Zukunftsszenario Hey, Nerd! Bring uns das Internet zurück!

Ein Leben ohne Internet ist möglich - ist es auch erstrebenswert? Josefine Rieks enthält sich in ihrem Debütroman "Serverland" einer allzu genauen Antwort.

Serverhalle
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Serverhalle


Reiner, das merkt man ziemlich schnell, ist ein Hänger. Meyer, sein Freund von früher, noch viel mehr. "Er sah genauso aus wie in der Schule. Blondierte, halblange Haare, dazu trug er ein Unterhemd und eine abgeschnittene labbrige Stoffhose; zu seinen Füßen stand wirklich ein Sechserpack. Vor ihm parkte ein Wagen am Straßenrand, die Beifahrertür stand offen und es lief laute Musik. Ein paar Passanten schüttelten den Kopf."

Reiner ist aber vor allem ein Nerd. Einer, der sich mit Computern auskennt, neulich hat er sogar ein Macbook Air gefunden, den "Cadillac unter den Notebooks". Diese Fähigkeiten verbinden sich mit Herrschaftswissen, dass Meyer besitzt. Er weiß um Serverhallen, in die man einbrechen kann. Riesige Gebäude auf Brachen am Rande der Stadt.

Vor allem aber kennt er den ehemaligen Google-Serverpark an der holländischen Küste. Meyer glaubt: In den riesigen Hallen liegt das ganze Internet, so wie eben Bücher in einer Bibliothek liegen. Weiter glaubt er, dass sich daraus durchaus lukrative Möglichkeiten entwickeln lassen könnten, denn es ist schließlich so: Das Netz wurde vor langer Zeit abgeschaltet, in einer Abstimmung hatte sich die Mehrheit der Bevölkerung dafür entschieden.

Versuchsanordnung mit revolutionärem Moment

Josefine Rieks entwickelt von hier aus eine interessante Versuchsanordnung. Sie lässt Reiner und Meyer in der holländischen Peripherie auf eine Kleingruppe an Jugendlichen treffen, die es sich in den Serverparks bereits eingerichtet hat und Teil einer internationalen Bewegung ist. Eine von Reiner geschriebene Software ist es, die die Server knackt und so der Gruppe den Zugriff auf Unmengen von YouTube-Videos ermöglicht.

Josefine Rieks
Tim Bruening

Josefine Rieks

So erreicht er ein Ansehen, das ihm in dem sehr fragilen Konstrukt der Aktivisten als eine Art Schutzraum dient, was auch bitter nötig ist. Denn die Abenteurer werden zu einer Bewegung mitsamt Plenen und Kleingruppen und Einkaufsdiensten, vor allem aber mit politischem Anspruch. "Unser Ziel muss es doch sein, Material von den Servern zu sichern und es in die Mitte der Gesellschaft zu tragen", heißt es einmal. Genau das passiert dann auch - das revolutionäre Moment führt aber zu einer Dynamik, die die Beteiligten so wohl nicht erwartet haben.

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Josefine Rieks:
Serverland

Roman

Carl Hanser Verlag; 176 Seiten; 18 Euro

Die 1988 geborene Autorin widersteht der Versuchung, die Zukunft tatsächlich zu gestalten, sie mit allzu viel Farbe auszumalen. Ist das neue Deutschland, das neue Europa eine Demokratie? Sind die Menschen arm oder reich? Sind sie ganz glücklich mit ihrem Leben ohne Internet? All diese Fragen werden nie so recht beantwortet.

Das ist beim Lesen manchmal fordernd, denn wenn man sich schon inmitten einer solchen Versuchsanordnung findet, möchte man doch auch ein bisschen Science-Fiction-Krach haben. Stattdessen wähnt man sich zunächst in einem ästhetisch wenig ansprechenden Wasteland zwischen Eckkneipe mitsamt "BZ" und Wodka-Shots, zugemüllten Gebrauchtwagen und mangelhaft gesicherten Fabrikhallen, vor denen Jugendliche abhängen. Später bemalen einige ihre Jacken mit Anonymous-Masken, ein Mädchen lässt sich Dreadlocks drehen, sie sprechen über "partizipative Kommunikation".

Die Revolution, von der hier erzählt wird, wirkt zumindest ästhetisch wie direkt aus den Achtzigerjahren importiert. Der Protagonist bleibt dabei ein Widerborst, ans Herz wächst einem hier ohnehin niemand.

Stilmix aus Blödsinn, Geschichte und Popkultur

Andererseits ist das eine geschickte und völlig schlüssige Konstruktion. Dieser Verzicht auf den großen Knall, diese Nicht-Inszenierung, die im Übrigen dazu führt, dass sich das Stück prächtig ins Theater übersetzen lassen würde, ergibt durchaus Sinn. So setzt die knappe Handlung keinerlei Fett an und läuft auch nicht Gefahr, zur Räuberpistole zu werden.

Die Fantasie holt Rieks stattdessen aus der Gegenwart. Wenn sie schildert, welche YouTube-Clips die Kids da von den Servern ziehen, wenn sie von "freedom of speech and expression" im Kunstraum YouTube schwärmen, landet sie bei einem irritierenden Stilmix aus Blödsinn, Geschichte und Popkultur: "I Told My Kids I Ate All Their Halloween Candy", der "River-Kwai-Marsch", Robbie Williams - aber auch der Clip zu "Macaulay Culkin" von der sehr guten Popband Golf werden begeistert rezipiert. Lustiger Blödsinn, der von Geschichte und Politik, von Treblinka-, 9/11- und Ballerspiel-Videos hart gebrochen wird.

Dieser Widerspruch, der gegen Schluss zur Implosion führt, lässt einen als Leser manchmal allein, das sei der Vollständigkeit halber erwähnt. Wenn Meyer und Reiner am Ende resigniert in ihren Wagen steigen, möchte man am liebsten auf die Rückbank und ganz lange schlafen.

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insgesamt 3 Beiträge
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JoachimZ. 24.02.2018
1. Ohne Internet...
...wäre die Welt sicherlich schöner. Keine Spam-Mails mehr, keine blinkenden Webseiten mehr, kein Gopher mehr, aber auch keine FTP-Server mehr, keine Internettelefonie und damit wohlige Ruhe! Ja, lasst uns das Internet abschalten! Schaltet die Server und Router aus, zum Wohle der Menschheit.
Drscgk 26.02.2018
2. In der westlichen Gesellschaftsordnung, in der
nichts, aber auch gar nichts, für uns geschaffen ist, läuft es doch immer so. Von A- dem Auto- siehe: "Nahverkehr vs. Individualverkehr Holen wir uns die Welt zurück!", bis Z- dem Zins-, stellen wir am Ende fest, dass alles nicht für uns da ist. Warum sollte es denn ausgerechnet beim Internet etwa anders sein?
Mrs.GmoG 05.03.2018
3. Die Meinung einer Jugendlichen.
1. Heutzutage ist meiner Meinung nach, ein Leben ohne Internet nicht mehr richtig möglich. Ich habe genügend Beispiele warum: 1. Internetfreundschaften/Beziehungen 2.Gaming (Videospiele übers Internet) 3.Informationen aus dem Netz. Ich zähle jetzt hier nur 3 auf aber es gibt noch viel mehr. Sie müssen wissen, ich verbringe wie viele andere Jugendliche in meinem Alter, viel Zeit im Internet. Viele verstehen nicht, dass das Virtuelle auch eine Welt ist. Es ist eine kleine, endlos große Pixel Welt. Die Menschheit hat zu viel Energie investiert um so etwas wieder abzuschaffen. Ich liebe es Zeit zu verbringen virtuell, weil es für mich eine Auszeit ist von diesem Alltag. Danke fürs durchlesen. :)
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