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James Franco als Buchautor: Die Julia Engelmann Hollywoods

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Schreibender Schauspieler: Das Poesiealbum von James Franco Fotos
Getty Images

Der Filmstar James Franco gilt vielen als Multi-Talent, das nicht nur schauspielern kann, sondern auch schreiben. Wer sein neuestes Buch gelesen hat, fragt sich: wieso eigentlich? Denn Franco hat außer angestrengtem Kunstwillen nur Platituden im Angebot.

People-Journalisten nennen James Franco gerne einen Allround-Künstler. Und das ist ja nicht falsch: Franco, 35, hat im Fernsehen den Schauspieler James Dean gespielt und auf der Kinoleinwand den Dichter Allen Ginsberg, er hat die Oscars moderiert und für Gucci gemodelt, er hat bei Kunstfilmen Regie geführt und Kunst ausgestellt, er hat einen Band mit Kurzgeschichten veröffentlicht und sitzt an einer Doktorarbeit über englische Literatur.

People-Journalisten nennen Franco aber auch gerne ein Multi-Talent. Und darüber sollten sie künftig noch einmal nachdenken. Denn Talent: Das ist in Francos sogenanntem Debütroman "Das Manifest der anonymen Schauspieler" Mangelware.

Der Verlag verkauft das Buch als Roman, tatsächlich ist es eine krude Collage aus Kurzgeschichten und Briefen, Tagebuch-Einträgen und Interview-Versatzstücken, einem SMS-Protokoll und einem Gedicht. Die verbindende Idee: Es gibt eine Selbsthilfegruppe anonymer Schauspieler, die eine Balance zwischen Leben und Kunst suchen, zwischen einem wahrhaftigen Selbst und einem erschaffenen. Passend dazu sind die Kapitel jeweils mit einem der zwölf Schritte oder einer der zwölf Traditionen der anonymen Schauspieler überschrieben - in Anlehnung an das Programm der Anonymen Alkoholiker. In Schritt eins heißt es: "Wir gaben zu, dass das Leben eine Darbietung ist, dass wir alle in jedem Moment Darsteller sind, und dass wir unsere 'Darbietung' nicht mehr unter Kontrolle haben."

Ein mörderischer Künstler

In der US-Fernsehserie "General Hospital" hat Franco 2009 einmal einen mörderischen Künstler gespielt: eine Karikatur seiner eigenen Person. Es war ein Gastauftritt, bei dem es darum ging, die Grenze zwischen Leben und Kunst, zwischen realer Figur und Rolle zu verwischen. Exakt darum geht es Franco nun auch in seinem Buch, in dem er selbst immer wieder auftaucht. Oder ist es nur eine Figur, der er seinen Namen gegeben hat?

Manchmal scheint Franco direkt selbst zu sprechen: "Bei Sachen wie diesem Buch gibt es keinerlei Erfolgsdruck, weil ich nicht mit so etwas mein Geld verdiene, sondern mit der Schauspielerei." Manchmal lässt er einen Text im US-Universitätsstädtchen Palo Alto spielen, in dem er aufgewachsen ist. Manchmal lässt er Anne Hathaway auftauchen, mit der er die Oscars moderierte, oder River Phoenix, dem er mit einem Kunstfilm-Remix des Roadmovies "My Private Idaho" huldigte. Immer lautet die Frage: Was ist echt und was erfunden? All jenen, die dieses ach so smarte Konzept nach 320 Seiten noch nicht verstanden haben - man sollte die eigenen Fans nicht überschätzen -, bimst Franco es in den letzten beiden Sätzen noch einmal rein, sicher ist sicher: "Schwer zu sagen, wo die Schauspielerei und das Leben anfängt. Es ruft ja nicht immer jemand Action oder Cut."

Der Satz ist naseweis, so naseweis wie viele Sätze des Buches. Franco hat allerlei Platituden parat: Wir lesen, dass die Schauspielerei eine Fluchtmöglichkeit bietet für jene Menschen, die ihr eigenes Leben langweilig und schmerzhaft finden. "Jeder, der den Drang hat, sich beruflich jeden Tag zu verkleiden, hat etwas zu verstecken." Wir lesen, was Filmstudenten im ersten Semester lernen: "Masken betonen den Körper, weil das Gesicht keinen Ausdruck mehr hat. Sie machen uns zu Archetypen." Und: "Es gibt Genrekonventionen. Actionfilme. Gangsterfilme. Polizeiserien."

Unbedingter Kunstwillen

Vor allem aber lesen wir Sätze wie aus einem Poesiealbum: "Wir können alle etwas schaffen. Jeder kann Regisseur und Schauspieler seines Lebens sein." Und: "Ohne andere Schauspieler kann man normalerweise kein großes Leben schaffen, ohne Leute, die einem beim Bild helfen oder beim Ton, ohne einen guten Soundtrack." Und: "Wir tragen alle Masken." Und: "Das hier ist der Bericht von jemandem, der beruflich Masken trägt. Immer wenn er vor der Kamera und Tausenden von Leuten eine Maske aufsetzt, bleibt sie ein Stück weit bei ihm. Liegt darunter ein wahrhaftiges Selbst? Oder ist doch die Oberfläche das Wichtigste?" Auch wenn man es nicht gleich merkt, denn das Buch ist formal recht ambitioniert, mit unbedingtem Kunstwillen geschrieben, so muss man nach solchen Sätzen doch sagen: James Franco ist die Julia Engelmann Hollywoods.

Gibt es denn gar nichts Positives zu sagen über das Buch? Doch, doch, zum einen ist auf der Rückseite ein Autorenfoto abgedruckt, und auf dem sieht Franco wirklich gut aus. Gut und ziemlich talentiert. Zum anderen liefert Franco in seinem Buch die Kritik des Buches gleich mit. Er lässt einen Englischprofessor auftreten, der über das Geschreibsel eines Schülers sagt: "Das hier ist ein Mischmasch aus 'National Enquirer'-Quatsch, viel zu schnellen MTV-Schnitten und irgendwelchem Geschmiere aus einer experimentellen Schreibwerkstatt." Seinem Schüler rät er: "Hör mit dem Schreiben auf. Wie ich schon unzählige Male gesagt habe, setzt du auf große Effekthascherei, um den inhaltlichen Mangel zu kaschieren." Er vermute, das komme von der Angst, "dass dich deine Leser nicht als Schauspieler und gleichzeitig auch als Schriftsteller ernst nehmen werden".

Die Sätze sind selbstironisch, natürlich sind sie das, und sie sind kokett. Aber sie sind auch tragisch. Denn genauso wird es sein.


James Franco: Manifest der anonymen Schauspieler. Aus dem Amerikanischen von Hannes Meyer. Eichborn Verlag, Köln; 320 Seiten; 16,99 Euro.

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insgesamt 8 Beiträge
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1. tolle idee
mickt 16.04.2014
schauspielerei mit den anonymen alkoholikern zu vergleichen – sicher nicht für alle (!) aber viele ist es doch auch eine Sucht nach Anerkennung, Zuwendung und im Zusammensein mit Schauspielern hatte ich schon einen ständigen "Produktionszwang" wahrgenommen. Den ersten Schritt kann ich daher bestätigen: "Wir gaben zu, dass das Leben eine Darbietung ist, dass wir alle in jedem Moment Darsteller sind, und dass wir unsere 'Darbietung' nicht mehr unter Kontrolle haben." Ich finde es nicht so schlimm, wenn das Werk literarisch nicht der Hit ist. Auch Kurzweil und Ironie haben ihre Berechtigung.
2. Den fahrenden Zug....
GSYBE 16.04.2014
...den nimmt man gerne! Das `Franco-Bashing´ ist in den US blogs schon seit langem in Mode. Da hat sich der Herr Becker wohl beim gelangweilten Surfen mal auf so einen blog verirrt und dachte sich `Klasse, da mach in `nen Artikel draus´.
3. Literarisch nicht wertvoll?
Palisander 16.04.2014
Klasse. Eine Kritik über einen Akteur des Lebens in einer Sinnflut des schlechten Geschmacks. Heute beschreibt sich jeder als Künstler, Autor und Schauspieler. Da finde ich einen Franco mit seiner etwas ungeschickten, naiven amerikanischen Art ehrlich erfrischend. Und wer hat den heute noch wirklich was Substantielles zu sagen?
4. Mit dem falschen Fuß aufgestanden
BimsBamsRummelBommel 16.04.2014
Hallo Spiegel-Online, so launisch heute? Erst der belehrende Artikel über Zigeuner-Hochzeiten und die Wahrnehmung darüber? James Franco bewirbt sich nicht für ein Volontariat bei euch, sondern schreibt, was ihm gefällt. Ich glaube, das ist der wichtigste Aggregator für Kunst. Der zweitwichtigste ist Aufmerksamkeit und Anerkennung der Anderen, und da seit ihr als Rezipienten wohl sehr eitel.
5. Im Zweifel lieber runterreden als hochjubeln!
caius 16.04.2014
Es ist allgemein bekannt, dass es kompetent wirkt, kritisch zu sein, Fehler aufzuzeigen und eine Leistung als nicht überzeugend genug zu beurteilen. Meiner Meinung nach, schon fast eine Standardvorgehensweise für SPIEGEL Kritiken. Wenn es nicht gerade um einen Stummfilm geht, der vom tragischen Leben eines Russischen Linsenschleifers zur Zarenzeit handelt und sich zwischen den Zeilen mit Nietzsches Gedanken zu Moral und Gott auseinandersetzt, sind die Mindestanforderungen leider nicht erfüllt. Ich habe es mittlerweile zum Sport gemacht, insbesondere Filme und Bücher die beim SPIEGEL schlecht geredet werden anzuschauen/zu lesen und bin oft positiv überrascht worden. Sicherlich bin ich aber auch nicht so kompetent und bewandert wie Herr Becker. Ich würde gern mal eines seiner Bücher lesen...
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