Neuer Julian-Barnes-Roman In der Tonart der Angst

Der Komponist Dmitri Schostakowitsch litt lebenslang am Sowjetregime und schuf trotzdem ein großes Werk. In seinem neuen Roman beschreibt der englische Autor Julian Barnes die zerrissene Seele des Komponisten.

Dmitri Schostakowitsch, 1949 in New York
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Dmitri Schostakowitsch, 1949 in New York

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Künstlerroman! Oft weckt das Etikett zwiespältige Erwartungen, zumindest, wenn es um traditionelle Biografien geht. Langeweile durch Werdegang, Höhen und Tiefen der Karriere, Anfänge und Erfolge, Ruhm und Niederlagen, alles meist bekannt.

Wie der englische Autor Julian Barnes ("Flauberts Papagei") in seinem neuen Roman "Der Lärm der Zeit" mit seinem Protagonisten umgeht, das bringt andere Töne ins Spiel. Es geht um dem russischen Großkomponisten Dmitri Schostakowitsch (1906-1975), nicht nur eine der herausragenden Künstlerpersönlichkeiten der Sowjetunion, sondern auch eines der prominentesten Opfer von Stalins Kultur-Diktatur.

Schostakowitschs Auseinandersetzungen mit der Sowjetrepression und ihrer Wirkung auf Psyche und Schaffenskraft nehmen naturgemäß breiten Raum in Barnes' Roman ein, aber deren Details sind nicht das eigentliche Thema. Die Auswirkungen dieses Drucks und der ständigen Bedrohungen sind es, die Barnes hautnah aus dem subjektiven Erleben des Komponisten schildert. Durch knappe und schlichte Sprache bildet Julian Barnes die Sichtweise des Opfers nach und schafft so eine Mischform aus Tagebuchanmutung und betrachtender Beschreibung. Die unterhält blendend.

Strawinsky verweigerte sich

"Er liebte das Schlagen von Uhren.": Auf den rund 240 Seiten des Romans bombardiert Julian Barnes den Leser förmlich mit Details aus Schostakowitschs Leben und Erleben, anekdotisch und in leicht konsumierbaren Absätzen. Meist geht der Autor chronologisch vor, verstärkt das Geschehen aber auch durch zeitübergreifende Einschübe. So erfährt man klipp und klar, weshalb Schostakowitsch mit zweitem Vornamen nicht Jaroslaw heißt, wie ihn seine Eltern taufen lassen wollten: Der Priester hatte sich aus rein geschmacklichen Gründen schlicht geweigert. Da blieb in der Eile nur Dmitrijewitsch übrig.

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Julian Barnes:
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Es heißt stets "er", aber die Beschreibungen, die Barnes auffächert, könnten ähnlich auch Schostakowitschs Memoiren stehen, lesen sie sich doch wie akribisch ausformulierte Tagebuchnotizen. Barnes nimmt die Erzählhaltung des allwissenden Autors ein, der aber durch empathische und analytische Darstellung kunstvoll Nähe und Distanz gleichzeitig simuliert.

Prägende Erlebnisse wie die erste USA-Reise Schostakowitschs als Mitglied einer sowjetischen Delegation, sein Kulturschock angesichts der rüpelhaften freien Presse, die Verweigerungshaltung seines Idols Strawinsky in New York und die Verblüffung über seinen eigenen enormen Stellenwert in der Hochburg des Kapitalismus - all das beschreibt Julian Barnes aus Schostakowitschs Sicht so klar und stringent, dass es die Schwierigkeiten des oft schizophrenen Künstlerlebens fast schon zu leicht lesbar macht. Schostakowitsch jedenfalls kommt dem Leser in seiner Mischung aus Irritation und skeptischer Wahrnehmung sehr nahe.

Geschmäht und gedemütigt

Schwerer wiegen jedoch die Momente der nackten Existenzangst. Die Vorkommnisse im Rahmen von Stalins Visite im Bolschoitheater sind bekannt: Um Schostakowitschs bis zu diesem Januar 1936 erfolgreiches und staatlich eigentlich akzeptiertes Musikdrama "Lady Macbeth aus Mzensk" zwei Jahre nach der Uraufführung zu begutachten, erschien Stalin samt Entourage in der Oper. Sein Missfallen wurde der Auslöser zur folgenden künstlerischen Verbannung des Komponisten, denn Stalin verließ seine Loge in der Pause.

Der Schriftsteller Julian Barnes
Getty Images

Der Schriftsteller Julian Barnes

Für manche Künstler konnte solch eindeutige Bekundung schon fast das Todesurteil bedeuten, und nichts weniger befürchtete Schostakowitsch. Er wurde zwar "nur" geächtet, seine Oper verschwand von allen Spielplänen und seine Kunst wurde öffentlich geschmäht. Eine demütigende Kniefallsorgie musste folgen, während der er künstlerisch nur durch äußerste Finesse und kreative Schlenker überlebte. Schostakowitsch komponierte zeitweise virtuos in der Tonart der Angst. Diese gefährliche Lebensphase touchiert Julian Barnes nur peripher und entgeht der Chronistenlangeweile gängiger Biografien. Er arbeitet sich nicht an Eckdaten ab, sondern lässt Schostakowitschs schwankenden Emotionen, seiner Kraft und seinen Zweifeln Raum.

Unter Stalins Schatten

Wer in Leben und Werk Dmitri Schostakowitschs eintauchen will, für den findet sich reichlich klassisch biografische Literatur. Wer den Künstler und Menschen umweglos und intim kennenlernen möchte, sollte ohne Zögern zu Julian Barnes "Der Lärm der Zeit" greifen. Noch wichtiger allerdings als alle Literatur in Sachen Schostakowitsch ist seine Musik, die immer wieder Anlass zu neuen Interpretationen bietet. Zum Beispiels durch den kongenialen Dirigenten Andris Nelsons, der seinem Schostakowitsch-Zyklus den bezeichnenden Titel "Under Stalin's Shadow" gab.

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WagnerHessen1971 16.02.2017
1. Tolles Buch
Gibt es auch in englisch als erstklassiges Hörbuch!
Metalfan 16.02.2017
2.
seine 15. und letzte Sinfonie endete mit einer tickenden Uhr.
fucus-wakame 16.02.2017
3. Neapolitanischer Sextakkord
Danke für diesen guten Bericht mit wichtigen Hintergründen. Vielleicht lässt sich zukünftig - oder auch hier im Forum - sein Verhältnis zum Neapolitanischen Sextakkord diskutieren?
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