John le Carré in Hamburg "Um Gottes willen, halten Sie kein Referendum"

John le Carré, der Großmeister des Spionageromans, stellte in der Elbphilharmonie "Das Vermächtnis der Spione" vor. Der scheue Brite plauderte charmant - und sorgt sich um die Welt mit Trump und dem Brexit.

John le Carré am 15.10.2017 in der Elbphilharmonie
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John le Carré am 15.10.2017 in der Elbphilharmonie


John le Carré redet nicht gern über sich selbst und gibt selten Interviews. Nur manchmal macht er Ausnahmen, wie unlängst für die US-Show "60 Minutes". Und gestern in der Elbphilharmonie. Vielleicht, weil er einmal in diesem Konzertsaal stehen wollte, den man in Hamburg für das 8. Weltwunder hält und dessen Ruf auch durch den Rest der Welt hallt. Le Carré rühmt sie am Ende seines 45-minütigen Vortrags als Ort der Menschlichkeit und Magie.

Bei jemandem, der so zurückhaltend ist wie der 85-jährige Engländer, wundert es nicht, dass sein vergangenes Jahr erschienenes Memoir "Der Taubentunnel" mit 380 Seiten vergleichsweise kurz geraten ist und keine chronologische Lebensgeschichte von der Wiege an aufreißt, sondern im Partyplauderton Anekdoten aus acht Jahrzehnten sammelt. Vieles, was le Carré an diesem Nachmittag in vorzüglichem Deutsch vor fast vollem Haus erzählt, ist aus dem "Taubentunnel" bekannt, anderes nicht.

Schließlich ist er auch gekommen, um seinen Roman "Das Vermächtnis der Spione" vorzustellen, der am Freitag in Deutschland erschienen und eine triumphale Rückkehr zu seinen Anfangstagen als Schriftsteller ist, zu den Zeiten des Kalten Kriegs und zu seiner Lebensfigur George Smiley, dem "rundlichen, bebrillten, stets bekümmerten" Spion, der im Kampf verfeindeter Systeme versuchte, seinen moralischen Kompass nicht zu verlieren und vielleicht doch scheitert: "Wie weit können wir in der Verteidigung unserer westlichen Werte gehen, ohne diese Werte preiszugeben?" - diese Frage treibt Smiley, treibt eigentlich das gesamte Werk le Carrés um.

"Spionage-Freizeitpark an der Themse"

Eine andere Frage beantwortet der Schriftsteller beinahe beiläufig: Das neue Buch wird "Smileys letzter Auftritt" sein. Viel mehr verrät le Carré nicht, lässt stattdessen sein eigenes Leben als Spion Revue passieren, natürlich, ohne Geheimnisse preiszugeben. Wir erfahren immerhin, wie wenig Ähnlichkeit die Büros des MI5 in den späten Fünfzigerjahren mit dem heutigen "Spionage-Freizeitpark an der Themse", wie es im neuen Roman heißt, hatten.

Von trostlosen Hinterzimmern erzählt le Carré, mit "Korridoren, so hell erleuchtet wie in einem Krankenhaus, mit verhangenen Fenstern, wir arbeiteten in einer geräuschlosen Wintertristesse". Um dann zu witzeln, dass das Büro in der Curzon Street im Londoner Westend so geheim gewesen sei, dass "die Schaffner in den Bussen es sich nicht verkneifen konnten, jedes Mal, wenn der Bus dort hielt, 'Spione bitte aussteigen' durchzusagen".

Sein Vortrag ist von sanfter Ironie, sprühendem Witz und milder Melancholie. Etwa, wenn er erzählt, dass die Agententätigkeit für ihn "der Ersatz für eine glückliche Kindheit war". Und von welcher Unruhe er getrieben war, bis er sein Talent zum Schreiben entdeckte und spätestens nach dem Welterfolg seines dritten Romans "Der Spion, der aus der Kälte kam" wusste, dass er nicht länger Agent, sondern Schriftsteller sein wollte. Den Roman hatte le Carré, inzwischen beim Auslandsgeheimdienst MI6, in Deutschland geschrieben, seiner "zweiten Heimat", die für ihn "immer so etwas wie eine Muse geblieben ist, einem Streit nie abgeneigt, stets für eine Herausforderung gut, oft liebenswert und mir immer nah".

Später an diesem Nachmittag kommt le Carré noch einmal auf Deutschland zurück, spricht davon, wie schwer es für junge Männer wie ihn war, Anfang der Sechziger in einem Land zu leben, in dem "unverbesserliche Ex-Nazis in einflussreichen Positionen" das Sagen hatten. Und wie froh er sei, dass seine Sorgen über Deutschland, die er in dem dystopischen Roman "Eine kleine Stadt in Deutschland" verarbeitet hatte, sich als unbegründet herausgestellt hätten. Das Land sei heute "eine robuste Demokratie", müsse aber "seine Extremisten erst sichtbar machen, dann bekämpfen oder besser noch bekehren".

"Wenn ich herzlos war, dann für Europa"

Mit einem Scherz leitet le Carré den Schluss seiner Rede ein: "Aber, um Gottes willen, halten Sie nur kein Referendum." In das Gelächter und den Beifall hinein kommt er noch einmal auf "Das Vermächtnis der Spione" zurück. Der Roman endet mit einer emphatischen Rede Smileys, in der er eine Antwort auf die Frage zu formulieren sucht, wofür er all die Jahre gekämpft habe: "Wenn ich eine Mission gehabt habe, dann bestand sie in Europa. Wenn ich herzlos war, dann für Europa. Wenn ich ein Ziel hatte, dann das, Europa aus dem Dunkel in ein neues Zeitalter der Vernunft zu führen."

Ein Ziel, das le Carré als gefährdet ansieht: "Während der gut zwei Jahre, die ich an 'Das Vermächtnis der Spione' gearbeitet habe, konnte kein denkender Mensch auch nur einen Atemzug tun, der nicht politisch gewesen wäre. Dank Brexit habe ich mich in meinem eigenen Land noch nie so fremd gefühlt. Dank Trump habe ich noch nie so sehr um den Wert der Wahrheit gefürchtet." Und dann paraphrasiert er die Schriftstellerin May Sarton: "Es gibt Zeiten, da muss man wie ein Held denken, will man sich wie ein anständiger Mensch benehmen."

Darum ist es so wichtig, dass le Carré Smiley ein letztes Mal auftreten lässt, auch wenn er inzwischen um die 100 Jahre alt sein dürfte. Denn Smiley hat immer versucht, das Richtige zu tun, sich seine Menschlichkeit zu bewahren, auch wenn sie am Ende, wie es in "Das Vermächtnis der Spione" heißt, "stets einem höheren abstrakteren Ziel weichen musste".

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John le Carré:
Das Vermächtnis der Spione

Ein George-Smiley-Roman, Band 9

übersetzt von Peter Torberg

Ullstein Verlag; 320 Seiten; 24 Euro

Und, nicht ganz unwichtig: Smileys letzter Auftritt ist keine Übung in Nostalgie, kein Geschenk an die zumeist alternden Leser, die an diesem Tag die Elbphilharmonie füllen. Es ist ein überaus modern erzählter Roman geworden, der sich jeglicher Linearität verweigert, mit fein geschliffenen, mehrfach codierten Dialogen - le Carrés bestes Buch seit Jahrzehnten. Mit beeindruckender Präzision arrangiert er sein Material. Den Rest übernimmt Ich-Erzähler Peter Guillam, früher Smileys rechte Hand, der Jahrzehnte nach den Ereignissen, die in "Der Spion, der aus der Kälte kam" zum Tod eines Agenten und seiner Geliebten führten, zur Rechenschaft gezogen werden soll.

Leserfragen von der banalen Sorte

Ein Roman, der viele aktuelle Fragen aufwirft, weit mehr, als er am Ende beantwortet - leider kommen diese in der abschließenden Diskussion nicht zur Sprache. "Zeit"-Redakteur Yassin Musharbash muss vorher abgesprochene Leserfragen vortragen, die von der banalen Sorte sind - wann schreibt John le Carré, was hält er von den Verfilmungen seiner Romane? Die Antworten fallen knapp - wenn auch gewohnt charmant - aus, le Carré liest sie von einem Zettel ab. Schade, denn Musharbash ist Experte für islamistischen Terror, hat darüber zwei Romane geschrieben.

Es hätte ein anregendes Gespräch zwischen zwei Autoren aus ganz unterschiedlichen Generationen werden können. Darüber etwa, wie sich das Schreiben von Thrillern verändert hat, seitdem der bilaterale Konflikt zwischen Ost und West Vergangenheit ist und an unübersichtlich vielen Fronten gekämpft wird. Und ob jemand wie George Smiley in der heutigen Zeit überhaupt eine Chance hätte.

Dass wir einen wie ihn brauchen könnten, steht sowieso außer Frage.



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