Journalistenlegende Studs Terkel Zuhören als Kunstform

Studs Terkel gilt als der Journalist, der mit ganz Amerika sprach. Seine Interviews dokumentieren detailliert Politik, Kultur und das Leben der einfachen Menschen. Vor allem aber liebte er Musik: In seinen Gesprächen mit Künstlern deckte er eine atemberaubende Stilvielfalt ab.

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Hat nicht schon jeder Interviewer davon geträumt, einmal von Bob Dylan selbst dessen Texte erklärt zu bekommen? Studs Terkel erlebte diese Sternstunde, als er 1963 mit dem aufstrebenden Jung-Star der neuen Folkszene über den düsteren Song "A Hard Rain's A-Gonna Fall" sprach. Dylan, offenbar bester Stimmung und äußerst mitteilsam, erzählte dem damals schon über 50-jährigen Terkel eine Menge über Inspiration, Inhalte und übers Songwriter-Dasein. "Einfach ein harter Regen, ein deutlich vorgezeichnetes Ende" sei gemeint, kein atomarer Niederschlag wie viele wähnten, beschrieb Dylan die Gedanken hinter "Hard Rain".

Journalist Terkel: Samtig-versöhnlicher Redefluss
Verlag Antje Kunstmann

Journalist Terkel: Samtig-versöhnlicher Redefluss

So ging es Terkel oft: Er traf auf offene, gut gestimmte Interview-Partner - weil er mit Menschen und Fragen gut umgehen konnte. Wie gut, zeigt der gerade erschienen Sammelband "Studs meets music", der zwei Dutzend sehr unterschiedliche Künstler vorstellt.

Studs Terkel, ein echter New Yorker und 1912 in der Bronx geboren, wollte eigentlich Jurist werden und machte 1934 seinen Abschluss an der Chicagoer Universität. Doch bald zog es ihn zum Schreiben, er arbeitete bei Radio Soaps und Newsshows im Rundfunk mit. 1944 hatte er seine eigene Sendung, das "Wax Museum", in der seine vielseitige Liebe zur Musik von Jazz bis Klassik ausbreiten konnte. Schon ein Jahr später begann der TV-Journalist mit "Stud‘s Place", seiner ersten Sendung als Interviewer. Nach mehreren weiteren Programmen wurde er in den fünfziger Jahren mit "The Studs Terkel Programm"ein preisgekrönter Star-Journalist - seine Interviews zu verschiedensten Themen sind bis heute legendär. Er veröffentliche Bücher mit Interviews zur amerikanischen Geschichte, in denen er einfache, oft arme und ausgegrenzte US-Bürger erzählen ließ. Zuletzt erschien 2004 sein Buch "Die Hoffnung stirbt zuletzt", das Geschichten von Menschen mit Zivilcourage vereinigte. Doch immer wieder kehrte er zur Musik als Interview-Sujet zurück

Der neue, jetzt in deutscher Übersetzung erschienene Sammelband "Studs meets Music" fasst eine Menge dieser Gespräche mit Musikern zusammen, und wenn man die Liste durchgeht, muss einem Terkel wie ein Universalgenie der Tonkunst vorkommen. Neben Bob Dylan traf und interviewte er in seinem langen Reporterleben so unterschiedliche Künstler wie die Komponisten Leonard Bernstein und Aaron Copland, die Bluesgrößen Big Bill Broonzy und Janis Joplin, dazu die Opernstars Birgit Nilsson und Elisabeth Schwarzkopf.

Diskretion als journalistische Tugend

Mit Wissbegier und Einfühlungsvermögen und viel - manchmal vielleicht ein wenig zuviel - respektvoller Höflichkeit gelingt es Terkel stets, die sensiblen und naturgemäß immer ein wenig eitlen Tonkünstler aus der Reserve zu locken und in Plauderlaune zu bringen. Das erzeugt mitunter einen samtig-versöhnlichen Redefluss, bei dem man sich hier und da eine "böse" Frage gerade zu wünscht. Aber Terkel kannte sich aus und redete wie ein Diplomat, und auch das kann eine journalistische Tugend sein: Die Hälfte der Interviewten hätte ihn sonst wohl gar nicht empfangen. Speziell Künstler des klassischen Genres mögen meist keinen investigativen Journalismus und bohrend böses Nachfragen.

Fast wirkt er dabei wie ein Dirigent, der die Musik - in diesem Falle die Worte seiner Gesprächspartner - zum strömen und perlen bringt. Das Ergebnis klingt dann zwar manchmal, wie bei dem Sitar-Virtuosen Ravi Shankar, ein wenig wie eine Hochschul-Vorlesung, dennoch erfährt man aus erster Hand eine Menge Details und anschauliche Darstellungen. Der Dirigent Josef Krips schwärmt überschwänglich von Mozart, lästert über Stockhausen und wird dabei so anrührend persönlich, dass man sich tatsächlich bei einem privaten Gespräch unter guten Freunden wähnt. So sind denn viele der Interviews kein Frage-Antwort-Ping-Pong, sondern kleine, gesprochene Essays, in bester Terkel-Tradition seiner berühmten "Oral History Books", in denen er Menschen als Zeitzeugen über die Wirtschaftskrise, den Zweiten Weltkrieg oder über Arbeit und Tod interviewte und ihre erzählten Lebensgeschichten vor dem Vergessen bewahrte.

"Studs meets music" ist kein Buch für Musikwissenschaftler: Es lockt stattdessen mit seinen durchweg klugen und authentischen O-Tönen, sich mit den Künstlern zu befassen, die einem nicht so geläufig sind. Man kommt ihnen näher. Das erfuhr auch Regisseur Martin Scorsese, der für seine Dylan-Dokumentation "No Direction Home" Passagen aus dem historischen Terkel-Interview auswählte. Selbst in der monströsen Dylan-Würdigung waren diese kurzen Momente noch etwas Besonderes und stachen heraus. Allein für diesen Part schon lohnt sich das Buch.


"Studs meets Music. Studs Terkel im Gespräch mit großen Musikern des 20. Jahrhunderts". Aus dem Englischen übersetzt von Kristian Lutze. Kunstmann, 240 Seiten, 19,90 Euro.



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