Joan Didions "Blaue Stunden" Das Glück zerbricht, die Erinnerung nicht

Bestens vernetzt, erfolgreich als Autorin, muss Joan Didion den Tod von Mann und Tochter ertragen. In ihrem Buch "Blaue Stunden" nähert sie sich den Seelennöten ihres Kindes und ihrem eigenen Unglück - und schafft so ein Werk von glasklarem, federleichten Ernst.

Joan Didion 1967: Intellektuelle Upper class
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Joan Didion 1967: Intellektuelle Upper class

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Eines der wenigen Bücher, das man tatsächlich mit beinahe angehaltenem Atem liest, ist "Das Jahr magischen Denkens": Beginnend mit dem Herztod von John Gregory Dunne, erzählt Joan Didion nicht nur die Geschichte des Abschieds von dem Mann, mit dem sie ihr Leben verbracht hat, sondern, ganz nebenbei, auch die der US-amerikanischen sechziger, siebziger und achtziger Jahre; der Zeit, als sich Mainstream- und Gegenkultur der USA auf eine Weise inspirierten, die heute kaum mehr vorstellbar ist.

Joan Didion und John Gregory Dunne waren kein beliebiges Paar: Als Journalisten, Drehbuchautoren und Schriftsteller gehörten sie zur intellektuellen Upper class der USA. Nachdem sie 1966 das Mädchen Quintana Roo adoptiert hatten, lebten sie zuerst in Los Angeles, später in Manhattan. Quintana Roo starb kurz nach ihrem Adoptivvater an den Spätfolgen einer Gehirnblutung - ihre Krankheit ist in "Das Jahr magischen Denkens" allgegenwärtig, und doch wusste Didion bei der Niederschrift noch nicht, dass sie kurz nach ihrem Mann auch ihre Tochter verlieren würde.

"Blaue Stunden" schließt an "Das Jahr magischen Denkens" an. Es beginnt mit einem anderen Todesfall: Die Schauspielerin Natasha Richardson, mit der Didions Familie befreundet war, stirbt an den Folgen eines Skiunglücks. Didion erinnert sich, skizziert die Sommer an der Côte d'Azur, als Richardson in einer Villa vergnügt Dutzende von Party- und Feriengästen bewirtete.

Schon "Das Jahr magischen Denkens" hatte sich dadurch ausgezeichnet, dass Didion ihre Trauer plastisch schilderte: auf eine Weise, die gleichermaßen emotional und sachlich war. In "Blaue Stunden" hat die mittlerweile 77-Jährige diese Technik perfektioniert. Nie lässt sie Zweifel am andauernden Schmerz über den Tod von Tochter und Mann, an ihrer Angst, ihrem eigenen, schlechter werdenden Zustand. Und doch schreibt sie nüchtern. Und erreicht gerade dadurch größte Eindringlichkeit. Die Analyse ihres eigenen Befindens verwebt sie mit zahllosen Erinnerungen. So gelingen ihr kurze, eindringliche Szenen aus dem Leben einer gut vernetzten Künstler- und Filmbranchen-Familie jener Ära, als die USA im Zenit ihrer kulturellen Bedeutung standen.

Die Hauptfigur dieses Buchs aber ist Quintana Roo: Behutsam, fragend nähert sich Didion den Seelennöten ihres adoptierten Kindes. Die Fragilität von Quintana Roos Befindlichkeit spiegelt sich dabei in der zunehmenden körperlichen wie seelischen Zerbrechlichkeit derjenigen, die sie überlebt hat: ihrer Mutter.

Der Tod eines Kindes ist das, wovor sich alle Eltern fürchten. Joan Didion schreibt sinngemäß, ihr bliebe, um die Tatsache, dass sie Quintana überlebt hat, zu ertragen, kaum etwas anderes übrig, als weiterzuschreiben. Dabei ist ihr ein Buch gelungen, das sich in einer Weise mit Alter und Tod auseinandersetzt, wie es nur wenigen Autoren gelingt - in glasklarem, federleichten Ernst.

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Sinibaldi 08.03.2012
1. Softly your memory...
Like a luminous flower your delicate sadness returns near a white dream.... Francesco Sinibaldi
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