Jerome Charyn Wie ein Schriftsteller einen Präsidenten wie Trump voraussah

Sein Romanheld ist überzeugter New Yorker, hat Wahnvorstellungen und wird US-Präsident. Jerome Charyn hat einen visionären Krimi geschrieben - den echten Trump mit seinen "Maschinengewehr-Haikus" fürchtet er.

Donald Trump
REUTERS

Donald Trump


Als Jerome Charyn sich am 8. November auf den Weg machte, um den 45. Präsidenten der USA zu wählen, verspürte er keinerlei Nervosität. Geduldig und zufrieden angesichts der offenbar hohen Wahlbeteiligung stellte er sich in die zwei Blocks lange Schlange vor dem Wahllokal. Schließlich gab es nichts zu befürchten, alle waren sich sicher: Trump würde keine Chance haben.

Ein paar Stunden später war es, als sei Charyn kurz eingenickt und in einem seiner Romane erwacht: "Von einem Moment auf den anderen lebten wir in der Twilight Zone, wo das Unmögliche jederzeit wahr werden kann", sagt Charyn im Skype-Interview mit SPIEGEL ONLINE, an seinem Schreibtisch im zehnten Stock eines Altbaus im Greenwich Village sitzend. "Und meine Bücher waren plötzlich keine Romane mehr, sondern Zeitgeschichte."

In "Winterwarnung" lässt Charyn einen durchgeknallten Ex-Cop, der sich um Regeln und Konventionen nicht schert, zum Präsidenten der Vereinigten Staaten aufsteigen. Parallelen zu Trumps Aufstieg ins Weiße Haus sind unübersehbar, wenn auch purer Zufall. Dass "Winterwarnung" in Deutschland genau am Tag von Trumps Amtseinführung erscheint, ist ein geschickter Schachzug seines hiesigen Verlags Diaphanes, in den USA kommt das Buch erst im Herbst auf den Markt. Charyn selbst weiß gar nicht mehr genau, wann er es geschrieben hat: "Vielleicht vor gut zwei Jahren, Trump war da jedenfalls noch kein großes Thema."

Hatte man in einer Blase gelebt?

Verständlich, dass Charyn gelegentlich den Überblick über sein Werk verliert, denn der 79-Jährige, den Kollegen wie Michael Chabon zu den wichtigsten Schriftstellern der USA zählen, schreibt praktisch ununterbrochen. Mehr als 50 Bücher sind es geworden seit seinem Debüt im Jahr 1965 - Romane, Kurzgeschichten, Biographien, Comics, Bücher über das Kino, den Boxsport, Tischtennis und seine Heimatstadt New York. Hier, im Problemstadtteil Bronx, wuchs Charyn auf, studierte an der Columbia, lehrte später viele Jahre in Paris Filmwissenschaft und kehrte 2009 zurück nach New York. Auch, um wieder mehr zu schreiben.

Jetzt endlich konnte er seine gewaltige Reihe von Kriminalromanen um den jüdischen Polizisten Isaac Sidel beenden, die er 1975 mit "Blue Eyes" begonnen hatte. Zwölf Jahre lang, bis 2012 "Unter dem Auge Gottes" erschien, lag sie auf Eis, jetzt führt er sie mit "Winterwarnung", dem zwölften Band, zu einem fulminanten Finale. "Es ist wie das Ende einer Odyssee", sagt Charyn, "und es fühlt sich an wie ein Abschluss. Aber andererseits: Wäre es nicht interessant zu sehen, wie die neue surreale Situation sich in den Sidel-Geschichten widerspiegeln würde?"

Autor Jerome Charyn
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Autor Jerome Charyn

Surreal fühlt sich vieles an seit der Wahl: Charyn gehört zu den New Yorker Intellektuellen, die noch nicht wirklich fassen können, was passiert ist in ihrem Land. Hatte man in einer Blase gelebt? "Auf jeden Fall ist es unser aller Schuld, weil niemand von uns verstanden hat, was in diesem Land vor sich geht, all die Not und die Ängste der Menschen, die um Hilfe baten. Trump hat eine Verletzlichkeit in der Gesellschaft zum Vorschein gebracht, von der wir gar nicht wussten, dass sie existiert."

Eigentlich Märchen für Erwachsene

Auch dass er selbst mit Isaac Sidel jemanden erfunden hat, der gegen alle Wahrscheinlichkeit US-Präsident wird, war für Charyn keine Warnung. Zwar sind Sidel und Trump beide überzeugte New Yorker, beide stellen sich immer wieder über herrschendes Recht, beide haben eine wahnhafte Vorstellung von der Realität - aber ein paar Unterschiede gibt es dann doch. Außerdem sind Charyns Kriminalromane eigentlich Märchen für Erwachsene - "kreatives Halluzinieren" nennt er seine Art zu schreiben. Seine zwölf Sidel-Romane ergeben zusammen ein dunkel schillerndes, fiebriges Porträt von New York in den Siebziger- und Achtzigerjahren.

Charyn erfasst die mythische Essenz dieser Metropole, die Investoren wie nicht zuletzt Donald Trump seitdem in ein Disneyland der Geschmacklosigkeiten verwandelt haben. Sein Held Isaac Sidel wandelt unbeirrt auf der Schnittstelle zwischen Wirklichkeit und Wahn und bleibt dabei stets - ob als Polizeichef, Bürgermeister oder Präsident - der arme jüdische Junge aus der Bronx, über den es in einem früheren Roman heißt: "Er hatte nicht mehr alle Tassen im Schrank, und es wurden von Tag zu Tag weniger."

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Jerome Charyn:
Winterwarnung

Aus dem amerikanischen Englisch von Sabine Schulz

Diaphanes; 328 Seiten; gebunden; 24,00 Euro.

Sidel, der nie ohne die Glock im Hosenbund unterwegs ist, kann selbst im Weißen Haus nicht auf seine Waffe verzichten, obwohl er eigentlich weiß, dass sie ihm hier nicht nützen wird. Trumps Waffe hingegen sei Twitter, sagt Charyn, "Maschinengewehr-Haikus" schreibe der designierte Präsident damit, eine seltsame Form von Literatur.

Ob diese Waffe so wirkungslos sein wird wie Sidels Glock, sobald er ins Weiße Haus einzieht? "Vielleicht müssen beide umdenken", sagt Charyn. "Jeder Präsident ist ein Gefangener seines Amts, der politischen Konventionen, selbst Obama konnte sich davon nicht frei machen. Und auch Trump wird lernen, dass nicht alles so läuft, wie er sich das ausgemalt hat."

Ein Glücksfall für die Leser

Präsident Sidel versucht in "Winterwarnung", das im Jahr 1989 spielt, die Armut in den USA abzuschaffen. Weil er die Menschen und ihre Nöte versteht, die große Politik aber nicht. Schon bald wird er lernen müssen, dass der angeblich mächtigste Mann der Welt teilweise vollkommen hilflos ist. Während man in seiner Partei versucht, ihn kaltzustellen und so schnell wie möglich wieder loszuwerden, geht eine Gruppe von Wirtschaftsmagnaten noch einen Schritt weiter: Sie wetten auf Isaacs Tod. Plötzlich lauern überall Attentäter.

Isaac Sidel ist ein Held von der merkwürdigsten Gestalt, der trotz all seiner Abgründe und Widersprüchlichkeiten auf der richtigen Seite steht. "Ja, wirklich", sagt Sidel am Ende von "Winterwarnung", "ich habe Glück, dass ich noch lebe."

Ein Glücksfall ist das auch für Charyns Leser, denn Isaac Sidel, dieser heilige Irre, ist eine Figur, die die Hoffnung am Leben hält, dass die Welt nicht auf ihr Ende zurast, dass es Alternativen gibt zu den Trumps und Putins und Erdogans. Jerome Charyn jedenfalls glaubt an die Wirkmächtigkeit von Literatur und wird deshalb unermüdlich weiter schreiben: "Ein Buch zu lesen ist, als schließe man die Augen und machte sie in einer magischen Welt wieder auf. Das ist meine Begabung, etwas anderes habe ich nicht."

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insgesamt 8 Beiträge
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Kurbelradio 20.01.2017
1. Idiocracy
Idiocracy (Filmtipp) ist ja auch nicht einfach so entstanden, sondern hat sich entwickelt. So sehe ich Trump als eine Art Meilenstein, in der Entwicklung nach Idiocracy. Falls es jemand nicht kennt: https://de.wikipedia.org/wiki/Idiocracy
observerlbg 20.01.2017
2. Ja @ Kurbelradio, das hatten wir hier schon öfter im Forum
Was passiert, wenn wir alle den Spruch unserer Eltern nachgeben: "der Klüger gibt nach". Dann wird die Welt von Idioten regiert. Nee, so einfach ist das nicht. Das aggressivste Raubtier dieses Planeten ist an der Spitze der Narungskette, weil er das aggressivste Raubtier ist.
anna1 20.01.2017
3. Schon 1980 hat Ted Allbeury die Story geschrieben...
Ted Allbeury hat 1980 den Roman "The Twentieth Day of January" herausgebracht. Es geht um die russische Regierung, die einem "unlikely candidate"für die US-Präsidentschaft zum höchsten Staatsamt verhilft.
BettyB. 20.01.2017
4. Tja, unglaublich, aber wahr
Kaum jemand wollte sie, die Armut in den USA wirklich offiziell wahrhaben bis Sanders kam. Ja, selbst in und nach der Finanzkrise der letzten Jahre wurde kaum das Leid der Armen geschildert, es wurden zumeist nur die Probleme der Reichen von den Meinungsmachern geschildert Da spielten lange viele Wissenden die Überraschten, ja, selbst noch als Clinton bereits verloren hatte, doch langsam dämmerte es auch den Hofsoziologen und -Politologen, ja sogar den sich zumeist gegenüber Armut blind und taub stellenden Hofökonomen, in der Demokratie gehört die Macht nicht allein den Reichen, wenn die Armen und Ausgebeuteten ihre Stimme erheben und zur Wahl gehen. Die Antwort heißt Trump. Nun werden die Kapitalisten und ihre Diener versuchen, ihn zu ihrem Schutz einzufangen, nun ja, ihn "einzubinden". Und Trump ist nicht Sanders. Schon die Auswahl seiner engsten Mitarbeiter lässt ahnen, dass es nicht den Reichen an die Geldbörsen geht, sondern die Armen im Taumel der Machttrunkenheit etwas später und somit zu spät merken, dass sie den Schatten nur scheinbar verlassen hatten. Wer nämlich auf Trump setzte und nicht auf Sanders, der setzte als Armer und Ausgebeuteter auf das falsche "Pferd"...
Hank Hill 20.01.2017
5. Idiocracy
ist ein wenig bekannter, sehr guter Film von Mike Judge, dem Vater von Beavis and Butthead. Allerdings geht er vom Jahr 2505 aus. Das heißt Personen wie Trump müßten die nächsten 488 Jahre Präsidenten der USA werden. Das ist sehr unwahrscheinlich.
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