Johannes Mario Simmel gestorben: Ein Moralist, nicht nur als Autor

Sein Roman "Der Stoff, aus dem die Träume sind" gehört zu den Bestsellern des 20. Jahrhunderts: Der Schriftsteller Johannes Mario Simmel ist tot. Er starb bereits am Neujahrstag im Alter von 84 Jahren in Luzern.

Hamburg - Er war jahrzehntelang Deutschlands populärster Schriftsteller: Johannes Mario Simmel. Jetzt ist der in Wien geborene Bestsellerautor im Alter von 84 Jahren in einer Privatklinik in Luzern gestorben. Dies bestätigte die Stadt Zug, in der Simmel lebte. Demnach starb Simmel bereits am Neujahrstag.

Zu den berühmtesten Romanen des zuletzt in der Schweiz lebenden Autors zählen "Es muss nicht immer Kaviar sein" und "Der Stoff, aus dem die Träume sind".

Ob Genmanipulation, Drogenhandel, die globale Umweltzerstörung oder eine durch Computerverbrechen ausgelöste weltweite Katastrophe: Simmel ließ kein Thema des Zeitgeists aus. Sein Werk umfasst 27 Romane, fünf Bände mit Erzählungen und sechs Kinder- und Jugendbücher. Insgesamt stand Simmel mit elf seiner Romane erheblich länger auf der Bestsellerliste des SPIEGEL als etwa die Nobelpreisträger Heinrich Böll und Günter Grass.

Dennoch blieb im stets die Anerkennung der Kritiker versagt, was ihn - wie er einmal gestand - durchaus schmerzte. Der SPIEGEL etwa prägte einst den Begriff des "Bestseller-Mechanikers". Ursprünglich, so erzählte Simmel, habe er "gedacht, man müsse so schön schreiben wie Rimbaud, Verlaine und Rilke zusammen", doch dann sei ihm bewusst geworden: "Man muss den Leuten erzählen, was geschehen ist, verpackt in Romane."

Kritiker-Papst Marcel Reich-Ranicki attestierte ihm einst immerhin: "Simmel hat wie kaum ein anderer zeitgenössischer Autor einen fabelhaften Blick für Themen, Probleme, Motive."

Drehbuchautor, Journalist, Weltreisender

Simmel wurde am 7. April 1924 in Wien als Sohn eines Chemikers geboren. Die Mutter war Lektorin in einem Filmverlag. Die Eltern stammten aus Hamburg. Simmel verbrachte seine Kindheit in Österreich und England.

Bereits als 17-Jähriger legte er seinen ersten Novellenband, "Begegnung im Nebel", vor, der 1947 im Zsolnay Verlag herauskam. Nach Kriegsende war er zunächst als Dolmetscher der US-Militärregierung für Österreich in Wien tätig. 1948 wurde Simmel jüngster österreichischer Kulturredakteur bei der "Welt am Abend".

1950 siedelte Simmel in die Bundesrepublik über und reiste für die damals außerordentlich populäre Illustrierte "Quick" für Reportagen durch die ganze Welt, schrieb unter sieben Pseudonymen Romanbearbeitungen, Tatsachenberichte, historische, kriminalistische und wissenschaftliche Serien und galt damals als bestbezahlter Illustriertenautor.

Nicht weniger Erfolg hatte er als Drehbuchautor. In der Zeit von 1950 bis 1962 schrieb er nach eigenen und fremden Stoffen die Drehbücher zu insgesamt 36 Filmen, darunter "Stefanie", "Es geschehen noch Wunder", "Tagebuch einer Verliebten", "Hotel Adlon" und "Robinson soll nicht sterben".

Auch als Romanautor gewann Simmel in dieser Zeit einen immer größeren Leserkreis. Der Durchbruch gelang ihm 1960 mit einem Doppelerfolg: Sein Roman über die tollen Erlebnisse des Geheimagenten Thomas Lieven, "Es muss nicht immer Kaviar sein", wurde ein internationaler Bestseller. Sein Theaterstück "Der Schulfreund" eroberte rasch die großen in- und ausländischen Bühnen.

Moralist und "Bestseller-Mechaniker"

Nunmehr war Simmel als Schriftsteller finanziell unabhängig geworden und wandte sich nach längerer Krankheit vom Journalismus ab. Mit den Romanen "Und Jimmy ging zum Regenbogen" (1970) über den Handel mit biologischen Waffen und "Der Stoff, aus dem die Träume sind" (1971), der die verlogene Welt der Illustrierten ins Visier nahm, gelang es ihm, im Herbst 1971 gleich mit zwei Büchern die deutschen Bestsellerlisten zu erobern.

Simmel blieb stets Moralist - und zwar nicht nur als Autor. Bis ins hohe Alter bewegte ihn etwa der Kampf gegen den erneut aufkeimenden Rechtsradikalismus. Sein Vater, ein Jude, hatte noch rechtzeitig vor den Nazis nach London fliehen können, seine Verwandten väterlicherseits wurden dagegen fast alle ermordet.

1996 konnte er einen Rechtsstreit mit dem rechtspopulistischen österreichischen Politiker Jörg Haider für sich entscheiden und wurde vom Vorwurf der üblen Nachrede freigesprochen. Laut Gericht habe er zwar den Wahrheitsbeweis für die von ihm geäußerte "skrupellose und mörderische Hetze" Haiders gegen Ausländer nicht erbringen können, Haider habe aber mit "verkürzten Äußerungen" selbst Anlass zu Fehldeutungen gegeben.

Simmels Bücher erreichten bereits 1993 eine Gesamtauflage von etwa 72 Millionen Exemplaren, sie erschienen in 35 Ländern und wurden in ihrer großen Mehrzahl auch verfilmt.

Während er aber in den Sechzigern und Siebzigern fast jährlich einen Bestseller produzierte, wurden die Abstände zwischen seinen neuen Romanen ab 1990 immer größer. Ihn behinderte auch eine Verletzung, die er sich bei einem Sturz in seinem Garten zugezogen hatte.

Simmel zog sich in der Folge immer mehr zurück, empfing nur noch wenige Besucher. Ja, er schreibe noch, ließ sein Verlag auf Anfrage mitteilen: "Aber wir wollen ihn nicht drängen!"

amz/tdo/dpa/ddp

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