Neuer Thriller von John Grisham Die rassistischen Staaten von Amerika

"Das Komplott" erfüllt alle Erwartungen, die man an einen John-Grisham-Thriller hat - schnörkellose Sprache, spannende Story, cooler Held. Doch den Glauben an die Gerechtigkeit scheint der Bestsellerautor verloren zu haben: Die Gesellschaft ist rassistisch, die Behörden sind kriminell.

Jonas Karlsson/ Heyne

Von Oskar Piegsa


Malcolm Bannister war ein amerikanischer Held: Ein Veteran des Golfkriegs. Ein ehrlicher, hart arbeitender Kleinstädter. Ein liebender Vater, der seinen Sohn im Baseball trainiert. Ein sozialer Aufsteiger, der als erster in seiner Familie das Juraexamen bestand und Partner einer Kanzlei wurde.

Doch seit einigen Jahren liegt all das in Scherben: Malcolm Bannister ist kein Held mehr, sondern Häftling Nummer 44861-127, verurteilt zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Geldwäsche. Seine Frau hat sich von ihm getrennt, seinen Sohn sieht er nicht mehr, seine Anwaltszulassung wurde ihm aberkannt. Nach fünf Jahren im Gefängnis sieht er die Chance, durch einen Deal mit dem FBI in Freiheit zu kommen: Ein hochrangiger Richter wurde ermordet, und Malcolm Bannister behauptet, den Namen des Mörders zu kennen. Was die Polizisten nicht wissen: Bannister hält sich für unschuldig, hasst den Staat und will Rache.

So beginnt "Das Komplott", der neue Roman von John Grisham. Es ist seine 25. Veröffentlichung in 24 Jahren (Kurzgeschichten, Kinder- und Sachbücher nicht mitgezählt), und sie erfüllt alle Erwartungen, die man an einen Grisham-Roman haben kann: "Das Komplott" hat eine schnörkellose Sprache, einen spannenden Plot und einen coolen Protagonisten. In Amerika schoss der Roman im vergangenen Jahr auf die vorderen Ränge der Bestsellerlisten. Inzwischen ist von einer Verfilmung die Rede und der nächste Grisham-Roman bereits angekündigt: Im Oktober soll eine Fortsetzung seines Debüts "Die Jury" erscheinen.

Business as usual in der Krimifabrik? Nicht ganz. Zweierlei macht "Das Komplott" bemerkenswert: Die moralische Ambivalenz seines Plots und die Hautfarbe seines Protagonisten.

Finstere Drogenfahnder

Malcolm Bannister ist der erste schwarze Anwalt nach all den bleichgesichtigen Helden der früheren Grisham-Romane. In einem Fernsehinterview sagte John Grisham dazu: "Das ist keine große Sache. Es geht nicht um Rassismus." Er kann das unmöglich ernst meinen. Es geht wohl zu weit, darüber zu spekulieren, wie viel von Barack Obama in Malcolm Bannister steckt, diesem desillusionierten Idealisten, der nur noch auf kalten Pragmatismus setzt. Doch Rassismus ist hier keineswegs irrelevant, sondern Subtext der Romanhandlung.

Als Malcolm Bannister im späteren Verlauf des Plots - inzwischen ist er aus der Haft entlassen - einige delikate Schritte vornehmen muss, setzt er sich dafür in die Karibik ab. "Für Antigua als erste Operationsbasis habe ich mich entschieden, weil die Insel fünfundsiebzigtausend Einwohner hat, die fast alle schwarz sind wie ich", sagt er. Demnach zieht ein Schwarzer in Amerika mehr Misstrauen auf sich, als ein Weißer - eine Einschätzung, der in der Realität der heftig debattierte Tod von Trayvon Martin auf tragische Weise recht zu geben scheint. "Schwarz wie ich" - solche Anmerkungen lässt Grisham seinen Protagonisten immer wieder machen, wohl als Erinnerung an die überwiegend weiße Leserschaft.

Über die Südstaaten, in denen "Das Komplott" spielt, sagt Malcom Bannister: "In den Siebzigern wollte kein Weißer einen Schwarzen als Anwalt haben, jedenfalls nicht im Süden, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert." Als dann doch ein weißer Klient kommt, zieht er die Kanzlei ins Verderben.

An anderer Stelle betont er: "Mein Vater war einer der ersten schwarzen State Trooper." Dieser Ex-State-Trooper Henry Bannister tritt zwar bloß in einer Nebenrolle auf, ist aber dennoch eine symbolträchtige Figur. Die Überwindung der Rassentrennung in den Südstaaten - durch die Bürgerrechtsbewegung, das Verfassungsgericht, den Präsidenten - hat der alte Bannister noch selbst erlebt. Nun steht er bedingungslos auf der Seite des Gesetzes und glaubt eher den Richtern als den Unschuldsbeteuerungen seines Sohnes. Der wiederum hat den Glauben an einen gerechten Staat, der die Übel der Gesellschaft richten kann, verloren. Die Gesellschaft bleibt rassistisch, und der Staat ist kriminell.

Das ist die zweite Besonderheit dieses Romans: "Das Komplott" ist ein Justizthriller, der den Glauben an die Gerechtigkeit verloren hat. Die Richter sind hier korrupt, und das FBI ist heuchlerisch. Die finstersten Figuren in "Das Komplott" sind die Drogenfahnder der Drug Enforcement Administration (DEA), die Dealer lieber erschießen, als sie vor Gericht zu bringen.

Doch auch Malcolm Bannister ist weit davon entfernt, ein glänzender Held zu sein. Moralisch ist "Das Komplott" der Ambivalenz des Film noir näher als dem Optimismus früherer Grisham-Bücher. Wer ist der Gute? Wer ist der Böse? Wer ist der Feind und wer der Komplize? Das ändert sich in diesem Roman mehrmals. Malcolm Bannister erinnert dabei an den alten amerikanischen Antihelden Sam Spade: Zwar ist er kein Detektiv, sondern ein Anwalt und nicht auf der "Spur des Falken", sondern auf der Jagd nach ganz anderen Schätzen. Doch er ist ähnlich abgebrüht, ähnlich verschlagen - und trotzdem der Held und Sympathieträger dieses Romans. Im Verlaufe des Plots lügt, täuscht und stiehlt Malcolm Bannister. Trotzdem segelt er am Ende als freier, reicher und glücklicher Mann in den Sonnenuntergang. Richtig übelnehmen kann man ihm das als Leser nicht.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Ulf Poschardts "911", Rutu Modans "Das Erbe", Jennifer Egans "Black Box", Ralph Bollmanns "Die Deutsche", DJ Stalingrads "Exodus" und Donald Ray Pollocks "Knockemstiff"

insgesamt 23 Beiträge
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Ballonmütze 12.08.2013
1. Ich denke...
.. ich werde seit langem mal wieder einen Grisham lesen. Denn wenn man irgendwann bei Stephen L. Carter angekommen ist, oder gar bei Ellroy und Winslow, dann ist Grisham leider nur noch Konfektion a la Patterson.
noalk 12.08.2013
2. Kein Glaube
"Die Gesellschaft ist rassistisch, die Behörden sind kriminell." --- Sondern finstere Wahrheit.
profp 12.08.2013
3. Ende Gelände
"(…) Trotzdem segelt er am Ende als freier, reicher und glücklicher Mann in den Sonnenuntergang. Richtig übelnehmen kann man ihm das als Leser nicht." Was man aber dem Spiegel-Online-Mann sehr übel nehmen kann, ist das Verraten des Buch-Finales. Herzlichen Dank auch!
p.donhauser, 12.08.2013
4. grisham
das ist doch mal was neues daß es in amerika rassismus gibt!
seine_unermesslichkeit 12.08.2013
5.
Ob in Büchern oder Filmen, die Amis haben kein Problem damit, kritikwürdige Zustände im eigenen Land zu thematisieren oder sonst irgendwie künstlerisch darzustellen!
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