Frauen im Zweiten Weltkrieg Wir schweißen auf den Tod

Sie tauchen für die Marine, sie schweißen an großen Schiffen: Jennifer Egan erzählt in "Manhattan Beach" eine Geschichte zur weiblichen Selbstfindung im Zweiten Weltkrieg. Cool, klug, poetisch.

Schweißerinnen auf einer US-Marinewerft 1942
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Schweißerinnen auf einer US-Marinewerft 1942

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Tauchen ist ein Männerjob. Sagen zumindest die verbliebenen Männer der Brooklyn Navy Yard, die sich bei der Arbeit zusehends von Frauen umzingelt sehen. Wer 1942 in die strömungsreichen Gewässer vor New York steigt, um unter Wasser an Zerstörern und Kreuzern zu arbeiten, muss vor dem Abstieg erstmal viele Kilo Rüstzeug stemmen. Allein 48 wiegt der Gürtel aus Blei, 18 die Schuhe aus Stahl und 28 der Helm aus Messing. Eine Frau, die das versucht, das wäre ja, so die Männerlogik, wie ein Schmetterling, der Gewichte stemmt.

Anna Kerrigan, Halbwaise, keine 20 Jahre alt, kaum 50 Kilo schwer, will trotzdem zu den Marinetauchern. Der Meeresgrund zieht sie magisch an, die Gewichte versprechen sie schnell zum Ziel ihrer Sehnsucht zu bringen. Dafür erträgt sie das Gelächter und die Verächtlichmachung der restlichen Kerle auf der Werft. Es ist in diesem ersten Kriegsjahr für die USA ja nicht so, dass als körperlich schwer empfundene Aufgaben allein von Männern erledigt werden. Viele sind auf den Schlachtfeldern in Übersee, die Frauen haben die meisten ihrer Jobs auf der Werft übernommen. Niemand braucht Männer für Schweißbrenner.

Der Männermangel zeigt sich eher nach Feierabend, wenn die Frauen den Blaumann ablegen, die Kopftücher und Helme abstreifen und ihre nach Jean-Harlow-Art frisierten Locken wippen lassen. In den Nachtclubs treiben sich volltrunkene Soldaten auf dem letzten Zwischenstopp nach Europa herum oder zwielichtige Typen, die Geschäfte mit dem Krieg machen. Anna gerät an den Mafioso Dexter Styles, der früher mit Alkoholschmuggel sein Geld verdient hat und heute insgeheim von einer bürgerlichen Existenz träumt. Durch Kriegsanleihen will er sein ergaunertes Vermögen reinwaschen.

Jennifer Egan
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Jennifer Egan

Der Zweite Weltkrieg wirft in Jennifer Egans neuem New-York-Epos "Manhattan Beach" die Verhältnisse durcheinander. Wir schweißen auf den Tod: Frauen gelangen durch den Männerschwund in neue Berufe, Gangster geben sich auf einmal einen bürgerlichen Anstrich. Niemand hat gesagt, dass bei diesem gesellschaftlichen Umbau die Moral eine Rolle spielt.

Das Jahr eins nach Pearl Harbor

Die plötzliche gesellschaftliche Durchlässigkeit in den USA im Jahr eins nach Pearl Harbor, die Chance im Chaos, nutzt die Schriftstellerin, um eine aufwühlende Geschichte von Ausgeliefertsein und Selbstermächtigung zu erzählen, der man auch in ihren gewagtesten Plot-Konstruktionen folgt: So ist der Mafioso Dexter möglicherweise auch der Mörder von Annas Vater, der im Laufe der Kapitel irgendwann Richtung Meer verschwindet. Die offene Frage: Wurde er getötet oder hat er das Weite gesucht?

500 Seiten dauern die einander befruchtenden Selbsterkundungen von Anna, der Marine-Taucherin, und Dexter, dem Gangster. Die Erzählung springt zwischen den Jahrzehnten, sie führt aus U-Bahntunneln und Nachtclubs immer wieder zum Meer. Oder, naja, zu dem, was vom Meer auf den Piers von Manhattan oder in Brooklyn zu riechen ist. Diese, wie Egan schreibt, "Dünste von Fisch, Salz, Benzin, eine brackige Version von Meerluft". Doch noch im Brackwasser spiegeln sich bei Egan die Sterne. Das geht, denn wegen der kriegsbedingten Verdunklung ist auf einmal tatsächlich das Himmelsfirmament über New York zu sehen.

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Jennifer Egan:
Manhattan Beach

Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens

S. Fischer Verlag; 496 Seiten; 22 Euro

Berühmt geworden ist Egan 2011 mit dem ähnlich verwegenen, doch soziologisch ganz anders verorteten Roman "Der größere Teil der Welt", einem Requiem auf das damals gerade sterbende Musikgeschäft, in der die Figuren ihre im Punk und Hip-Hop erworbenen Distinktionstechniken in zweifelhaften neuen Geschäftskontexten einsetzen. Für das Buch gab es den Pulitzerpreis.

Egan, 55, hat als Journalistin für den "New Yorker" und die "New York Times" gearbeitet, sie schreibt, so kann man wohl sagen, stets am Puls der Zeit und versucht, für die großen sozialen und medialen Umbrüche neue literarische Techniken zu finden. Vor fünf Jahren veröffentlichte sie den Twitter-Spionage-Roman "Black Box", den SPIEGEL ONLINE damals in Tweet-Form vorab veröffentlichte und an zehn Abenden in Form von jeweils etwa 60 Tweets verschickte. Eine der schönsten Fußnoten der Literaturgeschichte im Zeitalter der sozialen Medien.

Für "Manhattan Beach" hat Egan nun die klassische literarische Form gewählt. Sie hat ihren Stoff genau recherchiert (Marine-Taucherinnen gab es allerdings 1942 in den USA noch nicht), psychologisch akkurat verdichtet und an den richtigen Stellen ins Poetische gehoben. Der gegen viele Widerstände erkämpfte Tauchgang wird bei ihrer Heldin auch zu einer Reise in eine Landschaft der verlorenen Dinge. Oder, wie es im Buch heißt: "Und da war sie, die tiefe, allem zugrundliegende Wahrheit, sie glich einer Bewegung auf dem Meeresgrund."

"Manhattan Beach" ist ein Roman, der die Vorstellungskraft weitet, und uns mit jeder Seite mehr hineinzieht in den Ozean der Geheimnisse. In das Meer der Möglichkeiten.

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