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Comic über Mobbing: In der Pubertätshölle

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Allein unter Kindern: Hölle, Hölle, Hölle Fotos
Reprodukt

Wenn die Gemeinheiten blühen: Fanny Britt und Isabelle Arsenault loten in ihrer Graphic Novel "Jane, der Fuchs und ich" die Heilkräfte alter englischer Literaturschinken und die Widerstandskräfte von Außenseiter-Teenagern aus.

Wer würde schon die ehrwürdige literarische Figur "Jane Eyre" mit Mobbing in Verbindung bringen? Nicht unbedingt jeder. Und doch macht die Autorin Fanny Britt in ihrer zauberhaften Graphic Novel "Jane, der Fuchs und ich" genau das. Ihre Protagonistin Hélène entdeckt als begeisterte Leserin den Klassiker der viktorianischen Romanliteratur und findet dort Trost. Sie steht nämlich seit kurzem auf der einsamen Seite ihrer Schulklasse. Die Mädchen, die einst ihre Freundinnen waren, kichern jetzt hinter ihrem Rücken und schreiben fiese Sprüche über sie an die Klowände.

Mit einfachen Strichen skizziert Illustratorin Isabelle Arsenault diese kleine Kinderhölle. Die schraffierten Buntstiftzeichnungen geben dem Comic den Anschein eines Kinderbuches - und doch ist es keins im eigentlichen Sinne. Denn die Reise in eine Außenseiterkindheit dürfte auch vielen Erwachsenen bekannt vorkommen. Sensibel erzählen die beiden Kanadierinnen den Verlauf eines Mobbings nach.

Doch anders als in Olivia Viewegs Graphic Novel "Antoinette kehrt zurück", in der eine ähnliche Geschichte einen schaurigen Verlauf in harmlos-freundlichen Comicbildern nimmt, geht es in "Jane, der Fuchs und ich" hauptsächlich darum, wie das kindliche Leben außerhalb der mitschwimmenden Masse von innen aussieht. Diese Gefühlswelt erschließen Britt und Arsenault vorsichtig und einfühlsam und wurden für den Band zurecht mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Der Kauf eines Badeanzugs wird zur unüberwindbaren Schwelle

Es sind die Achtzigerjahre in Québec, wie kleine Indizien verraten: Die coolen Jungs hören das neue Police-Album, Orangina ist das Getränk der Wahl. Doch für Hélène bedeuten die Ranglistenkämpfe in ihrer Klasse eine Schikane nach der anderen. Wenn sie sich meldet, lachen die anderen. Ihr heiß ersehntes Petticoat-Kleid ist natürlich nur von der Mutter selbstgenäht und sitzt nicht richtig. Jede Busfahrt wird zum Versteckspiel, wenn sie die Nase nur tief genug in ihre Bücher vergräbt , hofft Hélène erneuter Schmach zu entgehen. Innerhalb der Erzählung kriechen die Gemeinheiten und Hänseleien langsam in ihre Gedanken und treiben das Mädchen immer weiter an den Rand des Mikrokosmos Schule.

Ausgerechnet das willkürlich in die Welt gesetzte Gerücht, sie sei fett, verselbstständigt sich. Das jugendliche Spiel mit den Schönheitsidealen ist besonders brutal, mit einem Male ist Hélènes befangen, was ihr Körperempfinden angeht. Der Kauf eines Badeanzuges wird plötzlich zur fast unüberwindbaren Schwelle, schon beginnt sie, das eigene Essverhalten zu hinterfragen und ihre Bonbons streng zu rationieren: Es ist ein schmerzvoller Einblick in die Auswirkungen von Mobbing und Körperwahn. Selbst der liebevollen aber angestrengten Mutter kann sie von ihren Sorgen nichts erzählen.

Jane Eyre wird zum Vorbild

In der Bücherwelt findet sie Trost und Schutz, ausgerechnet die leicht angestaubte Jane Eyre wird zur ihrer einzigen Verbündeten im täglichen Spießrutenlauf durchs Klassenzimmer. In ihr entdeckt Hélène ein Vorbild für den Umgang mit aussichtslosen Situation. Es sind die einzigen Farbausflüge, die Arsenault den Lesern in den vorherrschenden Grau- und Brauntönen des Buches gönnt, oft Naturskizzen oder Auszüge aus "Jane Eyre" in Hélènes Worten nacherzählt.

In der gebeutelten Jugend der Romanheldin erkennt sich Hélène wieder. Aber auch Charlotte Brontës feministische Ikone ist auf Dauer kein Ersatz für echte Freundinnen. In kleinen, feinen Sätzen wie diesem gelingt es Britt, die ganze Verzweiflung des gemobbten Mädchens unterzubringen: "Ich habe selbst eine blühende Fantasie, aber trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wenn ihr eine neue Gemeinheit eingefallen ist."

Zu allem Unglück steht auch noch eine Klassenfahrt ins Sommercamp an, vor der es der kleinen Protagonistin graut. Doch es erwarten sie im Außenseiterzelt nicht nur die anderen verpönten Einzelgängerinnen, die jede für sich versucht, möglichst unsichtbar neuen Quälereien zu entgehen, sondern auch eine magische Begegnung mit dem titelgebenden Fuchs. Und ein einziges freundliches Gesicht unter den vielen abweisenden. Es keimt die Hoffnung auf, dass die literarische Welt vielleicht doch nicht der einzige Farbtupfer in Hélènes Welt bleiben muss.

Der wunderschöne Reprodukt-Band ist ein kleines Geschenk für jedes Kind, dass sich einmal am falschen Ende der Beliebtheitsskala wiedergefunden hat - und jeden Erwachsenen, dem eine Flucht zu "Jane Eyre" nicht unbekannt vorkommt.

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