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Journalistenroman "Die Unperfekten": Zeitung tot, Roman wohlauf

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So gemein wie genau: Der junge Journalist Tom Rachman zog als Reporter durch Indien und Sri Lanka, berichtete als Korrespondent aus Rom. Jetzt hat er einen Roman über das Sterben einer Tageszeitung geschrieben - und zeigt seine Branche als eine Ansammlung neurotischer Egozentriker.

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Alessandra Rizzo

Autor Rachman: Journalistenalltag kann so demütigend sein

Am Ende bleiben nur leere Schreibtische und Kabel, die im Nichts enden. Die Computer, die noch etwas taugten, hat längst einer mitgehen lassen. Und darunter, als Gipfel des Elends, ein versiffter Teppichboden. Kaffeeflecken überall, festgetretener Kaugummi, Brandlöcher, die üblichen Spuren gestresster Redakteure. Alles Anzeichen für flirrende Hektik - nur eben nun ohne die Redakteure, ohne den Lärm, ohne Bewegung. Ein Raum als Stillleben.

So also sieht eine Redaktion aus, wenn das Blatt eingestellt wurde, nach fünf Jahrzehnten. Es ist immerhin nur ein fiktionaler Verlag. Die Zeitung international, englischsprachig, mit Sitz in Rom, gegründet Anfang der fünfziger Jahre. Auflage 150.000 Stück. Und am Ende von Tom Rachmans Debüt "Die Unperfekten" reicht das eben nicht, die Zeitung ist tot. Ein Roman wie ein Nekrolog. Nur bei weitem erfreulicher.

Auch wenn der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger vor ein paar Wochen erst beschwichtigte, zumindest in Deutschland drohe kein Zeitungssterben, ist die Krise der Printbranche nicht zu übersehen. Verschärft durch den Finanzcrash krachte das Anzeigengeschäft vollends in den Keller, Magazine erschienen von heute auf morgen nicht mehr, Traditionszeitungen, vor allem in den USA, machten dicht. Im August verkündete die " Frankfurter Rundschau", dass bis zu 50 Redakteure entlassen werden müssten. Umso dringlicher sucht die gesamte Branche nun nach einer zündenden Idee, um endlich wieder Geld zu verdienen. Medienmogul Rupert Murdoch verlangt für die Online-Inhalte der Londoner " Times" inzwischen eine Gebühr, Apple-Chef Steve Jobs wurde zum Heilsbringer erkoren, weil Verlage hoffen, mit ihren Applikationen für iPhone, iPad und all die anderen mobilen Endgeräte eine neue verlässliche Geldquelle gefunden zu haben.

Je häufiger, desto besser fürs Ego

Und mitten in dieses immer hysterischere Mediengewimmel platzt nun Tom Rachmans enormer Erstling. Der Autor ist Mitte 30, er arbeitete für die Nachrichtenagentur Associated Press in New York, zog als Reporter durch Indien und Sri Lanka, berichtete zwei Jahre lang als AP-Korrespondent aus Rom. Und schmiss dann den vermeintlichen Traumjob hin, um seinen Debütroman zu schreiben. Über die Branche, die er gerade verlassen hatte.

Es verwundert, dass es nicht mehr Journalisten gibt, die ihren Beruf fiktional aufarbeiten. Und zwar nicht in Form von Praktikanten-Biografien oder Moderedaktions-Tralala, wo das Setting nie mehr ist als bloße Staffage. Nein, "Die Unperfekten" (im Original: "The Imperfectionists") ist ein Roman, der das Spezifische dieser Branche, ihrer Logik und ihrer Typen literarisch kondensiert.

Rachman hat das Talent, dieses Gewerbe gemein genau zu sezieren. Schon der Titel knallt mittenrein: Es sind Porträts der per se "Unperfekten", die Protagonisten schwanken zwischen defätistisch und defizitär, stets getrieben von einer narzisstischen Sucht, die geistigen Produkte veröffentlicht zu sehen: je häufiger, desto besser fürs Ego.

Geschickt hat Rachman diese branchentypischen Unzulänglichkeiten aufgesplittet und einzelnen Charakteren jener Zeitung in Rom zugeteilt: Da ist der, der vor lauter Existenzangst unsichere Faktenlagen mit Ungenauigkeiten vertuscht, ausgedachte Quellen einfügt, "'enge Mitarbeiter von', 'Experten für', die aber selbstverständlich 'anonym bleiben möchten'". Er fummelt noch ein paar Redundanzen dazwischen, um den Text zu strecken, Zeilen zu schinden. Da ist auch die, die wackelnd balanciert zwischen journalistischer Unabhängigkeit und ihren privaten Vorlieben für den Gegenstand der Berichterstattung.

"Sadism Hussein"

Oder etwa der Chef-Korrektor, der akribisch die Redaktions-Sprachbibel führt. Erbsenzähler wie ihn braucht jedes Blatt. In über 18.000 Einträgen geißelt er falsche Possessivpronomina, "in der Luft hängende Attribute", er echauffiert sich über Silbendreher wie "Untied States" oder "Sadism Hussein", überflüssig viele Ausrufezeichen und Gedankenstriche, die den Text zerfasern. Und dann gibt es noch den armen Kerl, zuständig für Nachrufe und die "Rätsel-Bretzel" und chronisch unterfordert. Dann sein erstes Filetstück von Artikel, ein großer Nachruf auf eine österreichische Schriftstellerin. Und als die Frau stirbt, streicht der Chef vom Dienst seine Riesengeschichte auf eine Sieben-Zeilen-Meldung zusammen. Journalistenalltag kann so unendlich demütigend sein.

In den zugespitzten Porträts von Rachman wirken jene "Unperfekten" herrlich unerträglich. Ein Pack neurotischer Narzissten, die jeden Tag denken sollen, sie könnten die Welt erklären. Und die sich in Frustphasen, Minuten vor Redaktionsschluss, noch Überschriften für vierzeilige Einspalter aus den Rippen schwitzen müssen. Wer will so schon arbeiten?

"Du kennst ja unsere finanziellen Probleme, Lloyd", sagt ein Redakteur am Telefon zum freien Paris-Korrespondenten. "Von Freien nehmen wir heute nur noch Sachen, bei denen's einem die Kinnlade nach unten reißt. Was nicht heißen soll, dass Deine Story nicht gut ist. Ich meine einfach, Kathleen will nur noch Sachen, die Auflage bringen. Terrorismus, Iran und Atom, Russlands neue Stärke - so Sachen. Alles andere nehmen wir inzwischen im Prinzip von Agenturen. Hat mit Geld zu tun, nicht mir Dir."

In diesem Absatz steckt alles, was das unausgegorene Miteinander der Branche heute ausmacht. Die Redaktion, die angehalten ist, aus Budgetgründen mehr selbst zu schreiben; der Redakteur, dem das als dankbares Argument dient, sich um die Wahrheit herumzulavieren, sich so nervige Freie vom Hals hält; und der Freie, der am Tropf der Redaktion hängt, finanziell und mental. Ohne verkaufte Texte kein Geld - und keine Identität.

Viel von dem Zauber dieser Branche, das wird in den dichtesten Szenen des Buchs deutlich, liegt in der Gier nach Abenteuer, dem Thrill am Zeitdruck, der berserkerhaften Besessenheit, jeden Tag, jede Woche, jeden Monat den besten Text aller Zeiten zu produzieren. Um dann weit von der Perfektion entfernt zu scheitern. Und wieder frisch anzufangen. Das ist heute nicht anders als damals, als Rachmans fiktive Zeitung gegründet wurde. In einer Zeit, als schwere Kristallaschenbecher noch zur Grundausstattung einer Redaktion gehörten, als die Namen der leitenden Redakteure in die Milchglasscheiben ihrer Zimmertüren geätzt wurden und im Keller des Verlagshauses die Druckmaschinen rumpelnd rotierten.

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Forum - Kann sich der Online-Journalismus mit der Zeitung messen?
insgesamt 277 Beiträge
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1.
Adran, 09.12.2008
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Vergleicht man SPON mit dem Spiegel, dann Ja! Wobei auch der Spiegel immer mehr richtung spon tendiert, und das frustiert.. ;)
2.
Jawo Kanndattan 09.12.2008
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Wir sind mitten in einem Umbruch und zwar zuungunsten der traditionellen Medien die noch(!) glauben auf einem qualitativ höherwertigen Ross zu sitzen. Und ich glaube die Qualität wird gezwungenermaßen in die Onlinemedien abwandern müssen, um sich langfristig überhaupt finanzieren zu können! In nicht allzu ferner Zeukunft werden die altgewohnten Printmedien nur noch das Nebengeschäft sein. Spätestens dann, wenn es den Printmedien (Büchern wie Zeitschriften) in Form der E-Books endgültig an den Kragen geht und nur mal beispielsweise, Sport der einen interessiert aus dem Kicker bezogen wird, politische Kommentare aus der Faz und/oder der Süddeutschen und das Feuilleton meinetwegen aus der Zeit. Wahrscheinlich stellt man sich dann ein persönlich geprägt Mix zusammen der je nach Themenvielfalt, Menge oder Qualität abonniert, wie auch immer gedownloaded und zum Beispiel auf dem Weg zur Arbeit mit einem Sony Reader gelesen wird und vielleicht für einen späteren Forenbeitrag oder Leserbrief mit Kommentaren versehen werden Kann. Da tun sich auch vollkommen neue Geschäftsfelder auf in puncto Marketing und interaktiven Leserkontakten. Ich weiß die Medien-Traditionalisten beschwören noch immer das Gefühl des Haptischen, dass der Mensch auf das Gefühl ein Buch oder eine Zeitung in der Hand zu halten niemals verzichten wird. Aber auch das ist letztendlich eine Gewöhnungssache. Man warte nur ab bis ein schickes E-Book von Apple zum Statussymbol geworden ist. Das es so nicht weitergeht und die alten Zeiten der hohen Druckauflagen zurück kommen, kann man sich an drei Fingern abzählen. So manches Pressehaus kann da jetzt schon ein Lied von singen.
3.
Orthogräfin, 09.12.2008
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Gerade beim Spiegel ist das nicht mehr so. Das heißt aber nicht, daß das Onlineangebot anspruchsvoller oder hochwertiger geworden wäre!
4.
harm ritter 09.12.2008
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
Geht es nur nach der Popularität, kann sich der Online-Journalismus längst mit der Tageszeitung messen. Ich beziehe meine Nachrichten heute sehr viel mehr aus dem Internet, als auf Papier gedruckt. Was die sprachliche und journalistische Qualität angeht, hat das Papier noch immer die Nase vor, aber das ist ja auch kein Wunder: Es macht einen großen Unterschied, ob man nur eine Stunde oder drei Tage Zeit hat, einen guten Artikel zu verfassen. Aus diesem Grund wollte ich auch nie Journalist werden, auch wenn ich mit diesem Beruf einmal geliebäugelt habe: ich wäre, glaube ich, mit dem Zeitdruck nicht so gut klargekommen. Meine Vorbilder waren immer Brecht oder Böll: die hatten jahrelang Zeit, an einem einzigen Absatz zu feilen.
5.
lupenrein 09.12.2008
Zitat von sysopDie Zeit, in der Online-Journalismus ein hastiges Nebengeschäft der Verlage war, geht ihrem Ende entgegen. Noch aber reklamiert die Zeitung für sich die höheren Qualitäten. Ist das wirklich noch so?
'Hastig' muss nicht von minderer Qualität sein. Normalerweise lese ich in der Tageszeitung das, was einen Tag vorher im Internet stand. Die Qualität der Meldungen und Meinungen hängt nach meiner Meinung nicht vom Papier ab, sondern von der Qualität der Journalisten, die im Internet schreiben. In der Praxis einer Redaktion sieht es doch heute so aus, dass Journalist(in) direkt in den PC schreibt. Ist er/sie online, dann steht es im Internet-Journal, ist er/sie nicht online, dann ist der Text mögkicherweise für den Drucksatz gedacht. Den Unterschied sehe ich allein in der Technik. Qualität kann in allen Medien gut oder sachlecht sein.
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