Roman "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt" Die Generation, auf die es ankommt

Eine Mutter packt ihre Kinder und fährt los, um den Vater aus dem Gefängnis abzuholen. Zwei Tage Roadtrip, in denen Jesmyn Ward drei Generationen Südstaatengeschichte erzählt. Was für ein Buch!

Kind schaut aus dem Autofenster (Symbolbild)
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Kind schaut aus dem Autofenster (Symbolbild)

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Und dann kotzt Kayla. Ströme in Lila sprühen aus dem Mund des Mädchens, in Orange, in Gelb. Die Cheetos, die Schinkenbrote, den Brombeerblatttee, das Gatorade. Immer und immer wieder, die ganze lange Autofahrt lang, auch in der Nacht und am nächsten Tag wieder. Auf dem Weg zurück schluckt Leonie, ihre Mutter, kurz vor einer Polizeikontrolle einen Beutel Crystal Meth, sie übergibt sich später im Strahl, dank einer selbst gebrauten Milch-und-Kohle-Lösung.

Die Menschen stülpen sich von innen nach außen in Jesmyn Wards "Singt, ihr Lebenden und ihr Toten". Als ob es ein Überlebensmittel wäre, in diesem aufwühlenden Roman, die Sedimente, die Innereien einmal genauer beschauen zu können. Zu viel hat sich abgelagert in dieser Familie.

Da ist Michaela, die alle nur Kayla nennen - drei, mit blondem Afro. Da ist ihr 15-jähriger Bruder Jojo. Da ist Leonie, Anfang 30, die in ihrer zugedrogten Egal-Haltung die Fürsorge den eigenen Eltern überlässt: ihrer Mam, schwer krank, und ihrem Pop, der einst auf den Baumwollfeldern der Parchman Farm, dem Staatsgefängnis von Missisippi, schuften musste. Und schließlich Michael, Vater der Kinder, ein "Weißer Mann", der nun nach drei Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird. Deshalb der Road Trip. Ein Kreis schließt sich.

Erzählen als politischer Akt

Was für ein Buch! Es mag übertrieben klingen, aber "selten" wäre zu schwach, drum also: Nie porträtierte ein Roman eine Geschwisterliebe wie die von Jojo und Kayla. Die permanent so in Fürsorge umeinander geschlungen sind, dass sie wie ein Wesen mit vier Armen und Beinen wirken: "Er hebt Michaela hoch und trägt sie vor seiner Brust: ihr Rücken sein Schild." Und nie gab es in einem Buch Szenen, die das Sterben derart emotional wahrhaftig und unerbittlich zeigen.

Aber nicht weiterzulesen ist keine Option: Weil Jesmyn Wards Sätze uns Nischen in unserem Kopf zeigen, von denen wir nicht wussten, dass sie existieren. Als ob sie eine Fächermappe aufklappt, und auf einmal mehr Raum da ist als gedacht. Sie hat dafür 2017 den National Book Award gewonnen, einen der wichtigsten Literaturpreise der USA, wie auch schon 2011 für "Vor dem Sturm". Ehrlich, alles andere wäre eine Überraschung gewesen.

Autorin Jesmyn Ward
Chris Granger

Autorin Jesmyn Ward

"Singt, ihr Lebenden und ihr Toten" ist ein Dokument dafür, wie elementar es ist, zu erzählen, um etwas weiterzugeben, etwas lebendig zu halten - als politischer Akt. Ward schenkt uns hier in Form eines Zwei-Tage-Roadtrips die Storys einer schwarzen Südstaatenfamilie von heute, teils im vernuschelten Ton wörtlichen Erzählens, den die Übersetzerin Ulrike Becker wunderbar erhalten hat.

Kapitel für Kapitel wechseln sich Jojo und seine Mutter ab, eingeflochten Erinnerungen der Großeltern, unterbrochen von der Stimme eines Jungen, den Pop einst in Parchman unter seine Fittiche nahm: "Die Geschichte […] ist ein mottenzerfressenes Hemd, zu Fetzen geschreddert", lässt sie diesen Jungen sagen: "Die Form stimmt, aber die Einzelheiten sind ausradiert", nur flicken könnte man die Löcher, aber ach.

Vater weiß, Mutter schwarz, ein Großvater, der als junger Mann angekettet in einer Gefangenengrupppe schuften musste, eine Großmutter, die an die Heilige Teresa genauso glaubt wie an die Yoruba-Göttin Oya, die "Herrin der Winde, des Blitzes und der Stürme", ein toter Onkel, als Schüler erschossen von einem aus der weißen Familie väterlicherseits: Dass all dies zugleich gültig sein kann, dass die Vorfahren, die Ungeborenen und die Lebenden einen Raum teilen, gehört zum Glauben der Yoruba in Nigeria. Darum der Titel: "Sing, Unburied, sing".

"Dann fällt es mir wieder ein: Wir sind ihnen egal"

Wie tagesaktuell diese Haltung gegenüber Historie ist, ist unübersehbar. Dass es nie darum gehen kann, die Geschichte der Generationen zuvor abzuschütteln, zeigen nicht zuletzt die Nazi-Aufmärsche und Debatten rund um Charlottesville in den USA im vergangenen Jahr, die aktuelle Relevanz von Romanen über die Zeit des Sklavenhandels wie Colson Whiteheads "Underground Railroad". Oder über das gefürchtete Straflager Parchman Farm bei Ward, längst verewigt im klagenden Blues von Bukka White. "Ich fiel aus dem Flug, die Erinnerung zog mich zur Erde", ist die umwerfende Formel, die Ward dafür findet.

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Jesmyn Ward:
Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt

Aus dem Englischen von Ulrike Becker

Verlag Antje Kunstmann, 304 Seiten, 22 Euro

Auf dem Trip nach Parchman und zurück lassen Leonie und Jojo diesen Gedanken sachte ein. Wie Ward die Kluft zwischen den beiden aufbrechen lässt, hat große Wucht. Weil sie nicht nur die brutale Einsamkeit zeigt, in der Jojo gefangen ist; Jojo, der Durst hat, aber nur eine Cola für seine Mutter an der Tanke kaufen darf. Und weil Ward auch von Leonies Ringen erzählt, das Richtige zu tun. Und auf dieser Fahrt nach Parchman doch erkennt, dass der Faden zwischen ihrem Erbe und ihr längst gerissen ist. Die Gebetsformeln ihrer Mutter bröckeln bei ihr zusammen: "'Heilige Teresa', murmele ich. 'Oya', sage ich."

Jojo und Kayla, sie sind die Generation, auf die es ankommt, daran lässt diese Geschichte keinen Zweifel. Der Teenager steht zwischen allem, historisch, kulturell, altersbedingt. Und stellvertretend für uns alle begreift er, was seine Großmutter ihm erklärt: "Erwachsen werden bedeutet, zu lernen, wie man durch diese Ströme durchkommt: wann man sich festhalten muss, wann man den Anker werfen soll, wann man sich am besten mitreißen lässt." Und sicher auch: wann man runter muss, um das Versunkene nach draußen zu lassen, an die Luft. Es muss ja nicht immer lilafarbene Kotze sein.

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