Jhumpa Lahiri und das Italienische Im Venedig der Sprachen

Bengalische Eltern, aufgewachsen in den USA: Pulitzerpreis-Gewinnerin Jhumpa Lahiri fühlte sich zeitlebens als Sprachnomadin. Ihr neues Buch erzählt, wie sie die Suche nach einer ganz neuen Wahlheimat befreite.

Venedig, Piazza San Marco
Getty Images

Venedig, Piazza San Marco

Von Franziska Wolffheim


Im Winter 1994 ist Jhumpa Lahiri eine ganz gewöhnliche Touristin in Florenz. Sie flaniert durch die Stadt, lässt die fremde Sprache auf sich wirken. Und merkt plötzlich, wie sehr sie der Klang des Italienischen verzaubert. Obwohl sie kein Wort versteht. Oder vielleicht gerade deshalb.

Sie hat das Gefühl von Vertrautheit, als sei diese Sprache immer schon in ihr gewesen. Ein unerklärlicher Coup de foudre, ein Liebesgewitter. Aus der Begeisterung wird schnell eine Obsession: Sie will diese Sprache lernen, durchdringen, beherrschen. Am Ende ist sie so weit, dass sie sogar auf Italienisch schreiben kann. Das neue Buch, in dem sie ihre ungewöhnliche Passion reflektiert, hat sie auf Italienisch verfasst: "Mit anderen Worten. Wie ich mich ins Italienische verliebte".

Dieses Buch ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Es ist sehr persönlich, sehr emotional, und wir lernen viel über Lahiris (sprachliche) Sozialisation. Darüber hinaus erfahren wir eine Menge über das, was Sprache ausmacht, was sie kann und was nicht - ein Thema, das in unserer Welt der Globalisierung und der großen Flüchtlingsströme immer brisanter wird.

Während Sprache gemeinhin einen Teil unserer Identität ausmacht, uns verwurzelt, ist sie bei Jhumpa Lahiri Ursprung einer fundamentalen Zerrissenheit. Die mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Bestsellerautorin ("Melancholie der Ankunft", "Das Tiefland") ist eine Sprachnomadin.

Lahiri, 1967 in London als Tochter bengalischer Eltern geboren, ist in den USA aufgewachsen und schreibt ihre vielgelobten Romane und Erzählungen auf Englisch. Mit ihrer Familie hat sie dagegen immer Bengalisch gesprochen. Als sie als kleines Mädchen in den Kindergarten kommt, wird sie, wie sie schreibt, "traumatisiert": Sie beherrscht die Landessprache nur rudimentär, findet kein Vertrauen zu den Erzieherinnen und unter den anderen Kindern keine Freunde.

Das Italienische schlägt ein wie ein Komet

Erst später, als sie auf Englisch liest und schreibt, wird die Sprache der frühen Kindheit zurückgedrängt: Die "Stiefmutter", das Englische, verdrängt die Muttersprache. Doch in keiner der beiden Sprachen wird sie jemals zu Hause sein, der Spagat ist nicht befruchtend, sondern quälend, schafft das Gefühl von Unsicherheit und Unzulänglichkeit. Ein Gefühl, das auch der große Erfolg, den Lahiri als Schriftstellerin hat, nicht auflösen kann.

Das ist die Ausgangssituation, und in diese schwierige Gemengelage schlägt das Italienische wie ein Komet ein. Es ist, als suche die Autorin den Befreiungsschlag, um dem ewigen Ringen um ihre Identität ein Ende zu setzen. Die Autorin saugt die fremden Vokabeln auf, schreibt ganze Hefte damit voll, beginnt zögernd zu sprechen, liest bald auch italienische Autoren von Leopardi bis Elena Ferrante im Original.

Autorin Lahiri
DPA

Autorin Lahiri

2013 zieht sie mit ihrem amerikanischen Ehemann und den beiden Kindern nach Rom. Dass ihr Mann aufgrund seines Aussehens als Italiener durchgeht, sie selbst mit ihren indischen Wurzeln aber nicht, gehört zu den hübschen anekdotischen Schilderungen dieses Buches, die jedoch keinesfalls folkloristisch gemeint sind. Für Jhumpa Lahiri ist diese Erfahrung, in ihrem geliebten Italien stets als Exotin und Fremde angesehen zu werden ("Nice to meet you") ernüchternd.

Aber auch das Gefühl, im Italienischen immer eine Unvollkommene zu sein, im Sprechen wie im Schreiben, muss sie aushalten. Ihr Schreiben auf Italienisch, bemerkt sie einmal, sei "wie salzloses Brot. Es funktioniert, aber der gewohnte Geschmack fehlt". Und trotzdem macht sie weiter, ein anstrengender, aber lustvoller Kampf, den sie eigentlich schon gewonnen hat - weil sie ihn überhaupt führt.

Der größte Gewinn, den sie aus ihrem linguistischen Dauerlauf zieht, ist verblüffend: Sie fühlt sich lebendig, befreit von der ewigen Zerrissenheit zwischen zwei Sprachen, bereichert um eine dritte. Ein wunderbares, intellektuelles Doping. Aus dieser Lebendigkeit entsteht das Beste, was einer Schriftstellerin passieren kann: ein neuer Kreativitätsschub.

ANZEIGE
Jhumpa Lahiri:
Mit anderen Worten

Wie ich mich ins Italienische verliebte

Übersetzt von Margit Knapp

Rowohlt; 144 Seiten; 14,95 Euro

Jhumpa Lahiris Bücher kreisen immer wieder um die Themen Auswanderung und Entwurzelung, Fremdsein im eigenen Land, Fremdsein im eigenen Leben. Wie sehr dieses Lebensgefühl die Autorin selbst prägt, erfahren wir eindrucksvoll in diesem schmalen Buch. Im Italienischen fühlt sie sich zwar ebenfalls fremd, aber da sie nicht passiv bleibt, sondern agiert, sich mit allen Sinnen in die neue Sprache stürzt, wird das Ganze zum Spiel, ohne Schmerz und Melancholie.

Dass es Lahiri etwas übertreibt, wenn sie in immer neuen Bildern ihre Amour fou zum Italienischen beschreibt, ihr unermüdliches Tasten, um das Objekt der Begierde zu bezwingen, sei ihr verziehen - Verliebte sind häufig maßlos. Die beiden Erzählungen, die dieses Buch außerdem enthält, wirken, na ja, etwas steif und bemüht.

Und trotzdem ist es erstaunlich, wie weit Lahiri in das Labyrinth der neuen Sprache eingedrungen ist. Ein Labyrinth, das sie an Venedig erinnert, wo sie sich permanent verirrt, sich unruhig und orientierungslos fühlt, aber auch erwartungsvoll, wenn aus dem Nebel etwas Neues hervorscheint.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pacífico1 24.11.2017
1.
noch nie fühlte ich mich so verstanden, die Zerrissenheit zwischen mehrere Sprachen: Meine Muttersprache bis meine Jugend ist Portugiesisch, Deutsch meine Erwachsene Sprache und über 32 Jahren in keiner der beiden Sprachen bin ich wirklich zu Hause! In mir ist immer eine Unruhe diesbezüglich....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.