Todesverdrängung: Sterben ist irgendwie uncool
Eine ganze Lifestyle-Industrie verdient an der Todesverleugnung, das Altern wird scheinbar abgeschafft. In seinem Buch "Wir werden sein wie Gott" zeigt der Brite John Gray: Die ultimative Provokation für den modernen Menschen ist, dass sein Leben endlich ist.
"Der Tod lässt sich jetzt nicht mehr verleugnen; man muß an ihn glauben." Diesen Satz schrieb Sigmund Freud 1915, umgeben von Tod und Verderben des Ersten Weltkriegs - und war damit vielleicht ein bisschen zu optimistisch. Wie vehement der Tod noch einige Jahre zuvor verleugnet worden war, wie aber auch heute, noch hundert Jahre später, an der Unvermeidbarkeit des Sterbens gezweifelt wird, das schildert der britische Philosoph John Gray eindrucksvoll in seinem neuen Buch "Wir werden sein wie Gott".
Bereits in seinen früheren Veröffentlichungen wie "Von Menschen und anderen Tieren", seinem "Abschied vom Humanismus", hatte der emeritierte Londoner Professor für Europäische Ideengeschichte menschliche Allmachts- und Erlösungsphantasien der Moderne kritisiert. Nun befasst er sich mit dem Tod, denn dieser sei für den modernen Menschen "eine Provokation, weil er eine Grenze markiert, die der Wille nicht zu überschreiten vermag". In drei Kapiteln erzählt Gray, wieso einflussreiche Denker in so unterschiedlichen Gesellschaften wie dem viktorianischen England, der Sowjetunion und dem gegenwärtigen westlichen Kapitalismus nicht an den Tod glauben - und seine Verbindlichkeit verleugnen.
Der Ausgangspunkt dieses Trends ist für Gray die schrittweise Entzauberung der Welt durch die Wissenschaft im ausklingenden 19. Jahrhundert. Das Problem, das der Darwinismus und die moderne Physik damals offenbarten, war anders als oft behauptet nicht, dass man die christliche Schöpfungsgeschichte nun nicht mehr wörtlichen nehmen konnte. Die Genesis sei jahrhundertelang als Mythos verstanden worden, schreibt John Gray, als "eine verdichtete Form, Wahrheiten zu verkünden", die anders als der buchstabengetreue Bibelglaube der Gegenwart keineswegs in der Konkurrenz zur empirischen Wissenschaft stand.
Darwin bei der Séance
Viel schwerer wog eine andere Erkenntnis: Dass der Mensch nicht nur als Individuum, sondern auch als ganze Art endlich ist. Warum aber leben wir, wenn irgendwann die Sonne vergeht und mit ihr alles Leben auf der Erde? Oder wenn sich die Evolution jederzeit zu unseren Ungunsten entwickeln könnte und wir abgelöst werden von Tieren, die vielleicht nicht einmal intelligenter sind als wir selbst? Im ausklingenden 19. Jahrhundert quälten diese Fragen die britische Intelligenzija. Der Schriftsteller H. G. Wells vertrat damals die Ansicht, der Mensch müsse die Evolution unter seine Kontrolle bringen, in rationale Bahnen lenken und sich so aus der Sinnlosigkeit seiner natürlichen Existenz befreien. Andere Dichter und Denker, Politiker und sogar Naturwissenschaftler klammerten sich derweil an die Hoffnung, der Tod sei gar nicht das Ende unserer Existenz. Sie waren überzeugt, später als Geister weiterzuleben - und trafen sich zu Séancen und spiritistischen Experimenten, die ihren Glauben mit Beweisen untermauern sollten.
Dieses erste und stärkste Kapitel von "Wir werden sein wie Gott" liest sich trotz seines Themas erstaunlich humorvoll, fast wie eine Satire über die Misere der viktorianischen Oberschicht. Geschickt verknüpft John Gray den Mega-Trend der wissenschaftlichen Verunsicherung mit den individuellen Schicksalen jener, die dem Geisterglauben verfallen waren: Da ist der Moralphilosoph Henry Sidgwick, der besessen ist von der Furcht, in keiner Nachwelt für die Unterdrückung seines sexuellen Verlangens belohnt zu werden. Da sind Gerald Balfour, der Bruder des Premierministers, und die Frauenrechtlerin Winifred Coombe Tennant, die ihre Beziehung gegenüber ihren Ehepartnern damit rechtfertigen, die Geister hätten ihnen den Beischlaf befohlen. Und schließlich ist da Charles Darwin, der seine erste und einzige Séance frühzeitig verlässt - weil ihm der Hokuspokus seiner Zeitgenossen auf die Nerven geht.
Lifestyle-Industrie der Todesverleugnung
In der Sowjetunion verbietet der kommunistische Materialismus etwas später zwar den Glauben an Gespenster, will sich mit dem Tod aber auch nicht abfinden. Während Hunderttausende Arbeiter verschlissen wurden, konservierte man die Leiche des Revolutionsführers Lenin - im Glauben, so legt John Gray nahe, man könne sie eines Tages ebenso leicht wieder zum Leben erwecken, wie man über den Tod der Massen verfügt.
Heutzutage sieht Gray eine ganze Lifestyle-Industrie der Todesverleugnung. Neben der Kryonik - dem Einfrieren alter Körper im Hoffen auf spätere Erlösung - wundert sich John Gray besonders über die Prognosen des Sachbuchautoren Ray Kurzweil. Dieser verspreche, das Altern werde bald abgeschafft, unsere Existenz von ihren biologischen Fesseln befreit und unser Bewusstsein in einer digitalen Welt unsterblich gemacht.
Während Gray den viktorianischen Geisterglauben ausgesprochen ernst nahm, macht er sich nicht mehr viel Mühe, derartigen Prophezeiungen zu widersprechen. Stattdessen klingt er fast mitleidig mit einer Menschheit, die sich rund hundert Jahre nach dem Freud'schen Verdikt immer noch nicht mit einer einfachen Wahrheit abfinden will: "Noch die akribischste Forschung enthüllt eine Welt, deren Rätsel das Chaos ist und der der menschliche Wille letztlich ohnmächtig gegenübersteht."
John Gray rät zur Demut, ja sogar zur Vorfreude auf den Tod als Erlösung aus der Willkür unserer Existenz. Diesen letzten Schritt muss man nicht mitgehen, um sich von seinem Buch zur Besonnenheit rufen zu lassen. Einen versöhnlicheren Schluss bot seinerzeit Sigmund Freud an: Auch eine Blume, die nach nur einer Nacht verblüht, kann prächtig sein.
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