Abgehängte in den USA Angst macht nur der Abschleppwagen

Trailerpark, Teenie-Mom und Waffenhandel: Was wie ein US-Stereotyp klingt, ist eine aufwühlende Story über ein Mutter-Tochter-Gespann. Jennifer Clements Roman "Gun Love" zerpflückt einem das Herz.

Wohnwagensiedlung in Kalifornien (Symbolbild)
Shutterstock/ InnaPoka

Wohnwagensiedlung in Kalifornien (Symbolbild)

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"Ich wuchs in einem Auto auf und wenn man im Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen."

"Ich" ist 14, heißt Pearl und kennt nur dieses Leben im Auto auf dem Besucherparkplatz des Trailerparks. Die Vordersitze ihr Kinderzimmer, die Rückbank das Bett ihrer Mutter, das Wagendach der Kaminsims, der Kofferraum der Kleiderschrank. Und das Bad zur Not die Klos bei McDonald's.

Hand aufs Herz, wie oft funktioniert es, die allererste Seite eines Romans zu überfliegen und nicht einfach nur Lust zu haben, weiterzulesen. Sondern dass man vergisst zu atmen und felsenfest überzeugt ist, dass dieses Buch alles in den Schatten stellt, was man seit Langem in die Finger bekommen hat? "Gun Love" von Jennifer Clement ist so ein rarer Fall. Und der zitierte Satz oben am Artikelanfang, der so nüchtern ein ganzes Lebensdrama aufspannt, steht erst auf Seite zwei.

Geschichte über Einsamkeit und über die Brutalität

Es ist eine Geschichte über eine Mutter-Tochter-Einheit und die Regeln, Rituale und Fantasie, aus denen sie sich ihre Familienhistorie zimmern. Eine Geschichte über Einsamkeit und über die Brutalität, den der Zweite Zusatzartikel der US-Verfassung über den Alltag von Menschen ausschüttet: das Recht, Waffen zu besitzen und mit sich zu tragen.

Autorin Jennifer Clement
imago/ ZUMA Press

Autorin Jennifer Clement

Das Leben, aus dem die 14-jährige Pearl erzählt, kreist um ihre Mutter Margot, die dank Radioschnulzen die "ganze Universität der Liebe" mitsingen konnte. Und doch, als Eli auftaucht, ein Typ von der schlechten Sorte, passiert es: "Meine Mutter riss den Mund auf zu einem großen O und atmete ihn direkt in sich ein."

Es sind Sätze wie diese, die einen sprachlos machen, so unvorhersehbar ist die Aneinanderreihung gewöhnlicher Worte. Weil Gedanken entstehen, die man noch nie hatte. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man vermuten: Mit einer solchen Traute schreibt eine ihr Debüt.

Dabei ist die in Mexiko lebende Jennifer Clement Präsidentin des Schriftstellerverbandes PEN International und für ihre vorigen beiden Romane mit Preisen zugeworfen worden. Das auch auf Deutsch erschienene "Gebete für die Vermissten", ebenfalls eine Story über ein Mutter-Tochter-Gespann, jedoch gefangen im Drogendrama Mexikos, wird nun verfilmt von Tatiana Huezo, die mit ihrer letzten Doku für Mexiko ins Oscar-Rennen ging.

Die Würde der Menschen nie in Frage gestellt

Nun entwirft Clement ein Setting, das US-amerikanische Lebensrealitäten von heute zeigt, nüchtern, brutal, zart. Es klingt mitunter, als wären ihre Figuren Stellvertreter all jener, von denen nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten immer die Rede war, den Abgehängten. Hier im Nirgendwo von Florida, gar nur auf dem Besucherparkplatz jenes Trailerparks, in einem Auto, in dem die Vordersitze das Kinderzimmer sind. Clement zeigt ein Mädchen, das weißer ist als weiß, Menschen ohne Schulabschluss, Frauen, die als Teenager Mütter wurden, traumatisierte Veteranen, Mexikaner, die mit Waffen handeln und nur eins wollen: zurück.

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Jennifer Clement:
Gun Love

Aus dem Amerikanischen von Nicolai von Schweder-Schreiner

Suhrkamp; 251 Seiten; 22 Euro

Besucherparkplatz, Auto, Wohnwagen: lauter Transiträume, nicht gedacht, um zu bleiben. Hier stecken die Menschen fest, aber ihre Würde wird nie in Frage gestellt. Weil sie Brote ohne Küche schmieren, aber von Limoges-Tellern essen, weil Pearls Mutter aufs Armaturenbrett Rachmaninows 2. Klavierkonzert hämmert, lauter Reste aus ihrem früheren Leben, in der weitläufigen Villa ihrer Kindheit und Jugend.

Pearls Radius zwischen Parkplatz, Müllkippe und dem Fluss mit den Alligatoren ist eng. Die Leute in den Wohnwagen sind ihre Familie. Die Frage nach Vertrauen oder Misstrauen stellt sich nicht. Als Pearl in zwei, drei Schüben immer weiter weg katapultiert wird aus ihrem Auto-Kosmos, bricht diese Weltordnung zusammen. Sie merkt nicht, dass es passiert. Weil ihr die Erfahrung fehlt, Vertrauten zu misstrauen. Und Unvertrautem zu trauen.

Zuerst fliegt sie wegen Eli aus ihrem Wagen-Zuhause. Dann verliert sie ihre Mutter ganz. Und landet in einem Leben, in dem Einsamkeit bedeutet, vor einer Tüte mit 17 toten Mobiltelefonen und Aufladekabelsalat zu sitzen, von jeder Pflegefamilie eins, aber nicht mehr zu wissen, welches zu welchem Kurzzeit-Zuhause gehört.

Ein Leben, in dem eine 14-Jährige feststellt: "Jetzt kennt mich niemand mehr." Ja, dieser Roman zerpflückt einem das Herz.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
nonsense_forever 23.09.2018
1. Es scheint für das Kleinbürgertum
unglaublich unterhaltsam zu sein sich an Armut und Elend des Sub-Prekariats zu ergötzen. Da war mir doch ein Regisseur wie Claude Chabrol symphatischer der sich das Kleinbürgertum zur Brust nahm. Wie sagte man einst "Der Fisch stinkt zuerst am Kopf".
mwroer 23.09.2018
2.
Zitat von nonsense_foreverunglaublich unterhaltsam zu sein sich an Armut und Elend des Sub-Prekariats zu ergötzen. Da war mir doch ein Regisseur wie Claude Chabrol symphatischer der sich das Kleinbürgertum zur Brust nahm. Wie sagte man einst "Der Fisch stinkt zuerst am Kopf".
Es geht nicht darum sich am Elend anderer zu ergötzen - es könnte allerdings helfen zu verstehen warum diese Menschen so handeln wie sie handeln. Das fängt übrigens damit an sie als Menschen zu sehen und wahrzunehmen und nicht als Sub-Prekariat.
-william- 23.09.2018
3. Zum ersten Kommentar...
Mir ging die kurze Beschreibung vom Geschehen der Handlung sehr ans Herz. Dieses ist keine Aufgeilung am Schicksal armer Menschen. Dies zeigt auf, dass es sie gibt. Manchmal vergisst man, wie gut wir es haben, bis man solche Geschichten liest. Es sind die angehängten Menschen, von denen wir in unserer Wohlstandsblase nichts hören wollen.
Alexis_Saint-Craque 23.09.2018
4. Sehr aktuell
Zitat von nonsense_foreverunglaublich unterhaltsam zu sein sich an Armut und Elend des Sub-Prekariats zu ergötzen. Da war mir doch ein Regisseur wie Claude Chabrol symphatischer der sich das Kleinbürgertum zur Brust nahm. Wie sagte man einst "Der Fisch stinkt zuerst am Kopf".
So muss man das wohl sehen. Ich erkenne in solchem auch eine Art von Palliativliteratur, die das, was nicht mehr fallen kann, in beruhigende Ferne rückt. Sollte das dennoch näher kommen, bliebe dann noch das Leben nach dem Tod. | Toll, dass Sie Chabrol reanimieren. Er ist wirklich sehr aktuell. Ich hatte ihn schon an der Peripherie.
Thrill66 23.09.2018
5. Blick in die Zukunft?
Davon ausgehend, dass die Entwicklungen der USA mit einem zeitlichen Versatz häufig auch bei uns eintreten, kann so ein Roman hilfreich sein und steht vielleicht in der Tradition der großen amerikanischen Erzähler. Ist doch schön, wenn mal wieder Dinge aus den USA kommen, die man nicht rundheraus ablehnen will/muss, auch wenn das Thema selbst befremdlich ist. Das ist doch die nobelste Aufgabe von Kunst, uns am Lauf der Dinge zu beteiligen und wenn es "nur" in unserer Empathie liegt.
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