Bestseller in Deutschland "Wir sind entspannter, als wir fürchten"

Früher Simmel und Loriot, heute Kehlmann und Ferrante - Bestsellerlisten faszinieren Jörg Magenau. Der Literaturkritiker hat über sie geschrieben und findet: Jeder Bucherfolg spiegelt die Stimmung einer Ära.

Ein Interview von


Zur Person
  • Anna Weise
    Jörg Magenau, geboren 1961, ist Literaturkritiker und Sachbuchautor. Er schrieb Biografien über Martin Walser und Christa Wolf und porträtierte die Gruppe 47. Er lebt in Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Herr Magenau, wie oft checken Sie die Bestsellerliste?

Magenau: Jede Woche. Ich will wissen, was sich da tut: Wo steht der neue Kehlmann - und auf welchem Platz rangiert Wohlleben gerade? Wer schafft es noch in die Top 20 und wer fliegt wieder raus?

SPIEGEL ONLINE: Sie haben ein ganzes Buch über Bestseller geschrieben. Was fasziniert Sie so an diesen Listen?

Magenau: Ich bin ein großer Freund tabellarischer Weltordnungssysteme wie etwa der Bundesligatabelle: Sie schaffen eine Ordnung. Die Bestsellerliste setzt der Unübersichtlichkeit des Buchmarktes eine überschaubare Form entgegen.

SPIEGEL ONLINE: Schauen wir uns die aktuelle Top 10 an. In der Belletristik ganz oben dabei: der neue Band der Elena-Ferrante-Tetralogie. Erfolg generiert Erfolg?

Magenau: Ja. Nichts ist so erfolgreich wie Erfolg. Ferrante ist bereits eine eingeführte Marke. Gleiches gilt für Schlink, Kehlmann und Murakami - und Fitzek kann auch schreiben, was er will. Alles Titel, die in den Top 10 nicht überraschen.

ANZEIGE
Jörg Magenau:
Bestseller

Bücher, die wir liebten - und was sie über uns verraten

Hoffmann & Campe, 288 Seiten, 22,- Euro (gebunden)

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch stellen Sie die These auf, dass die Stimmung einer Gesellschaft in den Listen ablesbar ist. Wie sind wir gerade drauf?

Magenau: Wir sind entspannter, als wir in unserer doch eher hysterischen Gegenwart fürchten. Nehmen Sie die ersten zehn der Sachbuchliste: "Die Kunst des guten Lebens", "Über den Anstand in schwierigen Zeiten", "Nächste Ausfahrt Zukunft", das sind alles Werke, in denen es um Wissen, Moral und das bessere Leben geht. Und mit "Feuer und Zorn" von Michael Wolff widmen wir uns der Paranoia der Politik.

SPIEGEL ONLINE: Und was erfahren wir noch? Sie haben schließlich rund 110 Titel analysiert, von 1945 bis heute.

Magenau: Zwei englische Wissenschaftler haben jüngst ein Computerprogramm vorgestellt, das angeblich 80 Prozent aller Bestseller vorhersagt. Demnach darf ein Buch nicht mehr als zwei Themen behandeln, um Bestsellerpotential zu haben. Das finde ich ein bisschen banal. Für meine Auswahl reichte Auflage allein nicht, das Buch musste Debatten hervorgerufen, eine Wirkungsgeschichte haben. Ich wollte eine Gesellschaftskritik zeichnen: Es braucht eine Zeitstimmung, damit ein Buch zündet. Das sieht man an den Naturthemen, allen voran die Titel von Peter Wohlleben, dessen "Die geheime Sprache der Bäume" der Supermegaseller der letzten Jahre ist.

SPIEGEL ONLINE: Nature Writing ist aber kein rein deutsches Phänomen. Was befriedigen diese Bücher?

Magenau: Naturwissenschaften haben nach 1989 die Gesellschaftstheorie als primäres Welterklärungsmodell abgelöst. So auch Wohlleben: Sein Blick auf die Bäume verhandelt, wie wir die Welt sehen. Er beschreibt den Wald als sozialdemokratischen Staat, in dem die Starken den Schwachen helfen. Diese Gattung spiegelt ein typisches Bestsellermuster: Es geht um etwas, das im Verschwinden begriffen ist. Die Natur ist bedroht - und Sozialdemokraten gibt es ja vielleicht auch bald keine mehr. Dazu passt auch die Autobiographie von Gregor Gysi, die seit Wochen auf Platz 1 steht: Bücher von Politikern werden zu Bestsellern, wenn mit ihrem Ausstieg eine Ära zu Ende geht. Echte Typen sind ja dringend vermisst.

SPIEGEL ONLINE: Realitätsflucht also. Die gehört zum Lesen dazu - auch ein Bestsellerfaktor?

Magenau: Es gibt keinen Eskapismus! Bestseller spiegeln gesellschaftliche Zustände - und erlauben gleichzeitig, ihnen zu entkommen. Nehmen Sie die Achtziger, das Jahrzehnt der "German Angst", mit Waldsterben, Nachrüstungsbeschluss, Anti-AKW-Bewegung und Raketenbedrohung. Auf der Bestsellerliste waren sie begleitet von Fantasyliteratur: Tolkiens "Herr der Ringe", "Momo" von Michael Ende, das Mittelalter von Umberto Ecos "Der Name der Rose", der Magische Realismus von Garcia Marquez. Aber die ganze Kapitalismuskritik und Weltangst war darin aufgehoben. Diese Doppelbewegung gilt auch für den ersten großen Sachbuchbestseller nach dem Krieg: C. W. Cerams "Götter, Gräber und Gelehrte" von 1949 über Archäologie. Im Klappentext steht explizit: Hier schreibt ein deutscher Autor, aber nicht über den Krieg. Dass man sich in einem zerstörten Land für untergegangene Kulturen interessierte, war sicher kein Zufall.

Fotostrecke

30  Bilder
"Bestseller": Bücher, die das Land bewegten

SPIEGEL ONLINE: Cerams Werk verkaufte sich über Jahrzehnte prächtig. Gibt es Titel, die nur zu einer bestimmten Zeit Erfolg haben konnten?

Magenau: "Er ist wieder da" von Timur Vermes wäre vor 1989 sicher nicht möglich gewesen - da durfte Hitler noch kein Scherzartikel sein. Und auch Thilo Sarrazins "Deutschland schafft sich ab" hätte zehn Jahre früher nicht diesen Erfolg gehabt. 2010 aber erstarkte die latente Fremdenfeindlichkeit, ein Ventil ging auf. Dieses "Ich sage, was man ja nicht sagen darf" hat Sarrazin schon vorgeführt. Seine Thesen werden heute bei jeder Pegida-Demo von den Podesten heruntertrompetet und von der AfD verkörpert.

SPIEGEL ONLINE: Wir müssten also nur aufmerksamer Bestsellerlisten lesen?

Magenau: Ich denke schon. Das sieht man auch an den Titeln aus dem Kopp-Verlag, die immer wieder auf der Bestsellerliste auftauchen.

SPIEGEL ONLINE: Aktuell mit Gerhard Wisnewski auf Platz 14.

Magenau: Solche Bücher verbinden eine Dauer-Hysterisierung mit Weltverschwörungstheorien. Diese Stimmung kann man nicht ignorieren. Deswegen war es verheerend, dass der SPIEGEL letztes Jahr den Titel "Finis Germania" von Rolf Peter Sieferle von der Liste entfernt hat. (Anmerkung der Redaktion: Lesen Sie hier die Erklärung der stellvertretenden Chefredakteurin des SPIEGEL, Susanne Beyer, zu dem Thema )

SPIEGEL ONLINE: Nach all den Bestsellern: Wie hat sich Ihre Haltung den deutschen Lesern gegenüber verändert?

Magenau: Ich war überrascht, wie viele starke Bücher doch erfolgreich geworden sind. Es heißt zum Beispiel immer: Bis 1968 herrschte das große Schweigen. Dabei gab es permanent Bestseller über den Nationalsozialismus: Egal ob 1946 Eugen Kogons "Der SS-Staat", 1965 Peter Weiss' "Ermittlung" und 68/69 - als die Studenten klagten, dass ihre Väter schweigen - erschien nicht nur die "Deutschstunde" von Siegfried Lenz, sondern auch die "Erinnerungen" von Albert Speer. Die sind zwar, wie wir heute wissen, alles andere als wahrheitsgetreu, waren aber auch kein Schweigen.

SPIEGEL ONLINE: Bestsellerlisten scheinen manchen trotzdem verdächtig: Was alle lesen, kann ja nichts taugen.

Magenau: Deswegen habe ich das Buch in der Wir-Form geschrieben: Ich wollte nicht von oben herab anderen Lesern signalisieren, dass sie das Falsche gelesen haben. Jeder Leseakt ist richtig und wichtig - weil Lesen immer bedeutet, aus sich herauszugehen und sich auf etwas anderes einzulassen. Lesen ist ein einsamer Akt. In den Bestsellern treffen wir uns. Und wenn wir dabei in die Irre gehen, dann trifft das für uns alle zu. Genau deshalb sagen Bestseller ja etwas aus über uns, über unsere Herkunft und unsere Stimmungen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Europa! 28.02.2018
1. Bücher und Statistik - ein Traumpaar
Bestseller fokussieren den Buchmarkt auf relativ wenige Titel. Das ist für neue Autoren oft ein Problem. Aber die katastrophale Wirkung der Bestsellerlisten, die bei ihrer Einführung in Deutschland vorhergesagt wurde, ist nicht eingetreten. Immerhin gibt es solche Listen in den USA schon seit 1895, und die amerikanische Literatur hat deswegen kaum Schaden gelitten. In neuester Zeit gibt es allerdings eine wichtige Konkurrenz: Die Amazonlisten, die neben den bloß Verkaufszahlen noch von Lesermeinungen unterstützt werden. Auf diese Weise lassen sich geistige Strömungen noch detaillierter analysieren.
miriam_rosenstern 28.02.2018
2. Modeartikel und Accessoires.
Zitat von Europa!Bestseller fokussieren den Buchmarkt auf relativ wenige Titel. Das ist für neue Autoren oft ein Problem. Aber die katastrophale Wirkung der Bestsellerlisten, die bei ihrer Einführung in Deutschland vorhergesagt wurde, ist nicht eingetreten. Immerhin gibt es solche Listen in den USA schon seit 1895, und die amerikanische Literatur hat deswegen kaum Schaden gelitten. In neuester Zeit gibt es allerdings eine wichtige Konkurrenz: Die Amazonlisten, die neben den bloß Verkaufszahlen noch von Lesermeinungen unterstützt werden. Auf diese Weise lassen sich geistige Strömungen noch detaillierter analysieren.
Geistige Strömungen sind in der Regel nicht im Buchhandel zu finden. Und schon gar nicht auf irgendwelchen Listen. Hier wird lediglich der Mainstream an Unterhaltung aufgezeichnet. Eine Strömung im Trüben der Märkte. Modeartikel und Accessoires.
mother_sky 28.02.2018
3. Völlig entspannt im Hier und Jetzt?
Bücher dienen immer der Erweiterung des Horizontes wie der Unterhaltung und Entspannung, Bestsellerlisten spiegeln dies und auch Trends wider - in den Bereichen Belletristik und Sachbuch. Leider zeigen Bestsellerlisten nicht die Fülle an guten Büchern und guten Autoren, sie sind nur ein kleiner Ausschnitt. So bleibt demjenigen, dem es an Zeit fehlt, sich schlau zu machen über die verborgenen Schätze, nur das, was der Markt gerade anbietet bzw. was beworben wird, sodass so manches Werk samt Autor auf immer und ewig unentdeckt bleibt. - Bücher als Realitätsflucht: Sind wir wirklich "entspannter, als wir fürchten"? Ich denke, alleine der Blick auf die Bestsellerlisten lässt so eine Aussage nicht zu.
Europa! 28.02.2018
4. Bestsellerlisten sind ein journalistisches Instrument
Zitat von miriam_rosensternGeistige Strömungen sind in der Regel nicht im Buchhandel zu finden. Und schon gar nicht auf irgendwelchen Listen. Hier wird lediglich der Mainstream an Unterhaltung aufgezeichnet. Eine Strömung im Trüben der Märkte. Modeartikel und Accessoires.
Geistige Strömungen sind nicht im Buchhandel zu finden? Wo denn sonst? Alles, was von einer gewissen Bedeutung und Dauer ist, wird irgendwann Buch - das nach wie vor unübertroffene Betriebssystem seit über zweitausend Jahren. Kein anderes Medium ist nachhaltiger. Und bei entsprechender Verbreitung schlägt sich das auch in den Listen nieder. Allerdings unterliegen die bekanntesten Listen tatsächlich journalistischen Regeln. Als "Bestseller" wird verkündet, was "interessant" ist, mit absoluten Verkaufszahlen hat der Begriff nur bedingt zu tun. Der Fall Sieferle war dafür ein besonders krasses Beispiel, viele "Longseller" fallen dagegen weg, weil sich sonst nicht genug Bewegung auf den Listen zeigen würde.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.