John Updikes 75. Geburtstag Der unermüdliche Ehebrecher

Vielen gilt er als Meister bei der Darstellung erotischer Szenen, doch John Updike ging es immer um weit mehr als um Sex. Der Ehebruch ist sein Hauptthema - als Verrat, Rückkehr, Ritual. Heute wird der Chronist des amerikanischen Mittelstands 75. Er ist immer noch unermüdlich.

Von Volker Hage


Mehr als zwanzig Romane hat er verfasst und gut 200 Erzählungen veröffentlicht. Hinzu kommen Kinderbücher, Gedicht- und Essaybände und ein Theaterstück. Mittlerweile zählt John Updike, der aus Pennsylvania stammt und seit langem mit seiner zweiten Frau in Massachusetts lebt, zu den großen alten Männern der US-Literatur. Updike ist nicht nur einer der fähigsten und unterhaltsamsten Erzähler der Gegenwart, sondern auch ein kundiger Literaturtheoretiker. Der über sich als Autor und sein eigenes Werk ebenso elegant zu schreiben versteht wie in unzähligen Buchkritiken, zumeist für den "New Yorker", über die Arbeiten seiner Kollegen, was ihm in den USA zu einer Sonderstellung verhalf.

Die Behauptung, Updike sei als Schriftsteller vor allem wegen der ausführlichen Sexszenen in seinen Romanen ein weltberühmter und wohlhabender Mann geworden, lässt sich nicht ganz von der Hand weisen. Das hat immer wieder dazu geführt, dass seine Romane und Erzählungen in ihrer Qualität unter- und in ihren Auflagenhöhen überschätzt wurden.

Der 1968 in den USA veröffentlichte Roman "Couples" ist allerdings bis heute Updikes einziger großer internationaler Bestsellererfolg geblieben - trotz seiner unermüdlichen Produktivität, frei nach dem Motto, das er von seinem Vater übernommen hat: "Für nichts kriegst du nichts." Zwar sind vorher und nachher Bücher von ihm erschienen, die bessere Kritiken bekamen, aber keines, das sich besser verkauft hat.

"Die sechziger Jahre waren, beruflich gesehen, eine Blütezeit für mich", so erinnert sich Updike gern an diese Zeit zurück, "gegen Ende des Jahrzehnts brachte ein Roman mir eine Million Dollar ein." Ein Millionen- und ein Welterfolg in der Tat: Als der Roman 1969 unter dem Titel "Ehepaare" in deutscher Übersetzung erschien, hatte das Werk in seinem Heimatland schon millionenfach Verbreitung gefunden. International verdankt der Autor diesem Buch seinen Durchbruch, seinen Ruhm - und seinen Ruf als Meister in der detaillierten Darstellung erotischer Szenen.

Fremdgehen als Ritual der Mittelschicht

Der Ehebruch, der offene oder geheime Betrug des Partners war als literarisches Sujet nichts Neues, doch hier trieb Updike es auf die Spitze und führte das Fremdgehen als Ritual einer neuen Mittelschicht vor, als inszenierten Liebesreigen bis hin zum Partnertausch. Der Roman bebildert einen inzwischen längst historisch gewordenen Augenblick, eine - in Updikes nachträglichen Worten - "verschwommen glückliche Zwischen-Zeit, nachdem Pille und Spirale den Sex von der Angst vor Schwangerschaft befreit hatten und bevor Aids ihn an die Kette der Todesfurcht legte".

Updikes Kunst besteht darin, die ehebrecherischen Liebesakte und auch solche innerhalb der Ehe sehr konkret zu schildern, ohne sie dem pornographischen Blick auszusetzen. Das gelingt, indem er Sexualität als ein Körper, Geist und Seele gleichermaßen ergreifendes Phänomen darstellt - zugleich aber auch als ein menschliches Ritual unter vielen anderen des familiären und beruflichen Alltags.

Ehebruch ist bis heute das eigentliche Zentrum von Updikes Werk geblieben: die mit Schuldgefühlen belastete Übertretung. Und allen erklärten Abstinenzabsichten zum Trotz kehrt er, und sei es im Rückblick auf die "verlotterten Sechziger", doch immer wieder gern zu diesem Thema zurück, so zuletzt in seinem Roman "Villages" (2004 erschienen; deutsch: "Landleben", 2006).

"Die Jahre als jeder sündigte, sogar die Regierung"

Die Helden sind mit ihrem Autor gealtert, üben sich in "Abwehr der Senilität, aber unvergessen sind die Jahre, als jeder sündigte, sogar die Regierung". Er selbst hat einmal in einem Interview erklärt: "Ich bin immer wieder auf den Ehebruch zurückgekommen, weil ich mich für den Verrat interessiere. In uns gibt es so etwas wie eine Innen- und Außenseite: Nach außen hin jedenfalls sind wir höflich und liebenswürdig. Der Ehebruch ist der Augenblick, wo wir eine Grenze überschreiten. Unser Ich wird in gewisser Weise revolutionär... Ohne Sexologe sein zu wollen, glaube ich, dass der Ehebruch größtenteils eine Rückkehr zum Ehepartner ist. Sexuelle Abenteuer sind so etwas wie ein Umweg zur Ehe."

Seine Romane haben ihn weltberühmt und reich gemacht, aber im Grunde fühlt er sich am wohlsten bei der kleinen Form, als Erzähler, auch dort, wo es sich um ein Gedicht, einen Essay oder eine bestellte Rezension handelt. Updike schrieb 1987, er glaube, sein Bestes "im Sprint über zehn Seiten gegeben zu haben, bei der einen begnadeten Sitzung, bei der Auftragsarbeit, bei der sich wie im Fall von Aschenputtel herausstellte, dass im Verborgenen mehr Qualitäten blühten, als man vermuten konnte".

Dennoch ist es gerade der vier Bände und einen Epilog umfassende "Rabbit"-Zyklus, in dem sich Updike als einer der begnadeten Menschendarsteller der Gegenwartsliteratur bewährt. Er kann die Ängste, Obsessionen, die alltäglichen Niederlagen und verschämten Wünsche seiner Figuren so zwingend anschaulich machen, dass wir Leser sie als unsere eigenen wieder zu erkennen wagen. Dies gelingt, weil er Mitleid hat und - ebenso entscheidend - keine Skrupel kennt.

Ein Meister der Zwischentöne

Und weil er hinhören kann. Ob es ein Gespräch in der Arztpraxis, auf dem Golfplatz, eine Unterhaltung mit den Enkelkindern, ein Streit zwischen Vater und Sohn ist, ob es sich um eine geschäftliche Besprechung oder um Bettgeflüster handelt: Es gibt kaum eine Situation zwischen Menschen, die dieser Schriftsteller nicht zu vergegenwärtigen versteht: ein Meister der Zwischentöne, ein souveräner Beherrscher jedweder Alltagsrede.

In dem zu Beginn dieses Jahrhunderts gesondert publizierten Nachtrag "Rabbit, eine Rückkehr" lässt Updike seinen bekanntesten Helden (den er im vierten Band der Tetralogie zu Grabe getragen hat), in den Gesprächen der Zurückgebliebenen gewissermaßen auferstehen. Ein Rückblick auf die besten Jahre? Bei Updike selbst hat es eher den Anschein, als würden seine besten Jahre gerade stattfinden, jedenfalls für ihn als Erzähler, der alle Bürden des Alters mit Anstand und, wie es scheint, mit Leichtigkeit trägt: indem er darüber schreibt.

Der vorerst letzte Roman "Terrorist" (2006) mag nicht unbedingt zu seinen stärksten und gelungensten zählen, aber dass ein Autor mit Mitte siebzig ein solches Wagnis auf sich nimmt und sich in einen religiösen Attentäter hineinzudenken versucht, zeugt zumindest von der Gültigkeit dessen, was Updike schon vor Jahren über sich formuliert hat: "Ich habe das beharrliche Gefühl, im Leben und in der Kunst, dass ich gerade erst anfange."

Vom Autor bearbeiteter Auszug aus der jetzt bei Rowohlt publizierten Biographie "John Updike".



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