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Zwangsarbeit: Sklavendienst für Stalin

Von Thomas Andre

Julius Margolin überlebte im Zweiten Weltkrieg ein sowjetisches Arbeitslager. In "Reise in das Land der Lager" erzählt der Journalist von Auszehrung, Schinderei und Verrohung. Sein Augenzeugenbericht erscheint nun erstmals komplett auf Deutsch.

Irgendwann schafft es der Häftling Julius Margolin, in die Töpferei versetzt zu werden. Das ist besser, als Bäume zu fällen bei arktischen Temperaturen oder Züge zu beladen. Aber Hunger hat er trotzdem immer, denn im Arbeitslager ist alles genormt. Wer die Norm nicht erfüllt, muss hungrig bleiben. Nur wer viel arbeitet, bekommt annähernd genug zu essen. Und wer immer Hunger hat, arbeitet schlecht.

Ein Teufelskreis. Jeder schleppt sich durch, kämpft für sich - und dann gibt ihm eines Tages eine junge Frau, Jüdin wie er, die Hälfte ihres Brotes. Seine Lippen erzittern vor Dankbarkeit, weil er sofort ermessen kann, was diese Geste bedeutet an einem Ort, wo sonst jeder dem anderen für ein Stück Brot die Kehle durchschneiden würde.

Es ist 1941, Margolin befindet sich im Lager Krugliza im Norden Russlands, erst vier Jahre später wird er entlassen. Mit Anfang 40 nennt man ihn hier "Großvater", er ist über Nacht steinalt geworden. Er ist ein wandelnder Geist, körperlich zermürbt, der mit unzähligen anderen für das Sowjetreich schuftet. Er kommt im Arbeitslager am Ende vielleicht nur deswegen nicht um, weil er später als Invalide längere Zeit nicht hart arbeiten muss. Sein Überleben ist purer Zufall: Millionen Häftlinge starben in der Sowjetzeit wegen der menschenverachtenden Bedingungen des Gulag.

Einer der großen Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts

Julius Margolin, der 1900 in Pinsk geborene polnische Jude, ist einer der großen Zeitzeugen des blutigen 20. Jahrhunderts. Von 1940 bis 1945 musste er fünf Jahre lang in den Lagern der Sowjets arbeiten. Während Europa im Vernichtungskrieg der Nazis unterging und die europäischen Juden ausgelöscht wurden, hackte der Intellektuelle Margolin, der seit 1936 in Tel Aviv lebte, Holz für die sozialistische Gesellschaft in den Weiten Nordrusslands. Margolin, Journalist, stammte ursprünglich aus dem multiethnischen Raum Osteuropas. Er war 1939 nur zu Besuch in seiner alten polnischen Heimat, als er vom Kriegsbeginn überrascht wurde. Aus den von den Deutschen besetzten Gebieten floh Margolin zunächst auf die andere Seite. Dort wurde er Zeuge, wie die Polen die Soldaten der Roten Armee als Befreier begrüßten. Vom Hitler-Stalin-Pakt wussten sie da noch nichts.

Dann begannen die Russen in den annektierten Gebieten mit ihrem ethnischen und politischen Säuberungsprogramm. Sie entmachteten die einflussreichen Gesellschaftsschichten, siedelten Hunderttausende um und verschleppten ebenso viele in die Lager. Im Juni 1940 wurden alle diejenigen deportiert, die den sowjetischen Pass abgelehnt hatten, knapp 80.000 Menschen, die meisten von ihnen Juden. Margolin war einer von ihnen, er versuchte vergeblich, über die rumänische Grenze zurück nach Palästina zu gelangen.

Was folgte, war die "Reise ins Land der Lager", wie sein nun erstmals ganz auf Deutsch erscheinender Bericht heißt: ein Blick in den Abgrund des ideologisch munitionierten Sowjetreichs, das den Sozialismus gegen den Faschismus stellte. Anders als das Nazi-Regime hatten die Sowjets ihr Lagerwesen nicht auf die totale Eliminierung ganzer Volksgruppen hin angelegt.

Im Mahlstrom eines mörderischen Systems

Trotzdem war es eine Unterwelt, in die Margolin kam, als er in den Mahlstrom des mörderischen Systems geriet. Er lernte den Sozialismus, der Pläne und Normen über alles stellte, von seiner dunkelsten Seite kennen. Sklavendienst für Stalin, das bedeutete für Millionen Häftlinge in Hunderten Lagern Schwerstarbeit bei Kälte und ständigem Hunger. Die Schwächsten unter ihnen vegetierten als entmenschlichte "Dochodjaga" ("die am Ende sind") Monate und Jahre vor sich hin, bevor sie starben - Zombies mit Sichel und Hammer.

Das Arbeits- und Erziehungslager als Horrorshow des Sozialismus: Auszehrung und Schinderei waren eine unmenschliche Prüfung, für Margolin war die Zeit in der Strafkolonie eine Reise in die Hölle mit immer neuen Szenen. So lange wie er überlebten nicht viele das Lagersystem. Die Zahl der insgesamt seit 1918 zum Arbeitsdienst verurteilten Menschen konnte nie genau ermittelt werden, ebenso wenig die der Toten. Manche sprechen für die gesamte sowjetische Ära von annähernd 40 Millionen Gulag-Toten. Als Opfer von Stalins Umsiedlungen kamen nach 1940 Schätzungen zufolge mindestens zwei Millionen Polen nach Russland.

Als Vertreter einer gebildeten polnischen Schicht verstand Margolin sich als Anwalt des Westens. Er hatte in Berlin und an der Sorbonne studiert, für ihn waren die Zustände in der Sowjetunion barbarisch und rückständig. Der Genozid der Nazis, der gleichzeitig in Mittelosteuropa stattfand, war für Margolin weit weg. Dabei bewahrte ihn die Haft im Gulag vor der Vergasung im KZ: Das war die paradoxe Logik des Zweiten Weltkriegs.

Als die Sowjetunion und Deutschland sich 1941 den Krieg erklärten, wurden viele Polen aus den Lagern entlassen, um in einer russisch-polnischen Allianz gegen Hitler zu kämpfen. Als Jude gab es für Margolin keine Amnestie. Er blieb bis Kriegsende im Lager und durfte erst 1946 nach Tel Aviv zurückkehren. Als Aktivist und Journalist trat er danach jahrzehntelang für die sowjetischen und die in den Gulags gefangen gehaltenen Juden ein, ehe er 1971 starb. Gekürzt erschien "Reise ins Land der Lager" erstmals 1949 auf Französisch, 1952 in New York auf Russisch, 1965 auf Deutsch. Seinen Bericht dachte Margolin sich, auch im Pathos der Zeit, in der er entstand, als Fanal gegen das zur Norm erhobene Verbrechen - "jedes Verbrechen, das auf der Welt geschieht, muss unüberhörbar beim Namen genannt werden".

In Israel aber wollte nach dem Krieg niemand etwas über die Gulags erfahren. Die Sowjets waren schließlich die Befreier vom Faschismus, und Margolins Text war wie Margarete Buber-Neumanns Augenzeugenbericht oder später Solschenizyns "Archipel Gulag" eine genaue Beschreibung des zynischen sowjetischen Repressionssystems, eine unter den Vorzeichen des abendländischen Humanismus verfasste, glühende anti-stalinistische Schrift.

Die Anhänger des Sozialismus im Westen beschuldigte der Autor Margolin früh der romantischen Verklärung. Er wusste, dass auch die Menschen außerhalb der sowjetischen Lager nicht wirklich frei waren.

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