Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Die Kunst des Holocaust: Bilder aus Brot und Blut

Von Karoline Kuhla

Sie waren Opfer, aber sie waren auch Künstler: Ein Buch würdigt die Menschen, die in den Lagern und Gettos der Nazis gemalt haben. Ihre Werke sind mehr als nur historische Quellen.

Ist ein Karriereschritt nicht ein idealer Anlass, um sich porträtieren zu lassen? Am besten ganz klassisch in Öl? So oder so ähnlich muss sich Karl Bischof das gedacht haben, als er am 1. Februar 1943 zum SS-Sturmbannführer befördert wurde. Als Erinnerung ließ er sich an seinem Arbeitsplatz malen - im Konzentrationslager Auschwitz.

In warmen Rot-, Beige- und Brauntönen zeigt das Ölgemälde eine Baustellenszene unter blauem Himmel: Männer, die einen Rohbau errichten, im Hintergrund ein Kran, in der Mitte Gleise, davor Bischof selbst, unverkennbar in SS-Uniform mit Totenkopf-Kappe. Gemalt hat es der Pole Wladyslaw Siwek, KZ-Häftling Nummer 5826.

Das Bild ist nur eines von vielen Kunstwerken, die während des Dritten Reichs in Konzentrationslagern entstanden sind. Anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Alliierten am 27. Januar findet im Deutschen Bundestag eine Ausstellung solcher Werke statt. Bereits jetzt erscheint das begleitende Buch "Der Tod hat nicht das letzte Wort. Kunst in der Katastrophe 1933-1945", geschrieben von dem Kurator Jürgen Kaumkötter.

Zarte Porträts und zynische Karikaturen

Der Kunsthistoriker beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit der "Kunst der Katastrophe", wie er sie nennt. Damit sind Kunstwerke gemeint, die im unmittelbaren und mittelbaren Einflussbereich des nationalsozialistischen Terrors entstanden sind, ab Mitte der Dreißiger- bis Ende der Vierzigerjahre, im Deutschen Reich oder in den von den Deutschen besetzten Gebieten. In seinem Buch gibt er einen Überblick über die Fülle und Vielfalt der Kunstwerke.

Fotostrecke

4  Bilder
Die Kunst des Holocaust: Auschwitz in Öl
Kaumkötter thematisiert die Problematik der Opferkunst und versucht, die Bilder von einer rein historischen Betrachtung zu befreien, sie stattdessen unter künstlerischen Aspekten zu beurteilen. Im Gegensatz zur Rezeption der Kunst während und nach dem Ersten Weltkrieg, die heute als fester Bestandteil der Kunstgeschichte gilt, finde die Kunst des Holocaust noch immer nicht die angemessene Beachtung, so Kaumkötter.

Die Sammlung enthält Werke aus den Schreckensjahren sowie Arbeiten, die den Holocaust in der Nachkriegszeit thematisieren - und offenbart dem Leser darin eine große Vielfalt: von Zeichnungen schlichter Alltagsszenen im KZ über zarte Porträts, die nur anhand der Häftlingskleidung der Porträtierten verortet werden können, bis hin zu zynischen Karikaturen. Während Bilder, die in Konzentrationslagern entstanden, meist ganz alltäglich das Gesehene abbilden, retten sich Werke aus der Zeit danach meist in die Sprache der Metaphern - zu grausam war das Erlebte, sind die Bilder im Kopf, um sie ungefiltert wiederzugeben. So wird der Stacheldraht zum Symbol der Konzentrationslager, stehen ausgemergelte Gesichter und Gliedmaßen für den allgegenwärtigen Tod, symbolisieren triste Landschaften die Hoffnungslosigkeit.

Der Realität entfliehen

Möglich wurde die Kunst aus den Konzentrationslagern auf diversen Wegen. Teilweise erreichten Rot-Kreuz-Pakete mit Aquarellfarben, Pinseln und Papier die Lager. Manche Häftlinge konnten durch ihre Zuteilung zu administrativen Arbeitskommandos auf Papier, Stifte und Farbe zugreifen, einige kratzten Farbe von den Wänden und rieben Pigmentbrocken frei. Aber auch mit Kohle, Bleistiftstummeln, Brot, Blut oder Kot wurde gemalt und gezeichnet.

Nicht alle Bilder entstanden heimlich. Lagerkommandant Rudolf Höß entdeckte während eines Rundgangs in Auschwitz den polnischen Häftling Franciszek Targosz beim Zeichnen von Pferden und kam dadurch auf die Idee, ein Lagermuseum im Stammlager einzurichten. Verschiedene polnische Häftlinge kamen in diesem Museum zusammen, um zu malen und zu zeichnen, der Realität zeitweise zu entfliehen. Diese, aber auch illegal entstandene Kunstwerke waren - wie alles andere in Auschwitz - Teil des Handelssystems. Künstlerisch begabte Häftlinge konnten so ihre Überlebenschancen erhöhen. SS-Angehörige wurden von Häftlingen mit Kunstwerken bestochen. Manche gaben sogar Arbeiten in Auftrag.

So sollte beispielsweise der inhaftierte Künstler Wincenty Gawron 1942 für den SS-Oberscharführer Ludwig Plagge anhand einer Fotografie ein Porträt von ihm mit seinem Schäferhund anfertigen. Gawron schreibt darüber später in seinen Erinnerungen: "Ich machte also Porträts von zwei Hunden, einer im (Hunde-)Halsband, der andere in der Uniform eines SS-Mannes. (...) Als Gnadenbeweis erhielt ich zwei Stück Brot und zehn deutsche Zigaretten."

Viele der in den Konzentrationslagern entstandenen Kunstwerke sind für immer verloren. Doch einige wurden aus den Lagern geschmuggelt und sind Zeugnisse der ungeheuren Schaffenskraft ihrer Schöpfer in Zeiten größter Not. Sie beweisen, welche Hoffnung Kreativität wecken kann.

Diesen Künstlern widmet Jürgen Kaumkötter uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Nicht, weil sie Opfer des Holocaust, sondern weil sie Künstler waren.


Buchangaben:
Jürgen Kaumkötter: "Der Tod hat nicht das letzte Wort. Kunst in der Katastrophe 1933-1945". Galiani Berlin; 325 Seiten; 39,99 Euro. Erscheint am 8. Januar.

Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps
Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Anzeige


Gute Ideen für die Schule gesucht!

Facebook
Anzeige

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: