugendbuch verhunzt, sein Titel verkam zur Floskel. Jetzt ist das Buch neu übersetzt. Mohikaner aber hat es nie gegeben.

DPA

Von


Misst man James Fenimore Coopers Buch an der Verwendung seines Titels in der Alltagssprache, dann wäre es eines der berühmtesten der Welt. Oder zumindest jener Halbwelt der Phraseologie, in der man nicht davor zurückschreckt, ein Allradauto wie den Dacia Duster, einen Fußballer wie den Freiburger Jonathan Schmid oder gar den sozialdemokratischen Europapolitiker Martin Schulz als "letzten Mohikaner" zu bezeichnen - so geschehen in deutschsprachigen Zeitungsbeiträgen der vergangenen Wochen.

Es wäre leicht, einen ganzen Stamm derartiger letzter Mohikaner aufzutreiben. Sie alle verdanken ihre Bezeichnung einer Romangestalt: Uncas, titelgebende Figur von James Fenimore Coopers im Original 1826 erstmals veröffentlichtem Roman. Schon damals war der Titel leicht fragwürdig: das indianische Volk der Mohikaner gibt es nicht, der Begriff ist die irrige Neuschöpfung eines US-amerikanischen Ethnologen des 19. Jahrhunderts, die Cooper übernahm.

"The Last of the Mohicans" war der zweite Band von Coopers insgesamt fünfteiliger Reihe um den Indianer Chingachgook, Vater von Uncas, und seinen weißen Gefährten, der in diesem Roman Falkenauge genannt wird, deutlich bekannter aber unter der Bezeichnung ist, die Cooper in anderen Büchern verwendet: Lederstrumpf.

Schon beim Erscheinen war Coopers Buch ein Erfolg, ein internationaler Bestseller, bevor es den globalen Buchmarkt überhaupt gab: In den USA war die Erstauflage innerhalb von vier Wochen ausverkauft, in Europa las Goethe das Buch voller Bewunderung; Balzac lobte Coopers "magische Prosa". "Der letzte Mohikaner" inspirierte Generationen von Abenteuerschriftstellern bis hin zu Karl May. Gerade sein Erfolg aber war es, der "dem letzten Mohikaner" langfristig schadete: Zum Teil um Hunderte Seiten gekürzt, wurden Coopers Bücher in stark bearbeiteten Ausgaben für die Jugend vermarktet. Die letzte Neuübersetzung ins Deutsche erschien 1909.

Zwei schottische Schönheiten

Als schriftstellerischer Pionier hatte Cooper die nordamerikanische Wildnis für die noch junge Gattung Roman erschlossen. Wie die verfallenen, überwucherten Blockhäuser inmitten des Waldes, in denen sich in einer Szene des "letzten Mohikaners" die Hauptfiguren verstecken, war sein Werk zuletzt zumindest in deutscher Sprache kaum noch im Originalzustand zu erkennen.

Das ändert sich nun mit dem Erscheinen der Neuübersetzung von Karin Lauer. Sie hat den Roman ungekürzt auf über 550 Seiten Länge übertragen. Ein umfangreicher Anhang mit Fußnoten erhellt die historischen Hintergründe der Geschichte. Der Handlungszeitraum ist 1757, vor der Geburt Coopers (1789-1851) und vor der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. "Der letzte Mohikaner" war bereits bei seinem Erscheinen ein historischer Roman. Und auch ein nostalgisches Buch, in dem sein Autor die Wildnis in einer Unberührtheit schilderte, die er selbst - er war Sohn eines erfolgreichen Grundstücksmaklers - so nicht mehr erlebt hatte.

Begleitet von einem wunderlichen Psalmensänger und einem etwas zu smarten britischen Offizier machen sich die zwei schönen, aber, wie sich im Lauf der Geschichte herausstellt, ziemlich unterschiedlichen Töchter eines schottischen Garnisonskommandanten auf den Weg durch die Wildnis und die Fronten des damaligen britisch-französischen Kolonialkriegs. Verraten von ihrem Führer, einem Irokesen mit dem schönen, französischen Ehrennamen Le Renard Subtil (zu deutsch: schlauer Fuchs), begibt sich die Gruppe bald in Obhut des mit den Irokesen verfeindeten Mohikaners Chingachgook, seines Sohnes Uncas und des weißen Trappers Falkenauge.

Coopers Blick auf die indigenen Völker Nordamerikas ist der eines weißen Mannes des frühen 19. Jahrhunderts, sein Wissen über sie ist größtenteils angelesen, seine Schilderung voller Stereotypen des Exotismus - und doch wohlmeinend: Chingachgook und Uncas verkörpern das Klischee des edlen, aber blutrünstigen Wilden, für den bei aller Klugheit im Zweifelsfall ein Skalp wichtiger ist als das Leben eines arglosen Passanten.

Zu Werk von eigenwilligem Reiz wird "Der letzte Mohikaner" vor allem durch die Sprache Coopers. Sie habe "die zuweilen ausufernde Beredsamkeit und Langsamkeit des Originals" in ihrer Neuübersetzung nicht nivellieren wollen, schreibt Karin Lauer in ihrem Nachwort. Anders als Bram Stokers Roman "Dracula", der im späten 19. Jahrhundert erschien und dessen Hauptfigur als Topos der Populärkultur noch viel bekannter wurde als "der letzte Mohikaner", versperrt sich Coopers Buch den Erwartungen heutiger Leser an einen Spannungsroman.

"Der letzte Mohikaner" mag einen dramatischen Plot haben. Erzählt wird diese Geschichte derart gravitätisch, dass man den Eindruck bekommen kann, dass sich dieses Buch eigentlich gar nicht an Leser, sondern an Zuhörer wendet. Als hätte man selbst Platz genommen in einem Blockhaus des 19. Jahrhunderts, um am Feuer der Geschichte eines großen Abenteuers zu lauschen; erzählt von einem vollbärtigen Veteranen in Weste und gestärktem Hemd - und in einem Tonfall, der unserer Zeit ebenso fern ist, wie die wuchernden Wälder, durch die Fuchs und Falkenauge pirschten. Einem Erzähler, der heute wie der letzte seiner Art wirkt.

Man könnte fast sagen: Wie der letzte Mohikaner.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Adam Johnsons "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do", Rolf Bauerdicks "Zigeuner", Henning Ritters "Die Schreie der Verwundeten", William T. Vollmanns "Europe Central"und Wolfgang Ullrichs "Alles nur Konsum".

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 50 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Realist1960 15.05.2013
1. mist
wer braucht diese neuuebersetzung eigentlich. das buch ist ein solch wuester schinken und auch mit den streichungen mehr als genug. da werden kinderbuecher bereinigt aber einen solchen fragwuerdigen kitsch kriegt ne neubehandlung. und wenn ich schon dabei bin, da gibts auch noch den crusoe das wohl aergste buch, dass man seinen kindern antun kann. weisse ueberlegenheit und koloniale klischees werden bei diesen buechern ausgelebt.
richardheinen 15.05.2013
2. Kitsch hin, Kitsch her,
Chingachgook und Unkas waren Helden meiner Jugend, das Buch habe ich damals mehrmals verschlungen.
christiewarwel 15.05.2013
3. Wurde auch Zeit
Wer mal das Glück hatte, Dumas, Scott, Salgari, Cooper und Co in orginalgetreuen (alten) Übersetzungen zu lesen, nein, zu genießen, dem haben diese neuen "Übertragungen" oder "Kinderbücher" die Haare senkrecht zu Berge stehen lassen. Sprache kann schön sein, sie kann mitreißen, einschmeicheln und verwunden sein; vor allem aber transportiert sie nicht nur Informationen, sondern auch Emotionen und Bilder, wenn ein Autor mit ihr umzugehen versteht. Wer glaubt, daß ein Teenager "Neusprech-Übertragungen" braucht, der irrt. Das Ergebnis dieser Sprachverstümmelung kann jeder, der die Machwerke seiner Schüler in Form von Aufsätzen, Arbeiten und sonstigen Schriften lesen muß, bewundern. Satzkonstruktion, Beziehungen und Logik sind anscheinend höhere Mathematik geworden, für die es mindestens einer Habilitation auf diesem Gebiet bedarf.
Neptuns Spaeher 15.05.2013
4.
Zitat von sysopDPAGlobaler Bestseller, bevor es den internationalen Buchmarkt überhaupt gab: James Fenimore Coopers "Der letzte Mohikaner" war einer der Romane des 19. Jahrhunderts - dann wurde er als Jugendbuch verhunzt, sein Titel verkam zur Floskel. Jetzt ist das Buch neu übersetzt. Mohikaner aber hat es nie gegeben. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/james-fenimore-cooper-der-letzte-mohikaner-neuuebersetzung-a-899701.html
Ich habe lange danach gesucht. Nicht mal in Antiquitätenläden waren sie zu finden. Eine ungekürzte deutsche Übersetzung von Coopers Büchern zu bekommen war jahrelang unmöglich. Eine tolle Idee, ein Buch, dass von Goethe und Balzac als literarisch hochstehend gelobt wurde, endlich in großer Anlehnung an das Original neu transskribiert zu bekommen. Schöner Artikel, der sich auch ein wenig mit der Perspektive des Autors auseinandersetzt. Man sollte diesbezüglich vielleicht erwähnen, dass Cooper sich damals durchaus schon Gedanken über die Vernichtung der indianischen Kultur sowie die Folgen der Umweltzerstörung machte.
conillet 15.05.2013
5. Nicht Uncas ...
... sondern sein Vater Chingachgook, der ihn überlebt, ist der "letzte" Mohikaner. Ich habe alle Lederstrumpf-Romane im englischen Original gelesen, und literarisch klar der beste und auch der spannendste ist der zuletzt (1841) geschriebene, in der Chronologie der Hauptfigur aber früheste Teil "The Deerslayer". Den sollte man wirklich gelesen haben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.