Memoiren von John le Carré "Ich bin zum Lügen geboren"

Hochstapler-Sohn, Spion und Meister-Schriftsteller - das Leben von John le Carré bietet mindestens so viel spannenden Stoff wie seine Krimis. Doch die Memoiren lesen sich nicht so - und unterhalten den Leser dennoch.

John le Carré
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John le Carré


Stellen Sie sich für einen Moment vor, sie wären auf einer Cocktailparty. Das Ambiente ist geschmackvoll, auf eine austauschbare Art. Sie schauen sich um, kennen kaum jemanden. Ihnen ist ein bisschen langweilig, und vielleicht hatten Sie schon einen Gin Tonic zu viel. Plötzlich spricht sie dieser Engländer an, älterer Bursche, kostspielig konservativ gekleidet, Augenbrauen, um die Martin Walser ihn beneiden würde.

Er stellt sich kurz vor und beginnt dann damit, Anekdoten aus seinem Leben zu erzählen. Ohne besondere Reihenfolge, ohne einen offensichtlichen Rahmen. Nicht immer mit Pointe, aber jederzeit unterhaltsam. Sie hängen an seinen Lippen, bis Sie schließlich bemerken, dass außer Ihnen beiden nur noch das Personal anwesend ist. Der Engländer verabschiedet sich von Ihnen, Sie sagen, dass man sich hoffentlich bald wiedertrifft. Und ausnahmsweise meinen Sie das auch so.

Genau so funktioniert "Der Taubentunnel" von John le Carré. Und auch wenn der deutsche Verlag dieses Buch als "die Memoiren eines Jahrhundertautors" bewirbt, so ist der wesentlich bescheidenere Untertitel, den das Buch trägt - "Geschichten aus meinem Leben" - , zutreffender und der Britishness des Autors deutlich mehr entsprechend. Wer eine umfassende Biografie sucht, sollte zu Adam Sismans im vergangenen Jahr auf Englisch erschienenen 700-Seiten-Band "John le Carré - The Biography" greifen.

Fakten als Rohmaterial

Le Carré selbst hat sich für die unterhaltsamste Form der Lebenserzählung entschieden, und so ist "Der Taubentunnel" eine Art Best-of geworden, erzählt im Partyplauderton. Was zum einen damit zu tun hat, dass viele Texte zuvor in Magazinen wie dem "New Yorker" veröffentlicht und vom Autor für diesen Band lediglich überarbeitet wurden. Und zum anderen mit le Carrés gesunder Skepsis gegenüber allzu konsistenten Geschichten.

Nicht nur misstraut er seinem Gedächtnis, er weiß auch, dass sein Leben als Spion und Schriftsteller ihn nicht glaubwürdiger macht: "Ich bin zum Lügen geboren, dazu erzogen worden, von einer Industrie dazu ausgebildet worden, die das Lügen als Lebensunterhalt betreibt, habe das Lügen als Schriftsteller praktiziert. Als Schöpfer von Fiktionen erfinde ich Versionen meiner selbst, aber niemals die Wahrheit, wenn es denn überhaupt eine gibt."

Fakten, so le Carré, seien für einen Schriftsteller das Rohmaterial, ein Instrument, das er zum Klingen bringen müsse. Zumal die Wahrheit sich stets in den Nuancen verberge. Und manchmal schlichtweg nicht erzählt werden darf: So enttäuscht le Carré unsere Neugier, endlich mehr über seine Zeit als Agent des britischen Geheimdiensts zu erfahren, sehr elegant: "Ich bin durch Reste altmodischer Loyalität meinen früheren Diensten gegenüber ebenso gebunden wie durch Vereinbarungen, getroffen mit Männern und Frauen, die mit mir zusammen gearbeitet haben. (...…) Ganz gleich, ob diese Personen heute noch leben oder nicht, die Vertraulichkeit gilt nach wie vor."

Silvester mit Jassir Arafat

Der dünne rote Faden, der durch den "Taubentunnel" führt, sind die mehr als 20 Romane, die er geschrieben hat. Die ersten drei davon entstanden noch während seiner Zeit beim MI6, weshalb David Cornwell, so der Geburtsname des Mannes, den die Welt als John le Carré kennt, sie unter Pseudonym veröffentlichen musste. Er nimmt uns mit auf eine Reise an die Schauplätze seiner Bücher, allesamt Bestseller, seit er 1963 seinen Durchbruch mit "Der Spion, der aus der Kälte kam" hatte, dem bis heute hellsichtigsten Roman über die Auswüchse des Kalten Kriegs.

Die Reise führt, ohne einer strengen Chronologie zu folgen, in Krisengebiete, an Filmsets und in Opiumhöhlen. Ins Bonn der Sechzigerjahre zum Beispiel, das britische Diplomaten damals nur "blödes Bonn" nannten und das er in seinem Roman "Eine kleine Stadt in Deutschland" als trostlosen "Warteplatz auf Berlin" schilderte. Nach Bremen, 2006, wo le Carré den gerade aus Guantanamo entlassenen Murat Kurnaz trifft, der später unter anderem Namen als Figur im Hamburg-Roman "Marionetten" auftauchen wird. Für "Die Libelle" besuchte le Carré mehrfach den Nahen Osten - und wie es dazu kommt, dass er mit Palästinenserführer Jassir Arafat am Silvesterabend 1982 ins neue Jahr tanzt, das gehört zu den absurdesten Geschichten dieser Sammlung.

Auch an den Set der Verfilmung von "Der Spion, der aus der Kälte kam" lädt le Carré uns ein. In Dublin, wo die berühmte Schlussszene an der Berliner Mauer gedreht wurde, muss der Autor sich um das angeschlagene Ego des Hauptdarstellers Richard Burton kümmern, damals auch wegen seiner Ehe mit Elizabeth Taylor der glamouröseste männliche Filmstar der Welt. Schließlich lernen wir Alec Guinness kennen, den Schauspieler, der le Carrés berühmtestem Geschöpf - und Alter ego - George Smiley in den legendären BBC-Verfilmungen von "Dame, König, As, Spion" und "Agent in eigener Sache" ein unvergessliches Gesicht gab.

Beeindruckende Promidichte

Oscar-Gewinner, Nobelpreisträger, Medienmogule und Politiker - die Promidichte im "Taubentunnel" ist beeindruckend. Doch während andere Autoren permanent prosagewordene Ausrufezeichen hinter eine solche Namensliste setzen würden, verliert le Carré nie die erzählerische Contenance. Mit einer Ausnahme: Als er endlich, im letzten Viertel, von seinem berüchtigten Vater erzählt. Hatte man bei allen Geschichten zuvor das Gefühl, dass le Carré mit verbundenen Augen auf dem Rücksitz eines mit Terroristen besetzten Jeeps oder im Camp eines afrikanischen Warlords nie ins Schwitzen oder Stottern gerät, liest sich das Kapitel mit dem verzwickten Titel "Der Sohn des Vaters des Autors" sympathisch holprig und emotional.

Richard Cornwell, genannt Ronnie, ist eine Figur wie aus einem von le Carrés Romanen - und tatsächlich das Vorbild für den Antihelden aus "Ein blendender Spion". Ein Hochstapler und Lebemann, der mit seinen windigen Geschäften immer mit einem Bein (und manchmal mit beiden) im Gefängnis stand. Ein Charmeur, der unzählige Affären hatte und Vermögen machte und in rasender Geschwindigkeit wieder durchbrachte. Ein Mann, der gerade durch seine Abwesenheit überpräsent war in le Carrés Leben - und immer auftauchte, wenn es sein Sohn am wenigsten erwartete.

Auch wenn le Carré oft darüber nachdenkt, dass er seinen Vater am liebsten aus seinem Gedächtnis tilgen würde, am Ende akzeptiert er doch, dass sie zumindest in einer Hinsicht gar nicht so verschieden sind: "Ronnie, der Schwindler, konnte aus dem Stehgreif eine Geschichte zusammenspinnen, darin eine Person auftreten lassen, die nicht existierte, und eine einmalige Gelegenheit in strahlenden Farben zeichnen, wo es gar keine gab. Er konnte mit erfundenen Details blenden (...…) und ein Geheimnis unter dem Mantel größter Verschwiegenheit für sich behalten, so lange, bis er es dann nur dir allein ins Ohr flüsterte, weil er beschlossen hatte, dir zu vertrauen. Und wenn das nicht alles Kernbestandteile der Kunst des Schriftstellers sind, dann weiß ich nicht."

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
.patou 07.09.2016
1.
Der Guardian hat das Erscheinen des Buches letzte Woche auf seiner Seite sehr schön aufbereitet und geradezu zelebriert - mit zahlreichen Leseproben, Videos etc. Die Auszüge klangen zumindest so interessant, dass ich mir das Buch bestellt habe. Besonders erhellend, wenn auch nicht überraschend das Zusammentreffen mit Margaret Thatcher und ihre Reaktion auf seine Einlassungen: "Don’t give me sob stories." http://www.theguardian.com/books/ng-interactive/2016/sep/03/tinker-tailor-writer-spy-the-many-lives-of-john-le-carre-in-his-own-words
ruzoe 07.09.2016
2. Ist doch getrommelt und gepfiffen,
wie erstunken und erlogen seine Geschichten daher kommen sollen, solange ihm niemand auch nur annähernd das Wasser reichen kann. Zumindest in seinem Genre...
miss_moffett 07.09.2016
3.
“Smileys Leute“ - Sie haben den besten Teil der Smiley-Bücher vergessen. Alec Guinnes spielte in der BBC Serie wieder George Smiley.
newline 07.09.2016
4. Vielen Dank für die Besprechung.
Ich halte "Der Spion, der aus der Kälte kam" und "Eine Art Held" für mit die besten Bücher in ihrem Genre. Die Memoiren werde ich lesen und freue mich darauf.
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