Krimi-Autor John Niven "Du musst so schreiben, als ob deine Eltern tot wären"

John Niven gilt als Bad Boy der britischen Literatur. In seinem neuen Roman schickt er eine Gruppe älterer Damen nach einem Bankraub auf eine groteske Odyssee. Ein Gespräch über seelische Abgründe und das Älterwerden.

Ein Interview von

John Niven: "So fucking what?"
Erik Weiss

John Niven: "So fucking what?"


Zur Person
Seit seinem Roman "Kill your Friends" von 2008 gilt der Schotte John Niven als bad boy der britischen Literatur. Nichts und niemand ist vor dem beißenden Spott des 48-Jährigen sicher. Bevor Anfang 2016 die Verfilmung von "Kill your Friends" ins Kino kommt, gibt es erst einmal einen neuen Roman. In "Old School" schickt Niven eine Gruppe älterer britischer Damen nach einem Bankraub auf eine groteske Odyssee durch Frankreich.
SPIEGEL ONLINE: Mr. Niven, in Ihren bisherigen Romanen haben Sie die meistens ziemlich verkorkste männliche Psyche erforscht. In "Old School" geht es um Frauen. Warum dieser Perspektivwechsel?

Niven: Als ich die Idee für die Geschichte hatte, fand ich schnell Vergnügen daran, sie aus der Perspektive von Frauen zu schreiben, die in ihren Sechzigern sind. Denn heute 60 zu sein ist nicht dasselbe wie damals, als ich noch jung war. Damals war man mit 60 alt, heute bedeutet es, dass du Mitte der Fünfziger geboren wurdest. Ich meine, Mick Jones von The Clash und Johnny Rotten von den Sex Pistols werden jetzt 60. Also sind meine Heldinnen in einem Alter, in dem sie noch Punkrock und all das miterlebt haben.

SPIEGEL ONLINE: Susan, eine Hausfrau, deren Mann heimlich das gemeinsame Geld durchbringt und dann stirbt, Julie, eine gealterte Hipsterin, die von ihrem jüngeren Geliebten ausgenommen wurde, und Ethel, eine 90-Jährige, die flucht, raucht und säuft - haben Sie für die Figuren Ihre Mutter befragt?

Niven: Nein, das war gar nicht nötig - aber tatsächlich ist "Old School" das Lieblingsbuch meiner Mutter. Die Charaktere haben sich mit der Geschichte entwickelt. Außerdem bin ich inzwischen selbst 48, und da war es nicht so schwer, sich in 60-Jährige hineinzuversetzen. Ich fand es reizvoll, zum ersten Mal auch für eine ältere Leserschaft zu schreiben. Denn, unglaublich, aber wahr: Diese Menschen lesen und gehen ins Kino!

SPIEGEL ONLINE: Und schauen dort Filme wie das harmlose "Exotic Marigold Hotel". Ist Ihr Roman die dreckige Version solcher Feel-Good-Movies?

Niven: Das könnte man wohl so sagen. Aber eigentlich hatte ich klassische britische Filmkomödien im Kopf, als ich "Old School" geschrieben habe. Mit schwebte eine Mischung aus "Ladykillers" und Quentin Tarantino vor.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Roman ist nicht nur sehr komisch, sondern auch mächtig wütend. Alle Figuren wirken wie hilflose Opfer eines Systems, das sich nicht um sie kümmert.

Niven: Angst und Wut sind die Triebfedern des Romans. Wut auf die Banker, die lügen, betrügen und stehlen. Sie setzen Milliarden in den Sand, und ihnen passiert nichts. Von den Politikern kommt dann immer das Argument: "Weil es gut für die Wirtschaft ist". Aber eigentlich sollten Politiker sich um das Wohl der Gesellschaft kümmern. Gerade ältere Menschen sind nahezu unsichtbar, als trügen sie eine Tarnkappe.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn man heute von den "jungen Alten" spricht: Ihre Heldinnen stehen am Anfang von "Old School" vor dem Nichts, wirken perspektivlos.

Niven: Das war die Idee: Eine Story über Menschen zu schreiben, die nichts mehr vom Leben erwarten und dann feststellen, dass es erst richtig losgeht. Die aufstehen und sagen: "Wir lassen uns das nicht länger gefallen". Das hat sicherlich etwas mit meiner eigenen Geschichte zu tun. Ich bin erst spät Schriftsteller geworden, mit Ende 30. Für mich war das ein neuer Anfang, aber bei vielen meiner Freunde sah ich, wie sie es sich in ihrem Leben gemütlich gemacht hatten.

SPIEGEL ONLINE: Diese Gefahr bestand bei Ihnen nicht, denn bevor Sie Schriftsteller wurden, waren Sie in der Musikindustrie tätig.

Niven: Stimmt, und wenn ich dort geblieben wäre, wäre ich wahrscheinlich vor meinem 40. Geburtstag von der Brücke gesprungen.

SPIEGEL ONLINE: War der Job als Plattenfirmen-Manager so hart?

Niven: Der Job nicht. Aber fünfmal die Woche auszugehen, jede Menge Kokain zu schnupfen und zu saufen, das war hart. Manchmal wundere ich mich darüber, dass damals überhaupt jemand älter als Ende 20 geworden ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben rechtzeitig den Absprung geschafft und Ihre Erfahrungen in "Kill Your Friends" verarbeitet. Wie kamen Sie auf die Idee, Schriftsteller zu werden?

Niven: In der Musikindustrie kann man nicht in Würde altern. Wer will schon der alternde Typ in der speckigen Lederjacke sein, der bei Konzerten an der Bar steht? Ich habe schon immer davon geträumt, Schriftsteller zu werden, hatte mein Ziel nur etwas länger aus den Augen verloren. Früher fehlte es mir einfach an der Selbstdisziplin, die man braucht, um ein ernsthafter Schriftsteller zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie mit dem Älterwerden klar?

Niven: Eigentlich macht es überhaupt keinen Spaß, älter zu werden. Wie schon Leonard Cohen in "Tower of Song" warnte: "I ache in the places where I used to play." Früher konnte ich drei Tage feiern und brauchte einen Tag, um wieder fit zu werden, heute ist es andersherum. Inzwischen brauche ich sogar mein tägliches Nachmittagsschläfchen, um später nicht unleidlich zu werden.

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SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie denn gar nichts am Älterwerden?

Niven: Doch. Ich tue nur noch das, was ich will, und schere mich nicht mehr so sehr darum, was andere über mich denken. Und ich habe keine Angst mehr davor, mich zum Affen zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr drastischer Sinn für Humor ist berüchtigt. Woher haben Sie den?

Niven: Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich Schotte bin. Wir haben eine ziemlich zynische und selbstironische Einstellung zum Leben.

SPIEGEL ONLINE: Und was ist mit Ihrer Vorliebe für menschliche Ausscheidungen?

Niven: Ja, darüber mache ich ständig Witze in meinen Romanen. Als mein deutscher Lektor an "Old School" saß und zu der Stelle kam, wo Susans Ehemann tot mit einem riesigen Dildo im Hintern aufgefunden wird, rief er mich an und rief: "John, was ist das immer mit dir und den Ärschen?".

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie keine Angst, zu weit zu gehen?

Niven: Der beste Rat, den ich je bekommen habe, lautet: Du musst so schreiben, als ob deine Eltern tot wären. Kümmere dich nicht um den so genannten guten Geschmack. Ich finde aber nicht, dass meine Romane geschmacklos sind. Sie mögen voller grausiger, schockierender Details sein, sind dabei aber insgesamt kunstvoll gestaltet.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Sie schockieren?

Niven: Nein, absolut nicht. Und wenn jemand anderes schockiert oder beleidigt ist, von etwas, dass ich sage oder mache, halte ich es mit Stephen Fry: "So fucking what?"

SPIEGEL ONLINE: Der englische Schriftsteller Tom Sharpe, der mit "Puppenmord" in den Siebzigern auch in Deutschland einen Bestseller landete, besaß einen ähnlich bösen Humor wie Sie. Ist er ein Vorbild?

Niven: Ich habe ihn extrem gern gelesen, als ich jünger war. Auch David Lodge oder Martin Amis. Ich mochte immer diese etwas düsteren, skurrilen Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Erforschen Sie mit Ihren Romanen Ihre eigene dunkle Seite?

Niven: Es ist immer interessanter, über Menschen mit Abgründen zu schreiben, Typen wie Walter White aus "Breaking Bad" oder Tony Soprano. Und wenn man das tut, erforscht man auch seine eigenen Abgründe. Ich hoffe nur, dass dadurch niemand zu Schaden kommt…

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie sich vor dem, was Sie in den Abgründen Ihrer Seele entdecken könnten?

Niven: Nein, das nicht. Aber ich wundere mich manchmal über mich selbst und stelle mir Fragen: "Warum hast du in ,Das Gebot der Rache' Irene Walts Finger abschneiden lassen?" Oder: "Warum schickst du deine Helden immer in so miese Situationen?" Ich habe darauf keine Antworten. Und eigentlich möchte ich diese Seite von mir gar nicht so genau erforschen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Schreiben für Sie eine Form von Katharsis?

Niven: Eher nicht. Aber als Autor von Büchern wie den meinen verbringst du eine Menge Zeit mit gewissen Dingen, mit denen andere nicht in Berührung kommen. Während ich "Coma" geschrieben habe, verbrachte ich viel Zeit in der Gesellschaft meines Vaters. Nur dass der damals schon seit mehr als zehn Jahren tot war.

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insgesamt 2 Beiträge
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xysvenxy 12.11.2015
1. John Niven? Doug Johnstone!
Niven ist gut, keine Frage. Besser ist aber Doug Johnstone... mal ein Artikel über diesen genialen Schrfitsteller?
weem 17.11.2015
2. Her damit!
Mit "Kill your friends" hängte Niven die Latte schon sehr hoch (Finde ich sehr gelungen), die er leider mit "Coma" nicht mehr erreichen - geschweige den reißen - konnte. Werde mir trotzdem "Old school" besorgen und freue mich darauf..
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