Liebesroman "Selbstporträt mit Bonaparte": Nichts geht mehr

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Sie spielen mit hohem Einsatz: Ein Mann und eine Frau verlieben sich im Casino - und führen fortan eine Zockerbeziehung, unberechenbar wie die Roulettekugel. Ausgerechnet aus dieser trashigen Konstellation macht Julia Schoch einen der klügsten Romane der Saison.

Julia Schoch: Tochter eines NVA-Offiziers in einer mecklenburgischen Kasernenstadt Zur Großansicht
Jürgen Bauer

Julia Schoch: Tochter eines NVA-Offiziers in einer mecklenburgischen Kasernenstadt

Wer Pech im Spiel hat, hat Glück in der Liebe, behauptet der Volksmund. Und umgekehrt: Wer Glück im Spiel hat, hat Pech in der Liebe. Ein Trost das eine, eine Warnung das andere, ein Aberglaube beide. Doch was ist, wenn Spiel und Liebe zusammentreffen, wenn sich beide gegenseitig bedingen? Julia Schoch, 38, hat ein schmales Buch geschrieben, in dem das Glück in der Liebe aus dem Glück im Spiel folgt. Zumindest zeitweise. "Selbstporträt mit Bonaparte" heißt der Roman, der zu den leisesten zählt, die in dieser Saison erschienen sind. Und zu den klügsten.

Die Ich-Erzählerin begegnet bei einem Historikerkongress einem Mann. Abends fahren sie in ein Casino an der Ostsee und erleben gemeinsam ihr erstes Mal: ihr erstes Mal Roulettespielen. Sie versiebenfachen ihr Tagungshonorar - und haben fortan einen Gründungsmythos, auf dem sie eine Beziehung aufbauen. Eine Beziehung, die ähnlich unberechenbar ist wie der Lauf der Roulettekugel.

Der Mann, Bonaparte genannt, kommt und geht, wann er will, bleibt nie länger als eine Nacht, schmiedet nie Zukunftspläne. Er richtet nie auch nur ein zärtliches, liebevolles, leidenschaftliches Wort an seine Freundin; seine Leidenschaft gilt dem Spiel. Mehr als 600-mal geht er mit ihr ins Casino, bis er eines Tages geht, wohin auch immer und nicht zurückkommt. In diesem Moment setzt die erzählte Gegenwart ein: Die Ich-Erzählerin schreibt Bonaparte ein Buch hinterher. Ein Buch, das die Zeit anhalten soll, wenigstens so lange, wie sie an ihm schreibt.

Ein Casino verbannt die Zeit

Die Zeit anhalten, sie außer Kraft setzen - das ist für die Ich-Erzählerin auch die Qualität des Roulettes: "In jener langen Sekunde, wenn die Kugel noch unterwegs ist, wenn sie sich noch nicht entschieden hat für eine Zahl, ist alle Zeit ausgelöscht. Keine Zukunft, keine Vergangenheit. Für diesen einen Moment kann man beruhigt sein, die Welt, sie wartet noch." Wie sie überhaupt verbannt ist aus den Casino-Gebäuden: die Fenster verhangen, die Geräusche gedämpft, zu hören fast nur das Klacken, mit dem sich Zahl an Zahl zu Endlosketten fügt. "Mit ihren überschaubaren Regeln, den uhren- und also zeitlosen Interieurs, ihren samtenen Abpolsterungen gegen das Draußen sind sie die sichersten Orte der Welt", schreibt die Ich-Erzählerin. Casinos sind eben keine Orte, die unberechenbar sind, sondern sie sind in ihrer ritualisierten Unberechenbarkeit höchst berechenbar. Anders als die Liebe. Und anders auch als die Geschichte.

Die Hauptfiguren sind beide Historiker, Angehörige einer Berufsgruppe also, die dazu neigt, unverbundene Ereignisse im Rückblick zu ordnen und zu verbinden, die also dazu neigt, eigentlich chaotischen Entwicklungen im Rückblick eine Kontinuität zu unterstellen und einen Sinn zu verleihen. Beim Blick auf ihr eigenes Leben aber erkennt die Ich-Erzählerin keine Kontinuität: Aufgewachsen im Osten Deutschlands, träumte sie als Kind davon, als Erwachsene in die neuen Plattenbauten am See einzuziehen. Ein Traum, der ihr mit der Wende abhanden kam. Ein Traum, der über Nacht altmodisch wurde - und im Rückblick nur noch lächerlich wirkte.

Ein Mensch verliert die Geschichte

Der Romanautorin Schoch, aufgewachsen als Tochter eines NVA-Offiziers in einer mecklenburgischen Kasernenstadt, geht es um weit mehr als um die Frage, was mit einem Menschen geschieht, der eine Liebe verliert. Es geht ihr um die Frage, was mit einem Menschen geschieht, der seine Geschichte verliert, seinen Halt, seinen Glauben an Kontinuität.

Die Ich-Erzählerin ist konfrontiert damit, dass ihre Heimatstadt ihr architektonisches Gesicht verändert: weg vom Sozialismus, hin zum Historismus. Pe nennt sie diese Heimatstadt, und es spricht vieles dafür, dass sich dahinter Potsdam verbirgt, die Stadt, in der die Autorin Schoch zu Hause ist und wohl selbst viele Tage an Roulettetischen verbracht hat: Es habe Zeiten gegeben, verriet sie in einem Interview beim Poetenfest in Erlangen, da habe sie sich jeden Tag eine halbe Stunde in einem Casino aufgehalten.

Die ort- und zeitlosen Casinos bieten der Ich-Erzählerin Zuflucht vor der Umgestaltung der Stadt. Und Zuflucht bietet ihr Bonaparte, der ebenfalls aus dem Osten stammt: "Vielleicht ist der einzige Grund für die Liebe heutzutage tatsächlich der, dass man ein gleichartiges Wesen braucht, um seine Vergangenheit, also sich selbst, nicht zur Erfindung werden zu lassen." Die vergangenen Dinge, über die sie mit Bonaparte spricht, hatten mit ihrem Leben in der Gegenwart, so kommt es ihr vor, nicht das Geringste zu tun: "Sie hatten zu nichts geführt, wirkten vom Heute aus betrachtet seltsam unnütz."

Die einzelnen Momente der Menschheitsgeschichte, räsoniert die Ich-Erzählerin, "waren nicht Stufen, sondern Pontons, den festen, breiten Blättern von Seerosen nicht unähnlich, die im ewigen Ozean der Zeit trieben und zwischen denen keinerlei Verbindung bestand". Und so ist "Selbstgespräch mit Bonaparte" vielleicht weniger ein schmaler Roman als ein dicker Essay: ein Selbstgespräch über die Liebe, das Spiel und die Zeit. Ein geschichtsphilosophischer Entwurf.

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