Neu entdeckter Roman "Stoner" Eine lebenslange Niederlage

Das falsche Fach studiert, die falsche Frau geheiratet - überhaupt das falsche Leben gelebt: In seinem 1965 erschienenen, aber erst jetzt gefeierten Roman "Stoner" erzählt John Williams das berührende Drama eines Uni-Professors, dem langsam schwant, dass er nie glücklich sein wird.

Williams-Thema US-Campus: Zum Unglück verdammt
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Williams-Thema US-Campus: Zum Unglück verdammt

Von Thomas Andre


Der Campus-Roman ist ein wichtiges Genre der englischsprachigen Literatur. Große Schriftsteller haben sich daran versucht: J.M. Coetzee, Don DeLillo, Philip Roth, Zadie Smith, Jeffrey Eugenides. Fast immer ging es um Identitätssuche und zwischenmenschliche Dramen. Ein entscheidender Campus-Roman allerdings ist den Lesern lange verborgen geblieben: John Williams' "Stoner" erschien erstmalig 1965. Seinen weltweiten Siegeszug trat das Buch erst vier Jahrzehnte später an, als es in den USA neu erschien. Jetzt steht "Stoner" auch in Deutschland auf der Bestsellerliste.

"Stoner" ist ein literarischer Schatz, ein Buch, das von den kleinen Siegen und den großen Niederlagen des Universitätsprofessors William Stoner erzählt. Der betritt kurz vor dem ersten Weltkrieg erstmals die Universität von Missouri. Er ist der einzige Sohn einer Farmersfamilie, die in der einfachsten aller Welten lebt und ein karges Land beackert. Es sind vormoderne Zustände, die der junge Mann verlässt. Lange Wege legt man noch mit der Kutsche zurück.

William will Agrarwissenschaft studieren. Dann kommt, einer Epiphanie gleich, die Dichtung über ihn. Er sitzt in einem Grundkurs vor einem Shakespeare-Sonett über Liebe und Verlust - und weiß nicht weiter. Wegen seiner Probleme bei der Texterfassung wird er vom Dozenten bloßgestellt. Trotzdem verliebt er sich rückhaltlos in die Literatur - und wechselt das Studienfach.

Die große Liebe, die nicht sein darf

Angetrieben wird er von einem Dreiklang aus Lieben, Leben, Lernen - die Emanzipation von seiner Herkunft aber misslingt ihm, obwohl es Stoner, anders als seine bedürfnislosen Eltern, mit der Gesellschaft aufnimmt. Sein Scheitern ist total. Er heiratet die falsche Frau und wird Opfer einer Intrige, die so wohl nur an der Uni stattfinden kann. Er reagiert stur und eitel, verliert sich im Labyrinth seiner Rechtschaffenheit. Seine Gleichgültigkeit der eigenen Niederlage gegenüber ist die eines tragischen Mannes, der nicht nach Höherem strebt; es klänge pathetisch, würde man ihn einen Moralisten nennen.

John Williams (1922 - 1994) lehrte lange als Literaturdozent in Denver - auch seine Großeltern hatten einen Bauernhof. Sein Werk umfasst zwei Gedichtbände und vier Romane, für "Augustus", einen historischen Roman über den römischen Kaiser gleichen Namens, bekam er 1973 den National Book Award.

Es dürfte jedoch der vorübergehend vergessene "Stoner" sein, dessentwegen man sich auch in Zukunft an Williams erinnern wird. Weil er auf psychologisch meisterliche Weise von einem Jedermann erzählt, und von den Fesseln, die vor der sexuellen Befreiung Lebensläufe einschnürten. Eine große Liebe (zu einer Studentin, so viel Klischee muss sein) kann und darf der Professor nicht leben, und wie er stoisch sein Schicksal erträgt, das schildert Williams auf berührende Weise.

Zwei Weltkriege lichten die Reihen der Studierenden. Es zermürbt die Lehrenden, die in der nachfolgenden Generation immer so etwas wie Hoffnung sehen wollen. In "Stoner" gibt es von der ersten Seite an wenig Hoffnung, man spürt beinah in dem gesamten Text ein stetes Nachlassen der Kraft beim Protagonisten. Als ahnte er langsam, von Geburt an verdammt zu sein, nie glücklich werden zu können - das Schicksal jedes modernen, entwurzelten Menschen. Aber hätte er ein erfüllteres Leben gehabt, wenn er auf dem Land geblieben wäre?

"Hinterher lag er neben ihr und redete zu ihr in der Stille seiner Liebe", heißt es einmal. Die Stille ist der Preis, den er zahlt für ein gewisses Linkischsein, in dem sich sein Herkommen aus einfachen Verhältnissen untrennbar an ihn heftet. "Stoner" ist auch der erbarmungslos und doch zart geschriebene Bericht über die Karriere eines Mannes und über verblassende Aufstiegsträume.

Und doch ist es ein exemplarisches Leben, das Williams porträtiert, und sein "Stoner" ist zeitlos gültig: Es gibt kein Anrecht auf eine gelingende Existenz.

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steuerberater-reimer 06.11.2013
1. Erfülltes Leben
Nein, Stoner war kein gescheiterter Mann. Er hatte das ganz und gar Unwahrscheinliche erreicht, nämlich von einem armen Farmerjungen zu einem an einer Universität Literatur lehrenden Professor zu werden, die eigentliche Erfüllung, statt - wie von den Eltern vorgesehen - als studierter Farmer zu scheitern. Die schreckliche Ehefrau, die unerfüllte Liebe, das scheiternde Kind, die Intrigen, all das nahm er stoisch hin als das, was es für uns alle ist: das zu erfahrende Leben . Und das ist es, was der Autor auf eine ganz und gar großartige Art und Weise erzählt, man liest und versteht .
Newspeak 06.11.2013
2. ...
Hört sich wie der Lebenslauf eines ganz normalen Akademikers an. Den eigenen Idealen jahrelang sinnlos hinterhergehechelt, nur um dann festzustellen, daß sich die Träume, für die man lebte, nie erfüllen werden, um sich dann in sein Schicksal zu fügen.
classwar! 06.11.2013
3. Feuilleton?
selten einen so zartfülenden mist gelesen :-D aus allen ecken und enden bedient sich Thomas Andre, um seine rezension zusammenzuschrauben. ich empfehle da mal eine heftige dosis Joseph von Westphalen, der bereits in den 80ern das feuilleton und die literaturkritik auf's korn nahm ;-)
mendorvaldez 06.11.2013
4. Fragwürdige Interpretation
Die Lektüre dieser kleinen Rezension macht nachdenklich. Nicht wegen "Stoner", sondern wegen der Intention des Rezensenten. Augenscheinlich wird diese in folgender Aussage: "Als ahnte er langsam, von Geburt an verdammt zu sein, nie glücklich werden zu können - das Schicksal jedes modernen, entwurzelten Menschen." Also jeder moderne und entwurzelte - was immer das auch sein mag - Mensch sieht sich einem glücklosen Schicksal gegenüber? Das wage ich doch sehr zu bezweifeln! Und diese Aussage ist nicht nur falsch. Sie ist auch nicht fatalistisch, denn der Fatalismus beinhaltet in seiner Schicksalsergebenheit gerade jenes absurde, existenzialistische Glück. Nein, die Aussage ist schlicht defätistisch.
bebbi107 09.02.2014
5. Gezeichnete
Nebst Edith ist Kollege Lomax die Figur, die mit seinem unüberwindbaren Hass Stoner das Leben schwer macht. Warum? Er ist ein Krüppel, der sich durch Stoners Ablehnung des ebenfalls krüppligen Walker tiefst gekränkt fühlt. Stoner tritt voll ins sich anbahnende Verhängnis, weil ihm die wohl biblische Warnung: "Hütet euch vor den Gezeichneten" nicht im Instinkt festgeschrieben ist. Die unglaublich fein gestrickte Geschichte dieser Unverzeihlichkeit über jegliches Mitmenschliche hinaus ist gleichsam auch die Geschichte der Unausweichlichkeit schicksalhafter Konstellationen.
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