Friedenspreis für Jaron Lanier Auszeichnung für einen digitalen Idealisten

Er prägte den Begriff Virtuelle Realität, mittlerweile kritisiert er den digitalen Kapitalismus: In Frankfurt ist der Informatiker Jaron Lanier mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden.

Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier: Der Friedenspreis ist mit 25.000 Euro dotiert
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Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier: Der Friedenspreis ist mit 25.000 Euro dotiert


"Die Umsonstkultur ist eine Täuschung, irgendjemand zahlt immer" - es sind Sätze wie dieser, die man zu hören bekommt, wenn man sich heutzutage mit Jaron Lanier unterhält. Lanier, 54, ist einer der schärfsten Kritiker der digitalen Ökonomie, dabei hat er selbst jahrelang in Tech-Konzernen gearbeitet. Anfang der Achtziger etwa war Lanier für den Unterhaltungselektronikkonzern Atari tätig. Er gilt als Pionier der Anfangsjahre des Internets, als einer derjenigen, die den Begriff Virtuelle Realität prägten.

Zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse ist Lanier nun mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet worden. Lanier weise eindringlich "auf die Gefahren hin, die unserer offenen Gesellschaft drohen, wenn ihr die Macht der Gestaltung entzogen wird", heißt es in der Begründung des Stiftungsrats. Sein jüngstes Buch "Wem gehört die Zukunft" werde zu einem Appell, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein.

Lanier kritisiert das Geschäftsmodell von Internetunternehmen wie Google und Facebook, die massenhaft persönliche Daten von Internetnutzern sammeln und die damit verbundene Reichweite für Werbung nutzen. Der Reichtum werde so in den Händen einiger weniger Unternehmer konzentriert, fürchtet Lanier, während die breite Mitte der Gesellschaft leer ausgeht. "Wir brauchen eine neue Art von Balance", sagte Lanier in Frankfurt.

Er sieht sich als "digitalen Idealisten"

Der Schriftsteller plädiert für die schrittweise Einführung eines neuen Modells der Internetwirtschaft, bei dem die privaten Urheber von Informationen für jeden Aufruf ihrer Daten mit Kleinstbeträgen vergütet werden sollen. In einem Interview mit der Zeitung "Die Welt" sagt Lanier, er sei kein Kulturkritiker oder Internettheoretiker, sondern einfach "ein mitdenkender Praktiker". In seinem neuesten Buch nennt er sich einen "digitalen Idealisten".

Die Auszeichnung Laniers mit dem Friedenspreis, die im Juni bekannt wurde, stieß gerade im Internet auch auf Kritik. Jürgen Geuter, der im Internet unter dem Namen tante auftritt, schrieb in einem Kommentar, der Preis für Lanier sei "eine Kampfansage an das 'Netz des Everybody'": "Er ist eine Ablehnung von Ideen wie OpenSource und Crowdsourcing, eine Forderung der Rückbesinnung auf traditionelle Macht- und Produktionsstrukturen."

Jaron Lanier kam 1960 in New York zur Welt. Seine Mutter floh vor der Verfolgung der Nazis aus Wien, die Familie seines Vaters kam aus der Ukraine. Schon mit 13 Jahren schrieb er sich zu Mathematikvorlesungen an der Universität des US-Bundesstaates New Mexico ein.

Die Software-Entwicklung überlasse er inzwischen Jüngeren, sagte Lanier in Frankfurt. Er sei zurzeit mit einer Vielzahl von Projekten beschäftigt. In der Forschungsabteilung von Microsoft ist er an der Entwicklung von Anwendungen zur Erkennung von Körperbewegungen beteiligt.

Abseits seiner Aufgaben als Informatiker, Buchautor und Dozent ist Lanier auch Instrumentensammler und Komponist. Seine Liebe gilt vor allem seltenen Blas- und Streichinstrumenten aus Asien. So brachte er zur Buchmesse eine uralte Bambusholzflöte aus Laos mit, eine Khaen.
Bei seiner Rede auf der Preisverleihung in der Frankfurter Paulskirche sagte Lanier, er habe noch immer größere Freude an Technologie, als er ausdrücken könne. Trotzdem schreibe er Bücher, um einen Blick auf das große Ganze zu werfen. "Im Internet gibt es ebenso viele Kommentare über das Internet wie Pornografie und Katzenfotos, aber in Wirklichkeit können nur Medien außerhalb des Internet - insbesondere Bücher - Perspektiven und Synthesen aufzeigen", sagte Lanier. "Das ist einer der Gründe, warum das Internet nicht zur einzigen Kommunikationsplattform werden darf."

Eine der wichtigsten Kulturauszeichnungen

Mit seinem Friedenspreis ehrt der Deutsche Buchhandel seit 1950 Persönlichkeiten, die sich für Völkerverständigung und Menschlichkeit einsetzen. Verliehen wird der Preis, der als eine der bedeutendsten Auszeichnungen Deutschlands gilt, vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert.

Zu den bekanntesten Friedenspreis-Trägern gehören Albert Schweitzer (1951), Hermann Hesse (1955), Astrid Lindgren (1978), Siegfried Lenz (1988), Vaclav Havel (1989) und Mario Vargas Llosa (1996). Im vergangenen Jahr ging der Preis an die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch.

mbö/dpa



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