Jung-Autor Jörg Albrecht Auf Power schalten

So wie Jörg Albrecht schreibt, schreibt keiner. Sein Debüt-Roman "Drei Herzen" ist Musik, mehrspurig um sich selber kreisend. Ein Buch, das man hören muss.

Von Jan Brandt


Die Eingangstür einer Dachgeschosswohnung in der Dortmunder Mallinckrodtstraße markiert die Grenze zwischen Alltag und Fiktion. An ihr klebt ein Zeitungsausschnitt: "Die Popmusik hat ein Zuhause." Es ist die Zweiraumwohnung von Jörg Albrecht, einem der talentiertesten Autoren seiner Generation.

Autor Albrecht: Hasardeur des Literaturbetriebs

Autor Albrecht: Hasardeur des Literaturbetriebs

Spätestens im Flur offenbart sich, dass es keinen Unterschied gibt zwischen den zitatlastigen Texten und der Welt aus Zeichen, in der er lebt. Überall, an den Türrahmen und Wänden, Spiegeln und Schränken hängen Zettel und Schnipsel, Dutzende, Hunderte, herausgerissene Seiten, kopierte Sätze und Poster von Popstars, vor allem von Tocotronic. Und mit seiner schwarzen Hornbrille, der Scheitellocke und bunten Trainingsjacke sieht er so aus, als wäre er Teil einer Jugendbewegung, die, anders als ihre Hamburger Vorbilder, nicht erwachsen werden will.

Gerade ist sein erstes Buch "Drei Herzen" erschienen. Es ist ein sprachliches Experiment, ein Sound- und Referenzsystem, dessen Eckpunkte bereits vor Beginn der ersten Seite abgesteckt werden. Denn da zitiert Jörg Albrecht die Schriftsteller Gertrude Stein und Rolf Dieter Brinkmann und die Band Tocotronic – und verweist damit auf das, was kommt: Avantgarde und Pop und eine Art Indie-Literatur, wie es sie derart radikal in Deutschland seit den sechziger Jahren nicht mehr gegeben hat.

Jörg Albrecht, geboren 1981 in Bonn, ist ein literarischer Hasardeur, verwegen stürzt er sich in die Welt der Zeichen. Er begann an der Ruhr-Universität in Essen Komparatistik, Germanistik, Geschichte und Theaterwissenschaften zu studieren, kurz darauf nahm er an einem Schreibkurs, am so genannten "Literaturlabor" in Wolfenbüttel teil, zusammen mit Rabea Edel, Nora Bossong und Finn-Ole Heinrich (alle Jahrgang 1982), die ebenfalls gerade ihre Debüts veröffentlicht haben. Ein Jahr später war er beim Klagenfurter Literaturkurs dabei. Und 2004 wurde sein Libretto "Notstrom" von der Staatsoper Hannover im Heizkraftwerk Linden aufgeführt.

Für das Junge Schauspielhaus Bochum inszenierte er Rilkes Roman "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" und schrieb zwei eigene Theaterstücke "Worin noch niemand war [Ein Heimatfilm]" und "Immer verschwinden [Vorderseite C64 Rückseite Atari]".

Literatur, technisch gesehen

Sein bisher größter Erfolg war der Auftritt beim Literaturwettbewerb Open Mike im vergangenen Jahr in Berlin. Da trat er mit einem umgeschnallten Tonbandgerät ans Pult und las einen Text mit dem Titel "Blutanfall//Bildpunkte" aus dem Typoskript von "Drei Herzen".

Einer, der dabei war, Ijoma Mangold, Redakteur der "Süddeutschen Zeitung", beschrieb die Performance später so: "Alle zwei Minuten greift seine rechte Hand zum Tonbandgerät und drückt auf ‚Play’. Dann verdoppelt sich der Text: Wir hören ihn synchron einmal live, einmal vom Band. Worum es in dem Text geht, ist nicht so leicht zu sagen, aber man merkt sofort: Das ist kein Einwand." Das sah die Jury ähnlich und gab ihm einen der drei Preise.

Jörg Albrecht erzählt in "Drei Herzen" die Geschichten von drei Generationen. Die der Großeltern, die einer Widerstandsjugendbewegung im Dritten Reich angehören. Die der Eltern, die 1968 für eine Aufarbeitung der Vergangenheit demonstrieren. Und die der Kinder, die mit Hilfe alter und neuer Medien die eigene und die familiäre Identität zusammenzusetzen versuchen.

Real? Medial!

In der jüngsten deutschen Literatur ist dieses Aufarbeitungsverfahren der Enkel inzwischen zu einem Topos geworden. Jörg Albrecht geht es jedoch nicht um den Plot, sondern um Sprache, um Erinnerung und Vergessen, um Aufzeichnungsgeräte und deren Schwächen, um Medien und Wissen, um die Lücken des Lebens und die banale Erkenntnis, dass jede noch so manisch betriebene Form von realistischem Schreiben niemals die Wirklichkeit abbilden kann und ein Text immer ein Text sein wird.

"Auf Power schalten", lautet der erste Satz, und der ist wörtlich zu nehmen. Jörg Albrecht fährt die Regler hoch, bis die Boxen bersten: "Die Schüsse platzen auf, im Ohr, nur im Ohr, die Schüsse platzen nicht auf dem Gesicht auf, als rote Farbpatronen, als runde rote Knöpfe an den Schläfen oder neben den Augen. Ein Aufnahmeknopf reicht ... mein blutendes Gesicht im Vordergrund, die vielen Schatten, das viele spritzende Blut [nur als Schatten] im Hintergrund, Hauptszene oder Nebenszene, [finde den Unterschied]."

Jörg Albrechts assoziative, am Klanglichen orientierte Schreibweise rückt die Medien in den Vordergrund, sie sind die eigentlichen Protagonisten. Markennamen – Kennzeichen von Popliteratur der dritten Generation wie Christian Krachts "Faserland" oder Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" – erwähnt er nur im Zusammenhang mit Aufzeichnungs- und Abspielgeräten und deren Accessoires: Sennheiser-Kopfhörer, BASF-Kassetten, Grundig-Stenorette 2000, Voigtländer Vito I, Kodak Ektasound 130 Movie Camera, Sony Digital 8. Fast alles, was seine Figuren hören und sehen, beschreibt Albrecht über das, was ihnen Tonbandaufnahmen und Filme vermitteln. Die Wirklichkeit findet außerhalb des medialen Systems nicht statt. Real ist nur das, was verfügbar ist.

Im Netz der Zeichen, im Zeichen des Netzes

Und dieser Rückgriff auf ein persönliches Archiv, diese ständige technische Selbstvergewisserung erscheint sehr aktuell, vor allem im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung des Internets als Erlebnismaschine. Albrecht gehört einer Generation von Autoren an, die von Anfang an – noch vor der ersten Buchveröffentlichung – alle Plattformen ausnutzt: Auf seiner Homepage gibt es Hörproben, Fotos und Textauszüge, auf MySpace die Links zu seinem virtuellen, privaten und künstlerischen Leben.

Vielleicht wäre es angesichts der neuen technischen Möglichkeiten angemessener gewesen, "Drei Herzen" auch als DVD zu veröffentlichen, als ersten richtigen Pop-Roman, als das, was er seinem Wesen nach sein will: entgrenzend und explosiv, das Format Literatur sprengend, eine gewaltige multimediale Frontalattacke.

Als Buch funktioniert "Drei Herzen" nicht immer einwandfrei: Es rockt, aber es ist viel zu leise. Es ist aufregend, aber viel zu lang. Zum Ende hin wirkt "Drei Herzen" daher wie eine alte Vinylscheibe, bei der die Nadel an der besten Stelle hängen bleibt. Das ist ein Einwand. Aber nicht gegen das Prinzip des Textes. Mit "Drei Herzen" gelingt Jörg Albrecht das Unmögliche: die Gegenwartversessenheit des Pop mit der Vergangenheitsversessenheit der Literatur zu vereinen. Die Postpopliteratur hat ein Zuhause.


Jörg Albrecht: "Drei Herzen". Roman. Wallstein Verlag, Göttingen, 240 Seiten, 19,90 Euro.



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