Gettoträume Sherlock in der Glitzerwelt von L.A.

Ein smarter Eigenbrötler ermittelt am Abgrund des Bling-Bling von Los Angeles: Im Thriller "IQ" erzählt US-Autor Joe Ide eine packende Detektivgeschichte zwischen Rappern, Killern und Drogenbossen.

Krimi in der Glitzerwelt
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Krimi in der Glitzerwelt


Gut, wenn man Beziehungen hat: Joe Ide schickte sein Romandebüt an seinen berühmten Cousin, den Politikwissenschaftler Francis Fukuyama - das Ende der Geschichte seines permanenten Scheiterns. Lange Jahre hatte Ide in Hollywood gearbeitet, Drehbuch nach Drehbuch verfasst, allein: Ein Film wurde aus keinem seiner Skripts.

Also hat Ide "IQ" geschrieben, und dass dieses Buch überhaupt einen Verleger gefunden hat, mag seinen Verbindungen geschuldet sein. Dass der Roman aber noch vor Veröffentlichung und vor den hymnischen Rezensionen in "New York Times" und "Washington Post" ans Fernsehen verkauft wurde, liegt an Ides cleverer Idee.

Autor Joe Ide
Craig Takahashi

Autor Joe Ide

Der Kalifornier Ide surft auf der Sherlock-Holmes-Welle; Arthur Conan Doyles emblematischer Detektiv ist nicht erst seitdem Benedict Cumberbatch ihn in einer Serie spielt wieder im Dauereinsatz gegen das Verbrechen. Der Sherlock von Long Beach heißt Isaiah Quintabe und wird IQ genannt, auch weil er der schlauste Typ in seiner Hood ist. Es gibt allerdings Menschen, die den Eigenbrötler als "blöden arschgesichtigen Einsteinmuthafucka" dissen. Isaiah hat zwar keine Lizenz, aber eine Mission: Menschen in Not zu helfen. Die meisten seiner Aufträge sind Lappalien, und Geld gibt's auch eher selten: "Viele seiner Klienten bezahlten mit einer Süßkartoffelpastete, kostenloser Gartenarbeit oder einem brandneuen Radialreifen."

Der Außenseiter im Problembezirk

Wie aus dem schwarzen Teenager Isaiah der Detektiv IQ wurde, das vermittelt Ide mit viel Empathie: Vielleicht, weil die Geschichte von dem smarten Waisenkind, das nach dem Tod des idealisierten Bruders die Schule schmeißt, zum Berufsverbrecher wird und schließlich ohne es zu wollen einen Gang-Krieg auslöst, seine eigene Jugend reflektiert, auch wenn Ide weder schwarz ist noch Waise. Er wuchs in großer Armut in South Central auf, hat japanische Wurzeln und fühlte sich in dem von Straßengangs dominierten Problembezirk immer als Außenseiter. Viel von dieser Einsamkeit und diesem Schmerz ist in die Figur von IQ eingegangen.

Einen ganz anderen Sound, leichter, ironischer, findet Ide für die parallel zu dieser bitteren Coming-of-Age-Moritat erzählten Storyline, die sieben Jahre später spielt. IQ ermittelt in der Hip-Hop-Szene von Los Angeles. Und natürlich stellt Ide seinem Sherlock Holmes einen Watson zur Seite. Sein Jugendfreund Juanell Dodson (man beachte den Reim) ist ein früherer Kleinkrimineller, der nie zimperlich war, wenn es darum ging, sich den Traum von bitches and money zu erfüllen. Er vermittelt IQ einen lukrativen Auftrag: Jemand wollte den Rapper Calvin Wright alias Black the Knife mithilfe eines riesigen Kampfhunds killen. Sherlock-Holmes-Leser ahnen es: "IQ" ist die Gangster-Rap-Variante von "Der Hund von Baskerville", Conan Doyle meets Tupac Shakur.

Ide hat sichtlich Spaß daran, sich über die geschmacklose Glitzerwelt von neureichen Hip-Hoppern lustig zu machen. Wright, der Rapper, versinkt wie Mafiaboss Tony Soprano in tiefer Depression. Schon zum Frühstück mixt er Upper und Downer mit Alkohol und kifft so viel, dass selbst Snoop Dogg schwindlig würde. Sein Zuhause könnte direkt aus der MTV-Serie "Cribs" stammen, in der Popstars voller Stolz beweisen, dass Geld und Geschmack oft wenig miteinander zu tun haben. Seine "gigantische lachsfarbene Villa im mediterranen Stil mit Palmen, exotischen Farnen und einem Brunnen aus wasserspeienden Delfinen" ist vollgestopft mit teuren Scheußlichkeiten: "Was hatte er sich dabei gedacht, echtes Geld hinzublättern für eine schottische Streitaxt aus dem 14. Jahrhundert (..…) oder den massiven Thron aus Teakholz, auf dem er nie saß."

Wrights Gettotraum entwickelt sich zum Albtraum, seine Nobelvilla wird zum Gefängnis mit goldenen Gitterstäben. Er traut sich nicht mehr in die Öffentlichkeit, weil IQ zwar bald den Killer ausfindig macht, einen durchgeknallten Redneck, aber nicht den Auftraggeber, der aus der Entourage des Rappers stammen muss.

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Joe Ide:
IQ

Aus dem amerikanischen Englisch von Conny Lösch

Suhrkamp Verlag, 387 Seiten; 14,95 Euro.

Neben Conan Doyle gehört auch Elmore Leonard zu Joe Ides Idolen. Von dem 2013 verstorbenen Krimischriftsteller, der das Genre geprägt hat wie kaum ein zweiter, hat Ide sich abgeschaut, wie man effizient erzählt, wie man Personen in Dialogen zum Leben erweckt, ohne große Erklärungen. Ide hat ein Ohr für den Sound des schwarzen Los Angeles und findet schnell seinen Erzählrhythmus, beides von Übersetzerin Conny Lösch hervorragend ins Deutsche herübergerettet. Trotz kleinerer dramaturgischer Stolperer gegen Ende ist Ide mit "IQ" ein geschmeidiges Krimidebüt gelungen, das von seinen vielschichtigen Figuren lebt, von seinem bissigen Humor und vor allem von seiner Authentizität. Oder wie er einen seiner Antihelden in einem TV-Interview sagen lässt: "Das ist das Getto, hier bekommst du's live. Wenn du den Nigga nicht erschießt, bevor er dich erschießt, kannst du einpacken mit deinem Scheiß."

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