John Irvings neuer Roman Schlaffer Händedruck

Medienschelte, Sex und Sinn des Lebens - In seinem neuen Buch "Die vierte Hand" beschäftigt sich John Irving auf gewohnt humorvolle Weise mit den brennenden Themen der Zeit. Dass der Roman trotzdem nur einen schwachen Eindruck hinterlässt, liegt nicht nur an einer allzu rückgratlosen Hauptfigur.

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Neuer Irving-Roman "Die vierte Hand": Beiläufiger Wurf mit Links

Neuer Irving-Roman "Die vierte Hand": Beiläufiger Wurf mit Links

Jedes Irving-Buch beginnt mit der Frage "Was wäre, wenn?" Diesmal war es die Ehefrau des 60-jährigen Schriftstellers, die den entscheidenden Anstoß zur Entstehung des Romans "Die vierte Hand" gab. Als sich das Ehepaar Irving gemeinsam eine Fernseh-Reportage über eine Handtransplantation ansah, fragte sie: "Was wäre, wenn sich die Frau des verstorbenen Handspenders ein Besuchsrecht ausbeten würde?".

Aus diesem Gedanken entspinnt Irving zunächst die Geschichte des Nachrichtenmoderators Patrick Wallingford, der als Reporter bei einem drittklassigen TV-Sender angestellt ist, dem es mehr um Quote als um harte News geht und daher größten Wert auf effekthascherische Katastrophenberichterstattung legt. Nicht, dass sich Wallingford, ein extrem gut aussehender Mittdreißiger mit Erfolg bei Frauen, daran stört, dass er ständig durch die Weltgeschichte geschickt wird, um über kuriose Abseitigkeiten und erstaunlichste Unglücksfälle zu berichten. Der Frauenheld begegnet der quotengeilen Entartung seines Berufs mit grenzenlosem Gleichmut, gestört nur vom gelegentlichen, aber wirkungslosen Aufbäumen seines Gewissens.

Als Wallingford bei einer Reportage über einen indischen Zirkus seine linke Hand an einen reißenden Löwen verliert, wird der als "Katastrophenmann" verspottete Journalist selbst zum Objekt des öffentlichen Ergötzens an blutigen Sensationen und Unglaublichkeiten. Mit seinem neuen Spitznamen "Löwenmann" genießt er nun noch mehr als zuvor die Gunst der Frauen, sein Armstumpf und seine neue Popularität verhelfen ihm sogar zu einem Sprung auf der Karriereleiter.

Erst als ihm der exzentrische Chirurg Dr. Zajac zu einer neuen Hand verhilft, kommt Leben in Wallingfords passive Existenz. Die Ehefrau des auf merkwürdige Weise verstorbenen Handspenders Otto Clausen bittet sich besagtes Besuchsrecht aus und missbraucht den willenlosen Wallingford in einer haarsträubenden Sex-Szene im ärztlichen Wartezimmer als Samenspender, um doch noch - auf mystisch-metaphysische Weise - ein Kind von ihrem geliebten Otto zu bekommen. Von Wallingford will sie ansonsten nichts wissen.

Der jedoch verliebt sich fast sofort in die energische und footballbegeisterte Frau aus der Provinz, deren einfaches und unprätentiöses Leben so gar nichts mit der Oberflächlichkeit seines eigenen, promiskuitiven Daseins zu tun hat. Aber um die Gunst der begehrten Mrs. Clausen zu erringen, muss Wallingford zunächst einmal das nötige Rückgrat entwickeln und seine Seele entdecken. Seine neue, "dritte" Hand muss der "Löwenmann" zwar wieder abgeben (sein Immunsystem stößt das fremde Organ ab), dafür macht ihn die erstaunliche Mrs. Clausen jedoch mit dem Umgang seiner mysteriösen "vierten" Hand vertraut...

Eine Identifikation will partout nicht gelingen

Medienschelte, Spiritualität, die Suche nach dem Sinn des Lebens und jede Menge Zwischenmenschliches sowie Sex in kuriosen und aberwitzigen Lebenslagen - Erfolgsautor John Irving, im März wird er 60 Jahre alt, hat für seinen neuen Roman tief in die Kiste der gängigen Themen gegriffen und ein dünnes Buch verfasst, das zwar über die nötigen und köstlichen Irving- Ingredienzien verfügt, aber dennoch nur einen flachen Eindruck hinterlässt. "Die vierte Hand" ist kein episches Werk wie "Gottes Werk und Teufels Beitrag" oder "Zirkuskind", aber auch kein Schelmenstück wie "Garp" oder das Meisterwerk "Owen Meany". Es erscheint wie ein fast beiläufig und nonchalant - mit links quasi - hingeworfener Bestseller, der den Durst der Leserschaft nach neuer Irving-Ware schnell, aber unbefriedigend wie Fast Food bedient.

Erfolgsautor Irving: Aufbruch zu neuen Formen?
AP

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Das liegt zum einen an der untypischen Erzählperspektive, zum anderen an der charakterlosen Hauptperson Patrick Wallingford. Irving erzählt seine Geschichte so distanziert, als wolle er die verpönten Medien auch auf dieser Ebene kritisieren - er dringt nicht wie gewohnt ganz tief in die Seelen seiner Figuren ein und erzählt aus dem Herzen der Charaktere heraus, sondern verbleibt - wie eine Fernsehkamera - in sicherer Entfernung. In eine Person wie Patrick Wallingford einzudringen, ist aber zugegebenermaßen auch schwer. Der "Löwenmann" muss sein Löwenherz erst noch finden und bleibt den ganzen Roman über ein unsympathischer Schönling, der nicht in der Lage ist, für die einfachsten Dinge seiner Existenz Verantwortung zu übernehmen. Ein klassischer Verlierer, der von Irving noch nicht einmal mit der üblichen inneren Zerquältheit ausgestattet wird. Eine Identifikation mit ihm will partout nicht gelingen, man ärgert sich nur über so viel Passivität. Dem neuerdings medienfeindlichen Bestseller-Autor scheinen hier die Zügel seiner harschen Schelte aus der Hand geglitten zu sein.

Zum Glück gibt es die liebevoll entworfene Mrs. Clausen, Doris mit Vornamen, die sich schnell zur heimlichen Hauptfigur des Romans entwickelt. Ihr Streben nach dem kleinen Glück, ihre Sehnsucht nach Erfüllung, ihre Trauer um den geliebten, aber zeugungsunfähigen Ehemann und die postfeministische Chuzpe, mit der sie Wallingford zuerst instrumentalisiert und später, nach seiner Läuterung, als Gefährten akzeptiert - all das erscheint plausibel, anrührend und himmelschreiend komisch. Auch die typisch irving-esken Nebenfiguren - der magersüchtige Handchirurg Zajac, sein fäkalienfressender Hund, sein fitnessfanatisches Hausmädchen oder auch Wallingfords kaugummikauende Maskenbildnerin - sorgen dafür, dass man sich in "Die vierte Hand" letztlich wohlfühlt und zurechtfindet.

Trotzdem verbleibt das Gefühl, dass sich der scharfsichtige Gesellschaftsbeobachter Irving beim Verfassen seines letzten Romans nicht unbedingt in Hochform befunden hat. Vielleicht hat ihn der Rummel um seine Person im Zuge seines Oscar-Gewinns für das Drehbuch zur "Gottes Werk..."-Verfilmung irritiert, vielleicht ist der ehemalige Hobby-Ringer und Bären-Fan auch erbost ob der beständigen Ignoranz des schwedischen Nobelpreis-Komitees. Vielleicht verabschiedet sich Irving aber auch nur von seiner "Masche", seiner auf Dickens beruhenden Epik, um zu einer neuen, frischeren Erzählform aufzubrechen. Diese mag noch unfertig sein, wie "Die vierte Hand" frustrierenderweise belegt, dennoch sollte man sich hüten, in einen verfrühten Abgesang zu verfallen: Von Irving wird man wohl noch hören. Was wäre, wenn ihm selbst gerade seine "vierte Hand" wächst...?

John Irving: "Die vierte Hand" (The Fourth Hand). Diogenes Verlag 2002, 400 Seiten, 22,90 Euro



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