US-Panorama Küss mich, ich bin ein High Performer

James Salters Alterswerk "Alles, was ist" zeigt US-amerikanische Männerwelten der vierziger bis achtziger Jahre, samt der dazugehörigen grobschlächtigen Phantasien - Frauen sind hier Gespielinnen oder enden als fette Wachteln.

Von Thomas Andre


Es gibt öfter mal einen Roman, der so etwas wie der gar nicht geheime Lektüretipp der Saison ist. Derzeit ist das James Salters "Alles, was ist". Das neue Werk eines 88 Jahre alten Amerikaners, der zum Literaturkanon der englischsprachigen Gegenwartsliteratur gehört und es auch in Deutschland zu einigem Ruhm gebracht hat. Salters großer Hit heißt "Lichtjahre" und erschien im Original bereits 1975, auf Deutsch erst 1998. Vor anderthalb Jahrzehnten war die Freude groß, wieder einen dieser so verteufelt unterhaltsam und doch auf eigentümliche Weise tiefgründig erzählenden Amerikaner entdeckt zu haben. Und noch größer ist jetzt die Rührung auch der deutschen Rezensenten über Salters Alterswerk, seinem ersten Roman nach mehr als 30 Jahren. Es trägt den philosophisch avancierten Titel "Alles, was ist". Und es beweist vor allem eindrucksvoll, dass transatlantische Vorlieben nicht die Lösung sein können.

In "Alles, was ist" erzählt der ehemalige Air-Force-Pilot Salter, der seine erste Karriere zugunsten der Literatur beendete, von dem Kriegsheimkehrer Philip Bowman, von seinen beruflichen Wegen und vielmehr noch von seinen Amouren. Eine Art Erziehung der Gefühle auf amerikanische Art; und gleichzeitig eine private Geschichte der amerikanischen Post-Weltkriegs-Zeit bis in die achtziger Jahre hinein unter konsequenter Aussparung der gesellschaftlichen Perspektive und der historischen Wendepunkte.

Von der neuen Durchlässigkeit der sozialen Ordnung, die bereits in den Fünfzigern spürbar war, berichtet der Roman trotzdem auf geradezu penetrante Weise, indem er die oberen Schichten als grundsätzlich eheunfähig beschreibt und gleichzeitig die vielen Scheidungen und Wieder-Verheiratungen referiert. Auf dieser Ebene ist "Alles, was ist" vor allem ein Klatschroman, dessen Held unbeteiligt von Liebelei zu Liebelei marschiert.

Faltenfreie Botox-Sätze

Sein kulturelles Kapital hat er dabei stets im Gepäck, denn immerhin ist er Lektor: in einem New Yorker Verlag für schöne Literatur. Die mal melancholische, mal ironische Schilderung der glamourösen Veranstaltung, die der Literaturbetrieb einmal war, gipfelt in manch schöner Stelle, etwa wenn von den abschlägigen Gutachten des Literaturagenten die Rede ist ("Im narrativen Sinne nicht kraftvoll genug... Mit einer genaueren Charakterdefinierung könnte es vielleicht einen Verleger finden...").

Die viel, und wie man exemplarisch bei Salter sieht, bisweilen zu Unrecht gepriesene Einfachheit, die berühmte Lakonie der Amerikaner klingt oft so: "Er sah ihr nach, sie war jünger und irgendwie besser als andere in der Menge". Das klingt unbeholfen, und es liegt nicht an der Übersetzung.

Die Dialoge der Bildungselite - von ihr handelt der Roman im wesentlichen - sind bei Salter Small Talks der Komplett-Sedierten. Die Menschen in diesem Buch sprechen Botox-Sätze. Irgendein faltenstraffendes Prinzip waltet in ihnen, es ist alles so glatt und oberflächlich.

Verpasst man irgendwas? Wo versteckt sich die Magie? Ist das etwa ein Trick, alles banal aussehen zu lassen? Weil das Leben banal ist? Das könnte sogar in die richtige Richtung führen und weg von der ja tatsächlich oft schwergängigen Prosa der deutschsprachigen Autoren, die vor Bedeutungsfülle schier platzen. James Salters "Alles, was ist" ist auf andere Weise prätentiös. Es versucht, durch Auslassungen und Lücken eine Projektionsfläche herzustellen. Wenn dieses Verfahren gelingt, offenbart sich dem Leser vor allem in Kurzgeschichten oft eine Klarheit der Wahrnehmung, die sich gerade in der Allgemeingültigkeit des Erzählten äußert.

Mit der 20-jährigen Tochter der Ex ins Bett

Klappt es nicht, bleibt nicht vielmehr als ein pseudo-vieldeutiges Tändeln im leeren Raum der Literatur. Der Bestsellerautor John Irving spricht im Hinblick auf Salter von dessen "rauschhafter Sprache, die Shakespeare ein reines Vergnügen gewesen wäre". Es muss eine Verwechslung vorliegen.

Vielleicht ist das Problem von "Alles, was ist" neben der Sprache die innere Aushöhlung der Hauptfigur. Bowman hat etwas von sich im Krieg gelassen. Er ist ein Verlorener. Dem Leser muss er so fremd bleiben, weil er sich selbst fremd bleibt: Das soll so sein, ist zumindest bei Salter als ästhetisches Manöver auf 350 Seiten aber furchtbar ermüdend. Geradezu ärgerlich ist Salters Sorglosigkeit mit Perspektivwechseln. Er macht das bewusst, aber es wirkt erzähltechnisch grobschlächtig.

Eigentlich ist Philip Bowman ein Mann ohne Eigenschaften, dabei aber keine so grundlegend leere Figur wie Albert Camus' Meursault. Was seinen Charakter annäherungsweise bestimmt, ist die erotische Unbeständigkeit. Er betrügt, er wird betrogen, er sucht weiter. Salters Sympathie gilt bestimmt nicht den Frauen, sie werden im Laufe der Handlung Säuferinnen oder fette Wachteln. Die Sympathie gilt seinem Helden, den er als 50-Jährigen mit der 20-jährigen Tochter der Ex ins Bett gehen lässt.

Weil Bowman sexuell ein High Performer ist, nimmt er das junge Dinge ganz schön ran: "Es ging sehr lange. Sie war erschöpft. 'Ich kann nicht mehr', bat sie ihn."

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Maxim Billers "Im Kopf von Bruno Schulz", John Williams "Stoner", J. M. Coetzees "Die Kindheit Jesu", Zoë Jennys "Spätestens morgen", und Daniel Galeras "Flut"

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
malte.b 12.11.2013
1. Fortschritt
Jetzt, wo die Frauen zumindest im Westen (Siehe Deutschland) an den Schalthebeln der Macht sitzen, ist wirklich alles viel besser, gerechter und bunter geworden. Schade nur, dass es kaum noch Kinder gibt, die davon profitieren könnten.
scream queen 12.11.2013
2.
"Das klingt unbeholfen, und es liegt nicht an der Übersetzung." Doch. Und ob es an der Überstzung liegt. Alles, was im Artikel zitiert wird, ist schief, ungelenk, missraten: "Im narrativen Sinne nicht kraftvoll genug... Mit einer genaueren Charakterdefinierung könnte es vielleicht einen Verleger finden..." "Im narrativen Sinne" (vermutlich: "in terms of narrative") heißt auf deutsch schlicht "erzählerisch", und statt "Charakterdefinierung" sagt man hierzulande "Figurenzeichnung". "Er sah ihr nach, sie war jünger und irgendwie besser als andere in der Menge." Das ist zu sehr aus dem Zusammehang gerissen, als dass sich dazu etwas auch nur halbwegs Fundiertes sagen ließe, aber schauderhaft ist es in jedem Fall. "Es ging sehr lange. Sie war erschöpft. 'Ich kann nicht mehr', bat sie ihn." Es "ging"? Im Ernst? Die Übersetzerin scheint aus dem Süddeutschen zu stammen. Gemeint ist wohl: Es dauerte sehr lange/ewig/wollte kein Ende nehmen. Und sie bittet auch ncht, sondern fleht. Was die Sache natürlich nicht unbedingt besser macht,. aber solche - offensichtlichen - translatorischen Schnitzer sollt man nicht dem Autor des Originals anlasten.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.