Skandalautor als Medienvisionär Endspiel um die Zukunft des Lesens

Mit "Endgame" plant der skandalumwitterte US-Autor James Frey den großen Wurf: Der Endzeitroman soll nicht bloß ein Buch sein - sondern auch App, Handy-Spiel, Social-Media-Event, Filmtrilogie. Und ein Rätsel mit echtem Millionengewinn.

SPIEGEL ONLINE

Aus Darien, Connecticut, berichtet


Fast möchte man meinen, James Frey verstecke sich immer noch. Sein Büro firmiert ohne Anschrift, Telefonnummer oder E-Mail-Adresse, seine Website ist ebenso diskret. Nur handverlesene Gäste erfahren den Weg.

Dieser Weg führt von New York City, wo Frey mal lebte, eine Zugstunde nach Nordosten. Darien in Connecticut, Neuengland-Klischee: Main Street, Villen, Holzkirchen, ein Weiher.

Das Geschäftshaus unweit der Main Street dagegen ist bemerkenswert unbemerkenswert. Eine Versicherung, ein paar Hedgefonds, die Lokalzeitung. Im obersten Stock, am Ende des Flurs, eine Tür und ein Schild: "Becker Drapin".

Hinter dieser Tür plant James Frey die Zukunft des Buchmarkts.

"Statt die Zukunft zu fürchten, werden wir sie neu erfinden", sagt der 44-Jährige, sein einstiges Lockenhaupt kahlgeschoren, und fläzt sich im knittrigen T-Shirt auf einer Couch. "Zumindest eine Version der Zukunft."

James Frey als Retter des angeschlagenen Verlagswesens? Welche Ironie: Lange war er selbst synonym für die Malaise der Literatur.

Die meisten Amerikaner haben seine öffentliche Demütigung längst vergessen. Frey hatte ein furioses Erstlingsbuch geschrieben über seine Drogensucht: "A Million Little Pieces" ("Tausend kleine Scherben") - ein Mega-Bestseller, nachdem Talk-Queen Oprah Winfrey die Memoiren in ihrem Buchklub empfohlen hatte.

Dann stellte sich heraus: Frey hatte ganze Passagen erfunden. Seine Karriere implodierte in einem großen Literaturskandal.

Die Apokalypse überleben

Das war 2006. Verstoßen von einer Szene, die ihn gerade noch herumgereicht hatte, tauchte Frey ab. Zwei Jahre später war er wieder da: Er veröffentlichte den Roman "Strahlend schöner Morgen"- und die Reaktion der Rezensenten fiel sogar passabel aus.

Doch das war alles nur Vorspiel.

Freys jüngstes Projekt offenbart den Wunsch, seine Reputation zu kitten - und sich spektakulär zu rächen an seinen Kritikern und ihrer in Digitalangst "erstarrten Industrie".

Ein riskanter Wurf. Entweder wird das ein spektakulärer Erfolg, der die Literaturwelt grundlegend umkrempelt. Oder es wird ein Flop.

Frey hat keine Selbstzweifel. "Wir müssen radikal sein", sagt er und schiebt sich ein neues Kaugummi zwischen die Zähne. "Wir müssen der Welt voraus sein. Soll sie uns doch hinterherhecheln."

Freys radikales Produkt liegt in seinem Büro bereits in allen Regalen, obwohl es noch lange nicht erscheint. 468 Seiten, goldener Einband, Runenzeichen, ein SciFi-Roman über das Ende der Welt: "Endgame - The Calling".

Doch "Endgame" will viel mehr sein als nur ein Endzeitroman, ein neues Kultbuch. Es ist eine globale Schnitzeljagd, ein interaktives Rätsel mit Millionengewinn, eine App, ein Handyspiel, ein Social-Media-Event, eine TV-Show, eine Filmtrilogie. Ein crossmediales Ereignis, blubbern die Marketing-Leute.

"Endgame" erzählt die Geschichte von zwölf auserwählten Teenagern - Vertreter der menschlichen "Blutlinien", von Aliens trainiert für ein mysteriöses Endzeitspiel. Wer gewinnt, dessen Linie darf die Apokalypse überleben.

500.000 Dollar in Gold

Neun E-Book-Novellas erweitern den Plot, digitale Spin-offs und YouTube-Videos füllen die Vorgeschichten der Helden aus, die echte Twitter-Profile haben. Die Filmrechte gingen bereits ans Hollywoodstudio 20th Century Fox. Der erste Film ist für 2016 avisiert.

Das Paket wurde geschnürt, bevor das Buch fertig war, ein programmierter Blockbuster. Das Geniale ist auch die Gefahr: Erfolg ist fest einkalkuliert - doch keineswegs garantiert.

Verfasst von Frey und Co-Autor Nils Johnson-Shelton, erscheint "Endgame" am 7. Oktober parallel in 30 Ländern - auch in Deutschland ("Endgame - die Auserwählten"), im Verlag Oetinger ("Tribute von Panem"). Am selben Tag launcht Google über sein Start-up Niantic Labs ein Augmented-Reality-Game dazu.

Das Buch ist zugleich ein Krypto-Spiel: Es enthält Hinweise, die zu einem irgendwo auf der Welt versteckten Schlüssel führen. Der öffnet einen Glasschrank mit 500.000 Dollar in Gold, der im Herbst in Las Vegas mit großem TV-Trara aufgestellt werden soll. Beim zweiten Buch steigt der Preis auf eine Million, beim dritten auf 1,5 Millionen Dollar.

Um das alles umzusetzen, beschäftigt Frey ein ganzes Team von "Angestellten". Die hocken in Darien mit ihren MacBooks um einen großen Tisch, Fast Food zur Seite, keiner älter als 28. Sie pflegen das "Endgame"-Universum: Twitter-Feeds, YouTube-Videos, Websites.

"Wie Kunstfabrik von Leonardo da Vinci"

Die Geeks rackerten zum Billiglohn, lästerte "New York Magazine" schon 2010 über "Freys Romanfabrik", die Bücher "wie am Fließband" produziere. "I Am Number Four" - ein SciFi-Thriller für Teens, den Freys damals neue Firma als Erstes ausspuckte, wurde trotzdem zum Bestseller, mit bisher drei Fortsetzungen und einem mäßig erfolgreichen Kinofilm.

Es reicht: Mit der Serie und anderen "Fließband"-Projekten seither hat Frey bereits Millionen verdient. Genug, um das Preisgeld für "Endgame" - insgesamt drei Millionen Dollar - aus eigener Tasche zu finanzieren, den Rest des Mammutaufwands teilen sich die Geschäftspartner, darunter Fox und Google.

Frey schämt sich nicht. Das Cover-Foto des bösen Artikels, das ihn als Chef eines Großraumbüros zeigt, steht gerahmt in seinem Büro auf dem Boden. Seine Literaturfirma, sagt er, sei nichts anderes als "die Kunstfabriken von Michelangelo und Leonardo da Vinci" auch. Schöner Anspruch.

Das Wichtigste: Er arbeitet für sich selbst, ohne auf die Oprahs der Welt angewiesen zu sein. Fiktion oder Realität? Anspruch oder Ramsch? "Ich kann schreiben, was ich will", sagt Frey, "und ich präsentiere es, wie ich will."

Dem gnadenlosen New York hat Frey den Rücken gekehrt, wohnt heute mit seiner Familie in New Canaan, dem Nachbarort von Darien - einer der teuersten Wohngegenden der USA. "Ich sag's mir jeden Tag", freut er sich demonstrativ: "Ich bin der glücklichste Fucker, den's gibt."

Ob Frey es tatsächlich geschafft hat - auch das dürfte sich in diesem "Endspiel" entscheiden.

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insgesamt 4 Beiträge
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barbierossa 18.07.2014
1. Ready Player two?
Scheint's, als hätte er sich von Ernest Clines "Ready Player one" inspirieren lassen.
specialsymbol 19.07.2014
2. Das ist doch die alte Leier
Was er macht ist ein mittelmäßiges Produkt mit möglichst großem Werbeaufwand so zu verkaufen, dass sich der hohe Aufwand für die Werbung rechnet. Hat schon immer geklappt, siehe Hollywood: selbst übelster Schund wird so lange beworben und in Talkshows breitgetreten, in jedem Kino zu jeder Uhrzeit dauervorgeführt, bis am Ende genug Leute drin waren so dass es sich rechnet. Neu ist nur dass diesmal ein Buch der Ausgangspunkt ist, und nicht umgekehrt. Beziehungsweise dass der ganze Prozess durchgeplant ist.
elbour 19.07.2014
3. UltraWordTM
Multidimensionales Leseerlebnis? Das werden wir doch schon mal gehabt haben. Thursday Next, übernehmen Sie...!
ohemmer69 19.07.2014
4. die Digitalanst
dieser sog. Industrie dürfte angesichts solcher Projekte weiter steigen. Wie entmutigend muss sich diese Entwicklung für einen seriösen Autor anfühlen? Für Freunde guter Bücher ist es ein beruhigendes Gefühl, dass das Reservoir vorhandener Literatur zum Glück so groß ist. Etwas völlig neues kann ich im Konzept des Autors nicht erkennen sodern die Inspiration durch Phänomene wie Twilight und Panem. Die größte Innovation ist, dass es ne Mille zu gewinnen gibt, die in Las Vegas bereit liegt.
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