Italien-Trip als Autor Glamour, das sind die anderen

Der gefeierte Schriftsteller Jan Brandt fliegt zu einer Buchmesse in Turin und schreibt darüber ein Buch. Klingt seltsam, ist aber sehr unterhaltsam.

Von Thomas Andre

Erst Goethe, dann Jan Brandt: Rebellischer Geist, wie von Tischbein gemalt
DuMont

Erst Goethe, dann Jan Brandt: Rebellischer Geist, wie von Tischbein gemalt


Vor vier Jahren war Jan Brandts Ostfriesland-Epos "Gegen die Welt" für den Deutschen Buchpreis nominiert. Ein gewaltiger, ein glänzend geschriebener Metal-Weltschmerz-Provinz-Schocker. Fast tausend Seiten voller Hass, Liebe, Selbstmord und schlechter Musik, Depressionsliteratur im Kompromisslosmodus: Die Kritiker erlagen reihenweise ihrem dunklen Charme. Jetzt hat Jan Brandt ein neues Buch geschrieben. Es heißt "Tod in Turin", erscheint pünktlich zur Leipziger Buchmesse und gehört zum Genre des - Buchmessenromans. Ob es diese Gattung schon gibt? Falls nicht, Brandt hat sie erfunden.

Worum geht es?

Jan Brandt wird im Jahr 2014 zur Buchmesse nach Turin eingeladen. Gerade ist sein Roman "Contro il mondo" in Italien erschienen. Also fliegt Brandt, im 40. Lebensjahr stehend, über das große Gebirge, um in seiner kleinen Branche ein bisschen mitzuspielen. In Italien lesen nicht so schrecklich viele Menschen, jedenfalls weniger als in Deutschland. Wo in Wirklichkeit auch nicht so viele Menschen lesen. Brandt unterzieht sich dem typischen Buchmessenprogramm. Glamour-Gala, Preisverleihungen mit rotem Teppich, Pool-Partys, schöne Menschen? Nein, wir sind hier nicht beim Film. Also lesen wir von Interviews, Podien, Dinners, Dialogen mit Autorenkollegen, Verlegerinnen, Taxifahrern, und wir besuchen mit Brandt Partys, weil Buchmenschen eben auch feiern können. Leider haben die Interviewer das Buch selten gelesen. Dafür ist Turin insgesamt aufregender als Berlin. Und der Gewinner einer italienischen Literatur-Castingshow(!) gibt dem Helden einen Kuss, mitten auf den Mund.

Und vorher?

Vor dem Drei-Tages-Trip steckt Brandt in einem Loch, groß wie die Seite, die jeden Tag leer vor ihm liegt: Sein neuer Roman will nicht recht vorangehen, eine deutsch-amerikanische Auswanderergeschichte. Die Lesereisen schlauchen auch, die Wiederkehr des Immergleichen: Bildungsbürgerpublikum, Frühstücksbüffets, der nächste Zug in die nächste Stadt. Und die ewige Fragerunde nach der Leserei ("Was wollen Sie damit eigentlich sagen?", "Wie autobiografisch ist der Roman?", "Warum wohnen Sie in Berlin?"). Ja, man kann sagen, dass der Schriftsteller Jan Brandt in seiner blauen Periode ist. Im Stile eines latent deprimierten Schelms vermisst er in "Tod in Turin" sein literarisches Leben. Da kann man ja nur noch in den Flieger steigen.

Italien!

Auch ich in Arkadien! Goethe, genau. Nietzsche war ja auch da, der wurde aber wahnsinnig auf seinem Turin-Trip. Thomas Mann war ein deutscher Italienreisender, Rolf Dieter Brinkmann ("Man müßte es wie Göthe machen, der Idiot: alles und jedes gut finden/was der für eine permanente Selbststeigerung gemacht hat, ist unglaublich, sobald man das italienische Tagebuch liest: jeden kleinen Katzenschiß bewundert und bringt sich damit ins Gerede"), Karl Philipp Moritz, Ingeborg Bachmann.

"Und jetzt ich", schreibt Jan Brandt, der über das genau richtige Maß an Selbstironie verfügt.

Der Literaturbetrieb!

Und diesen gesunden Abstand vom eigenen immer irgendwie bedrohten Selbst braucht man in der eitlen Branche auch. Sonst würde man ja durchdrehen bei all den ausgezeichneten Mitbewerbern - in Deutschland gibt es mehr Literaturpreise und Stipendien als Autoren. Bestimmt. Autoren kommen in "Tod in Turin" reichlich vor. Leif Randt etwa, mit dem Brandt nach einer gemeinsamen Lesung versackt: Randt sorgt für die Dröhnung - und zaubert "eine winzige PET-Flasche voll Magnon" hervor. "Ich bin Schriftsteller", das ist das Mantra in "Tod im Turin". Brandt hält es jedem entgegen - als Selbstversicherung und Akt der Distanzierung. Der rebellische Geist in Brandt, der sich nicht vereinnahmen lassen will, ist sloganhaft im Titel seines gefeierten Debüts verewigt: "Gegen die Welt". In "Tod in Turin" nennt er es nie beim Namen, sondern immer anders: "Gegen den Wind", "Gegen die Epik", "Gegen den Witz".

Ein Witz, kein schlechter.

Was sollen die Fußnoten?

Die Fußnoten, die Fußnoten. Das klein Geschriebene. Wenn Brandt in "Gegen die Welt" Typo-Spielereien veranstaltet, warum nicht auch in "Tod in Turin" ein bisschen wichtigtuerisch-philologisch den Textkorpus justieren? Hat David Foster Wallace ja auch gemacht. Und außerdem birst der Text ja wirklich vor Informationen, Wissen, Fun Facts.

Soll das ein Roman sein?

Nein. Irgendwie ist es so passiert. Obwohl man gut beraten ist, den Ich-Bericht nicht für bare Münze zu nehmen. Da ist dann doch einiges an formalem Willen und künstlerischer Freiheit dabei. Messebericht, Reisejournal, Essay - und der Journalist Brandt weiß auch, wie Reportage geht. Außerdem muss bei den vielen Gesprächen, die er führte, immer die Diktierfunktion des Smartphones eingeschaltet gewesen sein: Jene Gespräche füllen viele Seiten des Buchs. Bedingungen der literarischen Produktion, Buchmarkt, Finanzkrise, Schriftsteller-Suizide, Sightseeing in Turin - Stilübungen hier, Exkurse da. "Tod in Turin" ist auch ein Kompendium der Zehnerjahre.

Als Brandt ein paar Stunden frei hat, treibt ihn die Lust auf einen Apfel in einen Lebensmitteltempel, einen überdachten Marktplatz der 1000 Köstlichkeiten. Brandts Beschreibung holt die essbaren Auslagen aus der Sphäre des Banalen. David Wagner hat diesem Unterfangen mit "Vier Äpfel" mal einen Supermarktroman gewidmet.

Sind wir auf Brandts Seite?

Unbedingt. Wenn schon Journal, dann bitte so. Er nimmt eigentlich alles wichtig, aber er schreibt trotzdem ohne den heiligen Ernst der Max Frischs - und ohne die Glamourbeschwörung der Stuckrad-Barres ("Livealbum"). Brandts Bericht handelt von Menschen, die er trifft. Und doch zuallererst von ihm: Von einem freundschaftsbegabten Menschen, der der Notwendigkeit von Eigen-PR irgendwie nachzukommen versucht und mit dem Sentiment der Seelenverwandtschaft von seinen Begegnungen mit David Wagner und anderen schreibt.

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