Jörg-Fauser-Gesamtausgabe Von Wölfen und Eseln

Jörg Fauser ist ein Romanautor, den auch und vor allem Journalisten bewundern. Nun ist ein Band mit Fausers eigenen journalistischen Arbeiten erschienen: ein Klotz von einem Buch, über ein Kilo schwer und 1600 Seiten dick.

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Fauser regt die Fantasie an, so viel ist klar nach einem Blick ins Archiv, und sei es nur die Fantasie mancher Kulturjournalisten für immer neue Bei- und Ehrennamen: Der "Pop-Literat der ersten Stunde" sei ein "brillanter Beobachter" gewesen, war jüngst zu lesen, ein "schreibender Solitär", ein "radikaler Emphatiker", ein "Querulant aus Prinzip", ein "begnadeter Bohémien", ein "Gossenromantiker der schlimmsten Sorte", ein "hessischer Subkultur-Cowboy". Alle Achtung!

Buchcover "Der Strand der Städte"

Buchcover "Der Strand der Städte"

Denn das ist ja die Ironie der Fauser-Geschichte: Dass er sich zu Lebzeiten als Feind des so genannten bürgerlichen Feuilletons stilisierte, heute jedoch ein Liebling des Feuilletons ist - ein Zeichen für dessen popkulturellen Wandel. Jörg Fauser, gestorben 1987, in der Nacht seines 43. Geburtstags, ist einer jener Schriftsteller, die auch und vor allem von Journalisten bewundert werden, dessen Texten auch und vor allem Journalisten nacheifern. Vielleicht, weil er selbst als Journalist arbeitete. Vielleicht, weil er das auch dann nicht verbarg, wenn er Literatur fabrizierte: klar, direkt und frech.

Im Alexander Verlag Berlin ist nun der letzte Band einer neunbändigen Fauser-Werkausgabe erschienen, darin seine gesammelten journalistischen Arbeiten. "Es ist das irrste und dickste Buch, das ich je gemacht habe", sagt der Verleger Alexander Wewerka. Ein Klotz, über ein Kilo schwer, 1600 Seiten dick.

Fauser war nicht wählerisch, wenn es darum ging, seine Texte abzusetzen: "Worum es geht, ist doch einfach dies: brauchbare Literatur zu schreiben und zu verlegen, brauchbar zum Überleben in einer Welt, in der einen kaum noch was zum Überleben animieren kann", schrieb er 1977. "Und ob diese Literatur, die ästhetisch und menschlich engagiert ist und der Zeit einen ramponierten, aber immer noch intakten Spiegel vorhält, nun in einem Groß- oder Mittel- oder Kleinverlag, in Mizzis Mösen-Magazin oder in der Kreuzberger Kneipenzeitung erscheint, ist denen, die sie brauchen, Jacke wie Hose."

Journalistische Texte schrieb Fauser für Spiegel und Stern, aber auch für kleine Szeneblätter, für die Nackedeimagazine Playboy und Lui, für das Berliner Stadtmagazin tip und das Kulturheft Transatlantik, für die Rundfunksender WDR, HR und BR. "Ob ich für eine Zeitung schreibe, ein Hörspiel mache, einen Film schreibe, ist mir an sich wurst", sagte er 1985 in einem Interview. "Wenn ich 14 Tage nicht geschrieben habe, werde ich unruhig."

Der nun erschienene Mammutband ist so etwas wie die Autobiographie des Publizisten Jörg Fauser, angefangen bei dem braven Erlebnisbericht "Die Blumen von Lyon" aus dem Jahr 1959, den der damals 15 Jahre alte Obertertianer des Frankfurter Lessinggymnasiums in einem Lokalblatt, der Frankfurter Neuen Presse, veröffentlichte. Das Thema: ein Schüleraustausch.

Zwölf Jahre später, 1971, sind Fausers Themen andere, und sein Ton ist alles andere als brav: "Junk - Die harten Drogen" heißt sein Text für das Zeitgeist-Blatt twen, der als egozentrischer Erlebnisbericht startet und in einen anklagenden Essay über Entzug mündet. Vor etwa sechs Jahren habe er erstmals Kontakt mit Drogen gehabt, schreibt Fauser, "sicher zehnmal" habe er sich seitdem selbst entzogen - und sei immer wieder zur Nadel zurückgekehrt. Warum? Jedenfalls nicht, weil er eine "typische Suchtpersönlichkeit" sei, eine "voll und ganz gescheiterte Existenz", wie ignorante Ärzte es Junkies immer unterstellten. "Junk ist ein Genußmittel, meine Herren, und zwar das beste, das ich kenne; so gut, daß es immer Menschen geben wird, die das unvermeidbare Risiko der Sucht gern eingehen werden für ihre unvergleichlichen Wonnen."

Welch begnadeter Stilist Fauser war, trotz langer Jahre der Sucht, zeigt sich an seinen Arbeiten über andere Schriftsteller, die er bewunderte, darunter vor allem Charles Bukowski, aber es zeigt sich auch an vergleichsweise kleinen Artikeln wie "Tanger" und "Agonie", Reisereportagen aus dem Jahr 1977, in denen er seine Sätze mäandern lässt, so endlos weit, bis der Journalismus kippt in Literatur und Philosophie.

Wie genau Fauser beobachtete, und wie scharf er auf Basis dieser Beobachtungen urteilte, zeigt ein Text aus dem Jahr 1984, für den er den jungen Grünen-Politiker Joschka Fischer begleitete, den "Macker aus dem Nordend" im "Nadelstreifenjackett vom Frankfurter Flohmarkt". Nach einer Reise im Intercity-Speisewagen, nach einer Wahlkampfdiskussion in der Mehrzweckhalle Möhringen und nach einer Fraktionssitzung in der Hauptstadt findet Fauser eine Pointe, die alles erklärt.

"Wenn Bonn das Wölfische förderte, dann aber auch vielleicht deshalb, weil es hier so viele Esel gab."


Jörg Fauser: Der Strand der Städte. Gesammelte journalistische Arbeiten 1959-1987, Alexander Verlag Berlin, 1600 Seiten, 49,90 Euro.



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marks & spencer 03.08.2009
1. Ein Brief über Ornothologie
Das Problem an Fauser ist, dass er zu viel geschrieben hat. Demgemäß auch ziemlich viel Mist. Im Vergleich mit Cracks wie Hemingway oder Bukowski war er doch eher unbedeutend.
tanni95, 03.08.2009
2. Jedenfalls...
Zitat von marks & spencerDas Problem an Fauser ist, dass er zu viel geschrieben hat. Demgemäß auch ziemlich viel Mist. Im Vergleich mit Cracks wie Hemingway oder Bukowski war er doch eher unbedeutend.
...war Jörg Fauser ein hervorragender "Formulierer" und Geschichtenerzähler. Das zeigt sich besonders beim "Schneemann" und bei "Alles wird gut". Da würde ich ihn fast ebenbürtig mit Buk bzw. dessen Übersetzer Carl Weissner sehen. "Mann und Maus" sind auch sehr gute Kurzgeschichten. Sein früher Tod - alleine, morgens um drei, betrunken(?)- auf der Autobahn überfahren zu werden, passte irgendwie zu seinem rastlosen leben.
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