Moderne Laster Warum Snobismus schmerzt

Nach 30 Jahren erscheint Judith Shklars bedeutender Essay "Ganz normale Laster" auf Deutsch. Die Harvard-Philosophin nimmt dabei Begriffe wie Stolz oder Grausamkeit auseinander und legt so die moralischen Grundlagen säkularer Gesellschaften frei.

"Snobismus macht Ungleichheit schmerzhaft spürbar": Britischer Adel in Ascot
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"Snobismus macht Ungleichheit schmerzhaft spürbar": Britischer Adel in Ascot

Von Oskar Piegsa


Welches Laster ist das schlimmste: Grausamkeit? Heuchelei? Snobismus? Verrat? Misanthropie? Diese Frage steht am Anfang von "Ganz normale Laster", einem Essay der amerikanischen Politologin Judith Shklar. Blöde Frage, könnte man denken, ein Spielchen für gelangweilte Akademiker und überambitionierte Buzzfeed-Autoren. Warum sollte man ein Ranking des Fehlverhaltens erstellen, wo doch alle Laster ähnlich verwerflich sind?

Ob Autorin Shklar sich an der Harvard-Universität gelangweilt hat, ist nicht überliefert. Es darf bezweifelt werden, immerhin verbrachte sie nach ihrer Promotion im Jahr 1955 ihre gesamte akademische Laufbahn dort. Vom Buzzfeed-Verdacht kann Shklar gänzlich freigesprochen werden: Sie starb Anfang der Neunziger, lange vor dem Ausbruch der Listenmanie. "Ganz normale Laster" wurde im Original bereits 1984 veröffentlicht, erst 30 Jahre später liegt es nun in deutscher Sprache vor. Was trieb Shklar also zu ihrer Frage nach dem schlimmsten aller Laster?

Zunächst einmal ist es die Leerstelle, die Shklar in der westlichen Geistesgeschichte bemerkt: Die Philosophen dächten seit jeher über die Tugend nach, schreibt sie, die Theologen über die Sünde. Das Laster aber, das sich nicht gegen Gott richte, sondern gegen andere Menschen, beschäftige zwar die Schriftsteller, sei aber weitgehend unerforscht.

Dass die Autorin Grausamkeit, Snobismus, Verrat und Misanthropie "ganz normale Laster" nennt, ist nicht als Entschuldigung gemeint. Shklar bezieht sich mit ihrer Formulierung auf Michel de Montaigne, der in seinem Essay "Über die Menschenfresser" im 16. Jahrhundert argumentiert hatte, dass die spanischen Eroberer nicht weniger barbarisch seien als die südamerikanischen Völker, denen sie Zivilisation und Katholizismus brachten. Für Montaigne ist der Kannibalismus nicht schlimmer als die Laster, die in Europa als "ganz normal" gelten.

Wer liberal ist, hasst die Grausamkeit

Was hat es mit diesen Lastern also auf sich? Sind sie alle gleich schlimm? Nein, meint Shklar. Snobismus etwa definiert sie als "die Angewohnheit, Ungleichheit schmerzhaft spürbar zu machen". Sie selbst erlebte diese Betonung der Ungleichheit, wie ihr Übersetzer Hannes Bajohr in seinem biografischen Nachwort schreibt: Als Frau, Tochter jüdischer Eltern und europäische Exilantin an der Harvard-Universität war Shklar eine Außenseiterin. Das schlimmste aller Laster sei Snobismus aber nicht. In einer heterogenen und liberalen Gesellschaft sei er ein Stück weit unvermeidlich. Es werde immer Gruppen geben, die Einzelne ausschließen, selbst wenn das nicht das vornehmliche Anliegen dieser Gruppen sei.

Auch beim Verrat votiert sie dagegen, diesen unter den Lastern an die erste Stelle zu setzen. "Es sind zwei verschiedene Dinge, sich verraten zu fühlen und tatsächlich verraten worden zu sein", schreibt sie. Oft genug fühle man sich verraten, ohne dass ein Täter auszumachen sei. Überhaupt seien Loyalitätskonflikte alles andere als eindeutig: Was, wenn die Liebe mit sozialen Erwartungen in Konflikt gerät? Was, wenn wir vor der Wahl stehen, entweder unsere Freunde oder unser Land zu verraten? An welchem Maßstab soll man den Verrat messen?

Judith Shklar ist davon überzeugt, dass unter den "ganz normalen Lastern" die Grausamkeit das schlimmste sei. Damit offenbart sie ihre liberale Gesinnung: Wer Grausamkeit an erste Stelle setze, für den sei sie nicht mehr "mit Verweis auf etwas Höheres zu entschuldigen". Revolutionärer Gewalt wird dadurch ebenso die Grundlage entzogen wie exzessiver staatlicher Autorität - und der Religion.

"Grausamkeit aus vollem Herzen zu hassen, steht völlig im Einklang mit biblischer Religiosität", schreibt Shklar. "Sie an die erste Stelle zu setzen, lässt einen aber ein für allemal von aller Offenbarungsreligion Abschied nehmen, denn es bedeutet, ein rein menschliches Urteil über menschliches Verhalten zu fällen." Wer gläubig sei, der werde immer den Stolz an die erste Stelle setzen. Denn Stolz - die Verleugnung Gottes - sei die Vorbedingung aller anderen Sünden. Liberal zu sein bedeute, Grausamkeit an die erste Stelle zu setzen.

Mäandernde Argumente statt Provokation

Shklar veröffentlichte ihr Buch im amerikanischen Original 1984 zu einem Zeitpunkt, als der Begriff des "Liberalismus" nach einer mehr als zweihundertjährigen Erfolgsgeschichte zu entgleisen drohte. Als Selbstbezeichnung hatten ihn die meisten Amerikaner aufgegeben. Politiker der Demokraten nannten sich nicht mehr "liberal", sondern "progressiv". Im Alltagsgebrauch war "liberal" zu einem Schimpfwort geworden: Erst beschimpften die Rechten die Linken als Liberale, dann die Linken die Rechten als Neoliberale. Der Begriff verlor seine Bedeutung: Mal war Liberalismus in der Fremdzuschreibung gleichbedeutend mit Sozialismus und Dekadenz, mal mit Sozialdarwinismus.

In ihrem Essay formulierte Shklar keine Handlungsanweisungen für ihre Gegenwart. Sie war Theoretikerin, in der Praxis hielt sie Parteien und Bewegungen auf Distanz. Schon in den Achtzigern muss der Stil ihres Text auf ihre Leser zudem altmodisch gewirkt haben: Shklars Argumentation mäandert eher, als dass sie provoziert oder überzeugen will. Und ihre literarischen Beispiele und philosophischen Impulse findet die Autorin vor allem im 19. Jahrhundert. Nur selten macht sie den Sprung ins 20. Jahrhundert und kommt selbst dann fast nie über die Zeit des Zweiten Weltkriegs hinaus.

Dennoch ist "Ganz normale Laster" noch immer von seltsamer Aktualität. Heute scheint die Begriffsgeschichte des Liberalismus wieder - und dieses Mal auch in Deutschland - in einer Sackgasse zu stecken. Wer nennt sich noch liberal und bezeichnet damit etwas anderes als Klientelpolitik? Was kann liberale Politik anderes versprechen als kurzsichtige Steuersenkungen und die missglückte Deregulation der Märkte? Zu einer Zeit, in dem von der Beantwortung dieser Fragen das Überleben einer einst großen Partei abhängt, kommt Shklars drei Jahrzehnte alte Besinnung auf liberale Grundsätze sicher nicht zu spät.

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insgesamt 4 Beiträge
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dumsau 01.08.2014
1. Der Spiegel
beinhaltet also doch noch Perlen. Nice! Hinzugefügt: Gerade heute sind urliberale Grundeinstellungen wichtiger denn je... Da fällt mir Rene Girard ein, dessen Gedanken eine interessante Ergänzung bieten.
oberlehrer01 01.08.2014
2.
Vermutlich könnte man Enzyklopädien füllen mit den Inhalten, von denen Sie noch NIE gehört haben.
gustavsche 01.08.2014
3.
---Zitat--- Wer nennt sich noch liberal und bezeichnet damit etwas anderes als Klientelpolitik? ---Zitatende--- Ich nenne mich noch liberal. Die FDP ist nach wie vor liberal. Klientelpolitik gibt es übrigens in allen Parteien, egal wie sie sich nennen. Ich finde die Klientelpolitik der FDP nicht schlimmer als die der anderen Parteien. ---Zitat--- Was kann liberale Politik anderes versprechen als kurzsichtige Steuersenkungen und die missglückte Deregulation der Märkte? ---Zitatende--- Die FDP hatte viele Themen besetzt, nur haben Sie nicht darüber berichtet. Dennoch ist das Steuerthema ein sehr wichtigtes. Es ist ein Freiheitsthema, gerade angesichts der Tatsache, das wie über 50 % an den Staat abliefern müssen. Um Steuern zu erheben, muss auch Überwachung und Kontrolle her. Da haben Linke immer munter mitgestimmt. ---Zitat--- Zu einer Zeit, in dem von der Beantwortung dieser Fragen das Überleben einer einst großen Partei abhängt, kommt Shklars drei Jahrzehnte alte Besinnung auf liberale Grundsätze sicher nicht zu spät. ---Zitatende--- Das Problem der FDP ist, dass liberale Ideen in Deutschland nicht sonderlich populär sind. Klientelpolitik, z. B. für Apotheker, war notwendig, um überhaupt gewählt zu werden. Man sollte es auf keinen Fall Linken und Rechten überlassen, Liberalismus in ihrem Sinne zu interpretieren. Linke sagen häufig Liberalismus, meinen aber Libertinage. Rechte sagen häufig Liberalismus, meinen damit aber ausschließlich, dass ihnen niemand beim Geldausgeben reinquatscht. Andere liberale Werte sind ihnen abhold und wehe, ein Schwarzer oder ein homosexuelles Paar zieht in die Nachbarschaft. Dann quatscht er denen ins Leben, wenn auch nichts Geldausgeben. Die FDP muss sich gegen beide Seiten klar abgrenzen. Es gibt weder einen Linksliberalismus noch einen Nationalliberalismus. Nur wenn sich die FDP weiterhin von beiden Seiten klar abgrenzt, ist sie für mich wählbar.
stinkfisch1000 02.08.2014
4. Weil
Liberale in Deutschland eine vom Aussterben bedrohte Minderheit sind, sollten sich doch eigentlich die Grünen für sie stark machen.
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