Judith Hermanns neue Erzählungen Der Kuss eines Kosmonauten

Der Erzählband "Sommerhaus, später" machte Judith Hermann berühmt. Auch in ihrem neuen Buch "Lettipark" spürt sie in kurzen Geschichten den Rätseln des Lebens nach - nebulös, authentisch und ungemein bewegend.

Raumfahrerkostüm
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Begegnungen, kurze Momente, die alles verändern können - davon erzählt Judith Hermann in ihrem neuen Erzählband "Lettipark". Man könnte sie übersehen: all die zahllosen Zufallsbekanntschaften, Gesichter, die Blicke vergessen, welche man uns spontan oder wohl doch mit Absicht zuwirft.

Die 1970 in Berlin geborene Autorin tut dies nicht. Im Gegenteil: Sie vermisst die Kartografien unseres Alltags, um aus dem Beiläufigen Sinn und Tiefe zu gewinnen. Was auf der Oberfläche sichtbar wird, birgt darunter immer die großen Themen des Lebens: Freundschaft, Liebe, Erinnerung und Tod.

Manches Aufeinandertreffen wirkt, als würden Ionen kollidieren, gewaltige Energien entstehen, um nur erneut wieder in den Weiten des Raumes zu verschwinden. In der Geschichte "Solaris" sehen sich zwei Studienfreundinnen nach vielen Jahren wieder, ein Leben dringt kurzzeitig in ein anderes vor, und schließlich kommt es zu einem Augenblick, der voller Magie ist.

Ada schaut einem Arbeitskollegen von Sophia, einem Schauspieler auf der Bühne, in die Augen. "Er trägt einen Raumanzug, er streckt die Hand nach Ada aus. Er kommt zu ihr, nimmt noch einmal seinen Helm ab und küsst Ada auf den Mund, er schenkt ihr den Kuss eines Kosmonauten. Es gibt keine Brücken zwischen Solaris und Erde, flüstert Sophia neben Ada. Es kann keine geben." All diese lebensklugen Erzählungen lassen kein Ende, sondern lediglich Hoffnung erkennen.

Autorin Hermann
Gaby Gerster/ S. Fischer

Autorin Hermann

Hermanns Meisterschaft der Andeutungen und ungesagten Worte schafft eine rätselhafte Atmosphäre. Ihre Geschichten haben zweite und dritte Räume, die der Leser sich selbst erschließen muss. Wie eine einzige Fotografie von der einen auf die andere Sekunde zwei Ehepartner einander fremd werden lässt, oder warum es ein junges Pärchen nach Odessa verschlägt, wo es an zwielichtige Zimmervermieterinnen gelangt, bleibt ungeklärt.

Als geradezu mysteriös verklärt muten die Begegnungen mit Kindern an. Während eine Ich-Erzählerin Kohlen für den Winter verräumt, erhält sie Besuch von einem Jungen namens Vincent, der im Jahr zuvor seine Mutter verloren hat. Vincent wird derweil im Zeichen des Verlusts zum schenkenden Heilsbringer. So lauten die letzten Zeilen dieser Geschichte: "und wir nahmen die Kohlen aus seinen kleinen schmutzigen Händen entgegen wie Hostien." Nur wenige Seiten danach erscheint nachts einer Frau ein anderer Junge mit samtenen Umhang, erleuchtet von einer "verschleppten, erschöpften Schönheit."

Allerhand Unausgegorenes und Phrasenhaftes

Das Sakrale und Unerklärbare schimmert unter der Oberfläche der Normalität hindurch, Ausgang und Ende stets offen. Statt auf durchkomponierte Dramaturgien und epische Spannungsbögen setzt Hermann auf Zwischenzonen und Schwebezustände. Skizziert werden Räume, die teils nicht mehr greifbar sind, eingefangen in Träumen und Retrospektiven.

Ein Foto erzählt von einer einstigen Reise zweier Frauen auf die Antillen. Wunderbar lässt Hermann die Stimmung kippen, als die Protagonistinnen beinah in einen Sumpf aus Drogen hineingezogen werden. Was Hermanns Figuren eint, ist die manchmal nur blitzartig einschlagende Erfahrung von Extremen, von Unerhörtem. Und nicht zuletzt das Gefühl der Einsamkeit. Es bleiben oftmals Welten, die irgendwann zerbrochen sind und Narben hinterlassen haben.

Unmittelbar vernimmt der Leser die Tonlage von "Alice" (2009), diesem zarten Lamento des Abschieds, worin Hermann ihre Heldin gleich fünf ihr nahe stehende Männer zu Grabe tragen lässt. Auch im aktuellen Band überwiegt das lakonische Sentiment.

Ja, Judith Hermann erweist sich erneut als Stimmgeberin ihrer Generation. Sie durchdringt deren Heimatlosigkeit und schreibt von Sehnsucht nach Orientierung und Heimat in einer Zeit, die sich allzu gut auf Auflösung, Dynamik und Vergessen versteht.

Doch wo die Sprache derart auf Authentizität baut, besteht ebenfalls die Gefahr, ins Seichte abzudriften. Allerhand Unausgegorenes und Phrasenhaftes ist in dem melodiösen Hermann-Singsang zu finden. Sätze wie "Früher ist das so gewesen, warum sollte es heute anders sein" oder "meine Mutter musste arbeiten, sie hatte dieses und jenes zu tun" verweigern sich der Eleganz, die ansonsten so unverwechselbar den Stil dieses Buches ausmacht.

Nun ja, selbst im Alltag schlägt so manches Wort daneben. Auch das gehört zur Wahrheit. "Lettipark" entspringt eben voll und ganz der Realität und weist dennoch sternhell auf ihre unbekannten Schattenseiten. Entstanden ist nicht mehr und nicht weniger als eine große Hommage an das Leben.

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