Kafka-Hörspiel Die Wucht und die Rohheit

Eine neue Hörspielfassung von Franz Kafkas "Der Process" macht jedem möglich, den Roman-Kapiteln eine eigene Reihenfolge zu geben. Welches die richtige ist, weiß nämlich niemand.

Schriftstellers Franz Kafka (1883-1924): Eine peniblere Umsetzung des tatsächlichen Materials wäre nicht möglich gewesen
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Schriftstellers Franz Kafka (1883-1924): Eine peniblere Umsetzung des tatsächlichen Materials wäre nicht möglich gewesen

Von Maren Keller


Wenn man eines aus Franz Kafkas Werken lernen kann, so ist es, wie unsicher auch scheinbar Gesichertes noch ist, dass scheinbar Vertrautes uns jeden Moment fremd werden kann. Dass man eines morgens aufwacht und ein Käfer ist. Dass man angeklagt und verurteilt wird und nicht weiß, wofür.

Ob Kafkas Roman "Der Process" mit den uns so vertrauten Worten "Jemand musste Josef K. verleumdet haben" beginnen sollte, ist nicht sicher. Denn das Original existiert nur als Fragment; Kafka hinterließ 16 ungeordnete Konvolute und hat nie auch nur eine Seite nummeriert. Erst die Editoren redigierten, montierten und legten die lineare Reihenfolge fest. Die kritische Textausgabe, die Roland Reuß und Peter Staengle 1997 herausgegeben haben, machte dann sichtbar, wie unabgeschlossen dieses Werk wirklich ist.

Im Sinne der Irritation

Klaus Buhlerts Hörspielfassung des Kafka-Romans "Der Process", die der Hörverlag jetzt auf den Markt gebracht hat, spürt genau dieser Unabgeschlossenheit nach. Je Kapitel eine CD (das heißt, ein Kapitel ist so lang, dass es auf zwei CDs aufgeteilt werden musste), selbstverständlich unnummeriert. Im Sinne der Irritation empfehlen wir, einfach mal mit der CD "der Prügler" zu beginnen. "Als K. eines Tages den Korridor passierte, der sein Bureau von der Haupttreppe trennte...", hört man eine Männerstimme. Dann plötzlich liest eine Frau den nächsten Satz. Das ist Buhlerts Prinzip: Acht Sprecher lesen den Text - darunter zum Beispiel Corinna Harfouch und Thomas Thieme - nicht aber als Rollenspiel, sondern passagenweise im Wechsel, manchmal auch gleichzeitig. Auch das ganz im Sinne der Irritation. Und nicht im Sinne der Pädagogik.

Das Schöne an diesem Stück ist, dass man in jeder Minute heraus zu hören glaubt, dass Buhlert niemandem Kafka nahe bringen will, er steigert die Distanz sogar noch, lässt einen so die Wucht und die Rohheit des Stückes spüren. Über das Kommandomikrofon liest er gar gestrichene Sätze, die sich in der Handschrift finden lassen. Eine peniblere Umsetzung des tatsächlichen Materials wäre wohl nicht möglich gewesen.

In Buhlerts Hörspiel gibt es mal ein einsames Türknarren, mal ein paar Takte Musik - ansonsten vertraut Buhlert ganz der Wirkung der Worte. Und die - das müsste wahrscheinlich nicht extra gesagt werden - ist irritierend. Gleich, in welcher Reihenfolge man sie hört.

Und weil Irritationen im Radioalltag keinen Platz haben, schließen wir diese Tageskarte mit einer Anekdote: Als der Hörfunksender Bayern 2 am zweiten Weihnachtstag den ersten Teil von Buhlerts Hörspiel senden wollte, wurde der Redaktion vom Kafka-Herausgeber Reuß empfohlen, doch statt mit den berühmten Worten mit einer ganz anderen Szene zu beginnen. Aber dann würden sicherlich viele Hörer irritiert anrufen, sorgte sich der Leiter der Hörfunkredaktion. Und das, wenn an den Feiertagen der Hörer-Service nicht besetzt sei. Keine Unsicherheiten bitte. Der erste Satz blieb.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Michael KaiRo 17.01.2011
1. Process ?
Zitat von sysopEine neue Hörspielfassung von Franz Kafkas "Der Process" macht jedem möglich, den Roman-Kapiteln eine eigene Reihenfolge zu geben. Welches die richtige ist, weiß nämlich niemand. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,739596,00.html
Seit wann schreibt man denn das mit "c"? Aus dem Englischen "the process"? Aber dann müsste es ja "The trial" heißen ... Schaue ich mir auf Wiki die Erstausgabe an, dann ist das doch eindeutig ein "z"! Zumindest ist der letzte Buchstabe von Franz auch ein "z" - oder nennt der sich nun Franc Kafka? Oder hat die Autorin das "Der Process" unreflektiert von Wiki übernommen? Da wirds nämlich auch nicht erläutert, warum es plötzlich "Der Process" geschrieben wird. Nun denn, den Inhalt des Beitrags selbst kann ich nicht gut nachvollziehen. Ist das jetzt ein Loblied auf diese Hörspielfassung? Oder auf das Unvermögen, die Kapitel auf einer einzigen DVD statt auf viele CD-ROMs zu pressen? Was sagen denn Literatur-Professoren zur korrekten Reihenfolge? Und ist diese nicht sowieso egal, weil es darauf beim "Der Prozess" nun wirklich nicht ankommt? Am besten gefällt mir dabei die Einleitung: Etwas salopper hats Karl Valentin aufm Punkt gebracht: Sicher is', daß nix sicher is'.
hath 17.01.2011
2. Alles schon mal dagewesen ...
Während meiner Schulzeit war "Der Prozess" Pflichtlektüre. Deswegen war auch klar, dass die Klasse gemeinsam und samt Deutschlehrer ins Kino unserer Stadt ging, wo man extra für uns die Verfilmung des Romans präsentierte (aus 1952 mit Tony Perkins als K.). Irritiert hat uns, dass die Handlung eine andere Reihenfolge zu haben schien als der Roman, was natürlich zu hochgeistigen und tiefgründigen Interpretationsversuchen von uns Schülern führte. Dann kam allerdings heraus, dass der Filmvorführer aus Versehen die Reihenfolge der Filmrollen vertauscht hatte ... Wie man sieht, war er der Zeit weit voraus.
pannenbaker 17.01.2011
3. .
Zitat von Michael KaiRoSeit wann schreibt man denn das mit "c"? Aus dem Englischen "the process"? Aber dann müsste es ja "The trial" heißen ... Schaue ich mir auf Wiki die Erstausgabe an, dann ist das doch eindeutig ein "z"! Zumindest ist der letzte Buchstabe von Franz auch ein "z" - oder nennt der sich nun Franc Kafka? Oder hat die Autorin das "Der Process" unreflektiert von Wiki übernommen? Da wirds nämlich auch nicht erläutert, warum es plötzlich "Der Process" geschrieben wird. Nun denn, den Inhalt des Beitrags selbst kann ich nicht gut nachvollziehen. Ist das jetzt ein Loblied auf diese Hörspielfassung? Oder auf das Unvermögen, die Kapitel auf einer einzigen DVD statt auf viele CD-ROMs zu pressen? Was sagen denn Literatur-Professoren zur korrekten Reihenfolge? Und ist diese nicht sowieso egal, weil es darauf beim "Der Prozess" nun wirklich nicht ankommt? Am besten gefällt mir dabei die Einleitung: Etwas salopper hats Karl Valentin aufm Punkt gebracht: Sicher is', daß nix sicher is'.
Kafka selbst schrieb "Process". Die anderen Formen sind Bearbeitungen bzw. wie wahrscheinlich im Falle des Einbands der Erstausgabe künstlerische Freiheiten der jeweiligen Editoren.
ursinator2.0 17.01.2011
4. Zum Film von Orson Welles:
Zitat von hathWährend meiner Schulzeit war "Der Prozess" Pflichtlektüre. Deswegen war auch klar, dass die Klasse gemeinsam und samt Deutschlehrer ins Kino unserer Stadt ging, wo man extra für uns die Verfilmung des Romans präsentierte (aus 1952 mit Tony Perkins als K.). Irritiert hat uns, dass die Handlung eine andere Reihenfolge zu haben schien als der Roman, was natürlich zu hochgeistigen und tiefgründigen Interpretationsversuchen von uns Schülern führte. Dann kam allerdings heraus, dass der Filmvorführer aus Versehen die Reihenfolge der Filmrollen vertauscht hatte ... Wie man sieht, war er der Zeit weit voraus.
Ich hatte den Film mal im Fernsehen gesehen, wo man verwechselte Filmrollen wohl ausschließen kann. Der Film hat tatsächlich eine andere Reihenfolge der einzelnen Kapitel, wie sie wohl durch die klassische Ausgabe von Max Brod bedingt, allgemein bekannt ist. Dieser Ausgabe ist es unverkennbar anzusehen, daß der Roman zugunsten besserer Lesbarkeit möglichst wenig von seinem fragmentarischen Charakter verraten sollte, was durch die Existenz eines Schlusses sicherlich sehr erleichtert wurde. Vielleicht hat Brod deswegen auch den Prozeß als ersten Roman herausgebracht, um das damalige Publikum leichter für einen unbekannten Schriftsteller namens Franz Kafka interessieren zu können. Für mich war der Film dann die erste große Irritation, bei der mir klar wurde, wie viele Fragen, den Prozeß betreffend, noch offen sind und das wohl auch immer bleiben werden. Die Brodausgabe selbst hat auch eine gewisse Variantengeschichte von jeweils umfangreicheren Ausgaben von Auflage zu Auflage. Der Film, der ja schon recht früh entstand, bezieht sich möglicherweise auf eine der früheren Brodausgaben, die ja im englischen Sprachraum wohl immer etwas später erschienen sein dürften. Der englische Titel ist übrigens tatsächlich "the trial", dies und vieles andere findet man auf der sehr essentiellen Seite des Kafkaprojektes: http://www.kafka.org/index.php. Bei mir hat sich die Brodausgabe bei aller Willkürlichkeit so im Kopf festgesetzt, daß ich in diesem Leben wohl kaum mehr davon loskommen werde... :-)
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