"Predigt auf den Untergang Roms" Die Verdichtung der Welt

Erst kommen Schnaps und Wildschweinjagd - dann die Erkenntnis. In "Predigt auf den Untergang Roms", preisgekrönt als bester französischer Roman des Jahres 2012, erzählt Jérôme Ferrari von einer Bar auf Korsika. Der Glaube an den Kreislauf von Werden und Vergehen ist dabei tröstlicher als jeder Drink.

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Jérôme Ferarri: Alkohol als Katalysator
Jérôme Ferarri

Jérôme Ferarri: Alkohol als Katalysator


Der Glaube, in Bars ließe sich das Weltgeschehen verdichtet erleben, hält sich hartnäckig - besonders unter denen, die jenseits des Dichtseins nicht viel von der Welt erleben. In der Literatur führt diese Haltung zum sogenannten Kneipenroman, Bücher in denen es in der Regel um genau jene Themen geht, die den Kneipenbesucher bewegen: Frauen und Alkohol. Mehr Alkohol. Und dementsprechend vielleicht: ein bisschen weniger Frauen.

Dass ein Buch wie Jérôme Ferraris "Predigt auf den Untergang Roms" mit dem Prix Goncourt, dem wichtigsten französischen Literaturpreis ausgezeichnet wird, dürfte kaum daran liegen, dass es sich dabei eigentlich um einen Kneipenroman handelt. Gelten Kneipenromane unter schwergewichtig auftretenden Literaturkritikern doch als derart leichtgewichtig, dass in diesem Fall selbst der pompöse Titel kaum weitergeholfen haben dürfte.

Und doch - dialektische Welt der Schriftkultur - dürfte sich Ferraris nun in deutscher Übersetzung erschienener Roman für den Prix Goncourt gerade deshalb qualifiziert haben, weil er ein für den Glauben an die Kneipe entscheidendes Merkmal aufweist: die Verdichtung der Welt.

Kellnerin und Hure

Angesiedelt in einer Bar nahe der südwestkorsischen Stadt Sartène, geht es in "Predigt auf den Untergang Roms" um Männerfreundschaft und Männerwelten. Um Wildschweinjagd, Gewalt und Schnapskonsum, um ein Verständnis von Sexualität, bei dem eine fast prähistorisch anmutende Animalität doch bloß die Unbeholfenheit bemänteln soll. Um Frauen in ihren verschiedenen, ebenso milieutypischen wie für den Kneipenroman stereotypen Inkarnationen als Mutter, Geliebte, Kellnerin und Hure. Und - dies erst verleiht dem Buch seine Fallhöhe - um Philosophie und Theologie.

Angelehnt an den einzelnen Kapiteln vorangestellte Sätze des Kirchenvaters Augustinus, dem diese "Predigt auf den Untergang Roms" ihren Titel verdankt, entwickelt Jérôme Ferrari in ineinandergreifenden Abschnitten eine Theorie des Entstehens und Vergehens von Welten.

Dabei reiht er raunend hochtrabende, mitunter bewusst nebulös gehaltene Abschnitte und handlungssatte, kraftvoll alltagssprachliche Passagen derart geschickt aneinander, dass sich daraus eine mitreißende Erzählung ergibt, in der die französische Gegenwart ebenso wie die französische Vergangenheit mit ihren Kolonialkriegen und dem Ersten Weltkrieg eine Rolle spielen. Das hat sehr viel mit Verdichtung, mit dem Dichtsein allerdings umso weniger zu tun.

Die Bar ist bei Ferrari nicht Selbstzweck, sondern eine Bühne, auf der sich Kommen und Gehen inszenieren lassen. Der Alkohol ein Katalysator, der die Eigenschaften der Protagonisten akzentuiert. Wildschweinjagd, Sex und Schnapskonsum sind Inbegriff des Weltlichen, das irgendwann doch an sein Ende kommen muss.

Am Schluss steht bei Ferrari die Erkenntnis: So groß die Angst des Einzelnen vor dem Zusammenbruch seiner Welt sein mag - es überdauert der Kreislauf von Werden und Vergehen. Und das ist tröstlicher als jeder Drink.

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mischpot 22.03.2013
1. Bei manchen steht diese Erkenntnis am Anfang.
"Am Schluss steht bei Ferrari die Erkenntnis: So groß die Angst des Einzelnen vor dem Zusammenbruch seiner Welt sein mag - es überdauert der Kreislauf von Werden und Vergehen. Und das ist tröstlicher als jeder Drink."
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