Postkarten als Literatur Jurek Beckers Zärtlichkeiten

Er schrieb "Jakob der Lügner" und "Liebling Kreuzberg". Doch Jurek Becker war auch ein begnadeter Verfasser von Postkarten, er hat Hunderte an seine Frau und Freunde geschrieben. Die schönsten werden jetzt veröffentlicht.

Suhrkamp

Von


Eine der letzten Postkarten trägt das Datum 31.1.1997. Sie ist adressiert an Ottilie Krug, genannt Ti, die Ehefrau des Schauspielers Manfred Krug.

"Liebe Ti, ich habe ein Problem, bei dem mir niemand raten kann. Nachdem ich mit 'Liebling' fertig bin, muss ich mich für eins von drei Roman-Projekten entscheiden. Das erste würde mindestens drei Jahre (!) dauern, das zweite etwa zwei und das dritte kaum mehr als ein halbes, es wäre eine längere Erzählung. Wenn ich der Statistik vertraue, sollte ich mich für das dritte entscheiden; aber wenn ich auf mein Herz höre (also auf Christine), unbedingt fürs erste. Das sind Entscheidungen! In Liebe Dein Jurek"

Sechs Wochen später hörte sein Herz auf zu schlagen. Der Schriftsteller Jurek Becker starb mit noch nicht mal 60 Jahren in Sieseby, Schleswig-Holstein, an Darmkrebs. Den Rat seiner Ehefrau Christine konnte er nicht mehr umsetzen. Dafür setzt sie ihrem Mann nun ein Denkmal.

Karten wie die an Ottilie Krug schickte Becker seit Mitte der Fünfzigerjahre. Anfänglich vor allem an Manfred Krug, der seit dieser Zeit sein bester Freund war. Später an dessen Ehefrau und seine eigene, ab Mitte der Siebziger an immer mehr Freunde und Vertraute.

Beste Freunde Jurek Becker und Manfred Krug (1985)
Archiv Christine Becker

Beste Freunde Jurek Becker und Manfred Krug (1985)

Bis zu seinem Tod dürfte Becker Tausende Postkarten verschickt haben, etwa 1000 gelten als erhalten, schätzt seine zweite Ehefrau Christine Becker, die nun etwa 400 davon zusammengetragen hat und in einem Sammelband veröffentlicht. Es sind literarische Miniaturen, feinsinnig, voller Sprachwitz und listiger Ironie. Ein solches Buch wird man womöglich in zehn Jahren gar nicht mehr veröffentlichen können. Wer schreibt schon noch Postkarten in Zeiten flüchtiger WhatsApp-Nachrichten und verlernter Handschrift?

ANZEIGE
Jurek Becker:
Am Strand von Bochum ist allerhand los

Postkarten

Suhrkamp Verlag; 398 Seiten; 32 Euro

Die Postkarten seien überhaupt das Schönste, das er je geschrieben habe, sagt Beckers Sohn Leonard. Beckers Freund Joachim Sartorius, selbst Empfänger zahlreicher Karten, schwärmt: "In der vorgegebenen komprimierten Form ist der ganze Jurek Becker da. Sein Witz, sein Charme, seine Lust am Erfinden und Erzählen von Geschichten, seine Klugheit und sein ungeheures Wachsein."

Becker hat das Schreiben dieser lyrischen Lebenszeichen regelrecht zur Kunstform erhoben und damit wahrscheinlich gar ein eigenes literarisches Genre erfunden. Was wie ein gelegentlicher lakonischer Gruß daherkam, war in Wahrheit akribisch geplant und vorbereitet. Die Texte schrieb Becker in Schulheften vor. Immer dann, wenn er im Schreibprozess für Romane oder Drehbücher eine Verschnaufpause brauchte, schrieb er in dieselben Manuskripte seine Kurzelogen an die Freunde und übertrug sie erst später auf sorgsam ausgewählte Postkarten, deren Motive oft schräg und absonderlich waren.

Wann immer er ein solches Exemplar sah, kaufte er es, sammelte sie und nahm sie mit auf Reisen, um keine schnöden Stadtansichten verschicken zu müssen. Auch bei den Anreden ließ er sich immer den Anlässen entsprechend komische Titulierungen einfallen. Seine Frau nannte er mal "Du alter Wackelpudding", mal "Du betretenes Schweigen", "Du verlorene Liebesmüh´", seinen jüngsten Sohn Jonathan "Du lieber Kullerpfirsich" oder "Du alte Fahrradantenne". Selten nannte er die beiden schlicht beim Namen, immer erfand er lustige, lakonische und passende Wortungetüme.

Überhaupt ist die tiefe Zuneigung Beckers zu den Empfängern charakteristisch für alle dieser Karten. Er war ein treuer Schreiber, ein Menschenfreund, ein scheuer Schelm, dem Harmonie und Beständigkeit sehr wichtig waren. Sein Schulfreund Helge Braune gehörte ebenso zu den regelmäßigen Adressaten, wie seine langjährige Lektorin Elisabeth Borchers, der Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, der Lyriker und Diplomat Joachim Sartorius und dessen Frau, die Literaturagentin Karin Graf. Aber auch Beckers geschiedene Frau Rieke Becker und die Söhne Leonard und Nikolaus, die nach Beckers Ausreise 1977 in den Westen in der DDR geblieben waren, wurden bis zum Schluss mit Karten voller überschwänglicher Liebe bedacht.

Jurek und Christine Becker
Jim Rakete/ Archiv Christine Becker

Jurek und Christine Becker

Die Postkarten und die sprachlichen Kapriolen sind umso wertvoller, je mehr man sich Beckers Biografie vergegenwärtigt. 1937 als jüdisches Kind im polnischen Lodz geboren, überlebte er Getto und die Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen. Seine Mutter starb kurz nach der Befreiung an Unterernährung, weil sie ihrem Jungen ihre Essensrationen überließ, damit der durchkam, so erzählte es Becker eine Mitinsassin. Deutsch war nie seine Muttersprache, er lernte es erst unter großen Anstrengungen ab dem Alter von neun Jahren.

Dabei ist "...am Stand von Bochum ist allerhand los" nicht das erste Buch, in dem Postkarten von Becker veröffentlicht wurden. Schon 1997 brachte Krug mit "Jurek Beckers Neuigkeiten" einen Band heraus, der zahlreiche Karten an die Krugs enthielt. Sie zu veröffentlichen sei ihm "Ehre und Pflicht" gewesen, die Stücke seien "nur scheinbar persönlich", die wahren Adressaten seien Beckers Publikum, weil ihm die Kritiker, die ihm nie gleichgültig waren, "endlich gleichgültig sein konnten", so Krug. Frecher und freier und mit dem Wortschatz der Alltagssprache "war er zum ersten Mal perfekt getarnt". Wer möchte nicht regelmäßig Zärtlichkeiten bekommen, wie diese an Krug, der gerade wieder für eine von Becker geschriebene Fernsehserie vor der Kamera stand:

"Geliebter Freund, zu jeder Zeit, an jedem Ort, bei allem was ich tue, denk ich an Dich, mein Serienlord, zwei Folgen noch geht das so fort, und dann ist endlich Ruhe. Dein inniglicher Jurek"

Christine Becker hat Krug damals sehr übel genommen, dass er die Karten so unmittelbar nach Beckers Tod veröffentlichte. Es kam zum Zerwürfnis, das sie heute sehr bedauert. "Ich habe überreagiert."

Der Mehrwert ihres Buches gegenüber dem von Krug ist, dass es Karten an alle möglichen Empfänger enthält, viele auch an die Ehefrau. Christine Becker wollte es eigentlich nicht herausgeben, aber der Suhrkamp-Verlag hat sie überredet, schließlich seien das Beckers letzte unveröffentlichte Werke. Ihr waren die Karten mitunter zu intim, "sie greifen ja teilweise regelrecht unseren Ehealltag auf - mit allen Höhen und Tiefen", so Christine Becker. Manchmal schrieb Jurek Becker an seine Frau aus dem Nebenzimmer, griff eine Situation auf, nahm sie auf die Schippe und lief dann zum Briefkasten, damit seine Liebste am nächsten Tag etwas zum Lachen hatte.

Nun, mit dem Abstand von 20 Jahren, willigte sie schließlich ein, die Zeitdokumente auch einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Erst so erfahren die Leser übrigens auch, wie humorvoll Becker mit seiner eigenen Krankheit umging, die ihn zuletzt immer mehr am Reisen hinderte:

"Du runde Sache, diese Karte solltest Du eigentlich aus Usbekistan kriegen. Nun bin ich nicht gefahren, aber es wäre nicht in Ordnung, wenn Dir dadurch ein Kartennachteil erwächst. Also sende ich sie Dir aus der Nähe, mit nicht weniger Liebe, nur mit geringerem Porto. Dein zur Zeit verhinderter Weltreisender J"

Mehr zum Thema
Newsletter
Bücher: Bestseller und Lesetipps


insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
niska 24.03.2018
1.
Es ist wunderbar, dass sich sine Frau (hatte gerade Freu getippt, das hätte ihm sicher gefallen) dazu überreden lies. Ein würdiges Zeitzeugnis eines ganz besonderen Ausnahmeschriftstellers und, viel wichtiger, Menschen.
GinaBe 24.03.2018
2. Ästhetik!
Dieses Bändchen ist sicherlich ein Schatz für bibliophile Kunst- und Literaturfreunde. Anschauen muss ich ihn demnächst auf jeden Fall und kann mich auch daran schon erfreuen. Nein, in 100 Jahren wird es solche exquisiten Sammlungen kaum mehr geben. Wie jammerschade ist das denn!?
Kreuzlings Berglieb 24.03.2018
3.
Was muss es für ein Privileg gewesen sein, einen solchen Menschen zum Partner oder Freund gehabt zu haben.
Dornröschen R. 24.03.2018
4.
10. Foto letzte Adresszeile: der durchgestrichene Buchstabe ist bestimmt ein "H", er wollte bestimmt die Straße unten eintragen, Straßennamen wurden in der DDR immer in die letzte Zeile geschrieben ... nur mal so
mayazi 26.03.2018
5. Doch, doch!
Solche Leute und solche Karten gibt es noch immer! Zu meiner großen Freude :-)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.