"Klassenbuch" von John von Düffel Total deep, dieser Schulaufsatz

Hefte raus, Deutscharbeit: In "Klassenbuch" lässt John von Düffel zarte Tierfabeln auf Hormonstau treffen - und Schüler leicht und schwer übers Jungsein erzählen.

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Die Ameise ist vernünftig, arbeitet und sammelt Wintervorräte. Und die Grille macht eben nur ihr Ding, sie zirpt vor sich hin, l'art pour l'art. Dass man den Zwischenzustand der Jugend - Anflüge von Verantwortung einerseits, nur #yolo-Jux im Kopf andererseits - mit dieser Tierfabel des französischen Schriftstellers Jean de la Fontaine erklären kann, darauf muss man erstmal kommen.

So trifft Poetisches auf Hormonexplosionen, wenn John von Düffel diese Fabel in seinem neuen "Klassenbuch" wie einen Refrain immer wieder auftauchen lässt: Ganz geschmeidig führt er die Ameisen-Grillen-Story ein: Ein Insekt nistet sich irgendwo in der Mauer ein und lärmt im Unterricht. Bis Lehrerin Frau Höppner die Allgemeinbildungsschublade aufzieht, die Fontaine-Story auspackt und lächelnd eine Schreibübung anordnet.

Es passiert, was immer passiert, wenn man Elftklässlern etwas Abstraktes zur Interpretation vorlegt: Erik "war total runter mit den Nerven, weil mir auf einmal klar wurde, dass die Geschichte eigentlich davon handelt, dass es Winter wird und der Sommer vorbei ist, die Zeit der Busenblusen, Tanktops und Bikinis". Lenny dagegen ist der Meinung, dass es eine Story über das Gesellschaftssystem ist, in der alle so tun als wären sie busy und erfolgreich: "Die Grille ist die Ameise, gemorpht und umgedreht".

John von Düffel
Katja Sonnenberg

John von Düffel

Nach seiner generationenumspannenden Familiensaga "Houwelandt" und der Novelle "Hotel Angst" hat von Düffel sich dieses Mal wieder einen Mikrokosmos ausgesucht - erneut, wie etwa auch bei "Houwelandt", aus unterschiedlichen Erzählperspektiven. Und so setzt sich in diesem mosaikhaften Roman eine Geschichte zusammen, wenn Lenny, Henk, Emily, Rick, Annika, Bea oder Li nacheinander erzählen. Wie sie sich entfaltet, die Details sich ergänzen und widersprechen, hängt an einem narrativen Kniff: Als dramaturgisches Element setzt von Düffel das Alphabet des Klassenbuchs ein - Kapitel für Kapitel, von "Ahlsen, Erik", bis zu "Park, Li" und "Wendorf, Henk".

Vaters Benzinkanister klauen

Von Düffel taucht tief ein in den Alltag dieser Jugendlichen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Da ist der Hallodri ebenso wie die bulimische Streberin, die ellenlange Beschwerdebriefe an den Schulcaterer schreibt; die Tierliebe, die daheim den Mutterersatz für den kleinen Bruder spielen muss. Der sensible Dicke ohne Vater; der Computerspielfreak, der sich lange nerdige SMS an sich selbst schickt, um wichtige Gedankenstränge nicht zu verlieren. Die wiederholt Suizidale, die wochenlang nicht zur Schule geht.

Auf der einen Seite das erwartbare carpe-diem-Leben: Da klauen sich ein paar Jungs Vaters Benzinkanister, um ein Lagerfeuer zu machen und fackeln sich dabei die Haare an den Unterarmen ab. Und in der großen Pause stiehlt sich einer für die Dauer von sechs Mal "Illegal Love"-Hören davon, lässt sich weitertreiben bis zum Jugendzentrum, wo er die halbgerauchte Zigarette sucht, die er am Abend zuvor dort hingeschnippt hat: "Ich bin sonst nicht der Typ, der Kippen aufsammelt, doch in dem Fall war es ja meine eigene", sagt Henk. Und sie kommen auf herrlich verquaste Dada-Thesen wie "Das Kartell der Langeweile ist überall" oder "Schönheit = Sommer + neu".

Bis sich hier und da die Vergänglichkeit einschleicht. Und mit ihr jene Traurigkeit, die nur Jugendliche kennen. Der eine zertritt aus Versehen die Grille. Ein toter Hase verschwindet aus einem Turnbeutel. Und dann ist auch noch Frau Höppner weg.

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John von Düffel:
Klassenbuch

Roman

DuMont Buchverlag; 2017; 318 Seiten; 22 Euro

Wie meist in einer Klasse gibt es so eine Lehrerin: Sie ist die Sonne, um die sich alles dreht. Die Schüler merken, wenn sie gute Laune hat, sie buhlen um ihre Aufmerksamkeit, beobachten ihre Kehle samt "Glücksmuskel", der "viel zarter [ist] als der Heulmuskel, eher so eine Art Geflecht bis in die Mundwinkel." Und so sind die meisten der Schülermonologe an sie adressiert - als Entschuldigungssouada oder Email, als Videoaufzeichnung oder Abschiedsbrief.

Und als sie auf einmal verschwunden ist, addieren sich von Kapitel zu Kapitel die Thesen: Für die einen ist sie nach Australien ausgewandert, für die anderen schwanger oder sie hat Krebs. Frau Höppner bleibt unfassbar, eine Leerstelle: die klassische Differenz zwischen Schülern und Lehrern. Wer dieser Lehrer außerhalb des Klassenzimmers ist, bleibt ein Rätsel.

Einige dieser Monologe sind so stark wie die feinsten Kurzgeschichten. Mit doppelten Böden und Beobachtungen, die einen ins Mark treffen. Als Bea ihre Mutter bei ihrem Telefonat mit Frau Höppner beobachtet zum Beispiel: "Beim Auflegen hatte sie Scherben in den Augen." Oder wie still es ist, als sie neben ihrem Vater im Auto sitzt, der sie zu ihrem ersten Schultag nach ihrem Selbstmordversuch fährt, und er den Motor ausschaltet. Man hört die beiden geradezu atmen.

Wegen dieser Episoden verzeiht man von Düffel sogar, dass seine Sprache gefühlt kilometerweit neben dem Tonfall von Elftklässlern liegt. Teenager, zu deren Standardvokabular "frohlocken" gehört, sind einfach schwer vorstellbar. Und auch die eingestreuten "Cyber-Diary"-Einträge fallen komplett aus dem Rahmen.

Sei's drum - als Fiktion übers Jungsein rührt "Klassenbuch" allemal. Weil von Düffel so unvermittelt Dödeleien in zarte Sinnfragen rutschen lässt. Etwa, als beim Unterrichtsschluss alle verblüfft feststellen, dass sie sich an das Gezirpe so gewöhnt haben, dass die Grille ganz vergessen ist. "Wo steht, dass man die Grille bald schon nicht mehr hört?", überlegt Erik. "Warum singt sie dann überhaupt noch? Und was hat die Ameise davon?".

Total deep, das.

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