Kafka-Skandalbuch Des Spießers Porno-Wut

Der britische Schriftsteller James Hawes will in einem Buch Franz Kafka als Pornograf enttarnen. Die Journalistin und Kafka-Forscherin Anjana Shrivastava hat die Thesen überprüft. Ihr Fazit: Hawes ortet einen Skandal, wo es keinen gibt.


Der britische Schriftsteller James Hawes will uns einreden, Franz Kafka habe eine Pornosammlung besessen. Die angeblichen Hardcore-Bilder bewahrte der Dichter in einem verriegelten Schrank versteckt zu Hause auf, den Schlüssel trug er stets bei sich.

Schriftsteller Kafka: Denunziation einer Ikone
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Schriftsteller Kafka: Denunziation einer Ikone

Hawes liefert uns also einen Skandal. Sein Buch – "Excavating Kafka", frei übersetzt: Der freigelegte Kafka – ist zwar auf Deutsch noch nicht erschienen. Dennoch wurde das 235 Seiten lange Werk des Wissenschaftlers und Romanautors Hawes bereits weltweit kommentiert. Tenor: Der Brite gewährt uns per Vorabmeldung quasi einen Blick durchs literarische Schlüsselloch auf einen Kafka mit heruntergelassener Hose. So kannten wir den "Prozess"-Autor noch nicht, und die mediale Verwandlung vom Freigeist zum Ferkel gelang – obwohl Hawes' Thesen leicht zu widerlegen sind.

Denn die "Pornosammlung" besteht lediglich aus einer Bilderreihe der expressionistischen Zeitschrift "Der Amethyst/ Die Opale", die der Essayist Franz Blei ab 1905 herausgab. Die darin enthaltenen, vom Jugendstil inspirierten Graphiken sind eher amüsant als aufreißerisch, erotisch-dekoratives Beiwerk für Literaten. Mit den Hardcore-Pornos unserer Tage hat Kafkas Illustrierte etwa soviel zu tun wie ein Gedicht von Heine mit einer Werbezeile von McDonald's. Egal, der Boulevard liebt solche Skandale.

Die Nummer mit dem Sex

Als Beleg seiner Diagnose führt Hawes an, dass die Zeichnungen heute in manchen Ländern verboten wären. Aber an welche Länder denkt er da? Etwa an das saudiarabische Königreich, an Ägypten oder Iran? Eine skizzenhafte Lithographie von zwei nackten Frauen heißt bei Hawes "Frau-auf-Frau-mit-gespreizten-Beinen-Nummer". In einer eher surrealen Szene trinken Rehkitze von den Brüsten eines Mädchens. Dies nennt der 48-jährige Hawes "Fellatio mit Tieren." Man fragt sich, was Hawes zum Hohelied Salomos einfallen würde. Vielleicht wird das ja sein nächster Bestseller: "Schmutzig und direkt: Was wirklich in der Bibel steht".

Der akademische Porno-Inspektor will beweisen, dass Kafka keineswegs eine prophetische Figur seines Jahrhunderts war, sondern einfach ein Spießer wie unsereins: ein Egoist, Karrierist, Sexist, der komfortabel lebte, bis er lungenkrank wurde und 1924 in Österreich an Tuberkulose starb.

Eher beiläufig entdeckte der Autor den "Amethyst" in der Kafka-Sammlung der Universität von Oxford, Hawes' Alma Mater. Diesen Fund nennt er nun das "lang verlorene Dynamit, das es in sich hat, den ganzen Kafka-Mythos zu enthüllen."

Doch welcher Mythos muss da demontiert werden? Dass Kafka nicht als Heiliger gelebt hat, ist lange vor Hawes beschrieben worden. Hawes' Ausführungen über Kafkas Sexualleben sind also nichts Neues, sie haben lediglich einen frischeren Sound. (In den neunziger Jahren galt Hawes als britische Ausgabe von amerikanischen Literatur-Hipstern wie Jay McInerney ("Bright Lights, Big City") und Bret Easton Ellis.)

Prophetie? Pornografie!

Den Propheten Kafka bekämpft der Brite geradezu. Alles, was im kafkaschen Werk auf die kommenden welthistorischen Tragödien hindeutet, auf den Hass zwischen Ethnien und Klassen, hält Hawes für unwichtig: "Aber der Holocaust ist vollkommen bedeutungslos, wenn man das Schreiben von Dr. Franz Kafka (1883-1924) aus Prag betrachten will.”

Es macht Hawes' regelrecht wütend, dass in fast jedem Buch über Kafka die Tatsache, dass dessen Familie fast vollständig von den Nazis ermordet wurde, "unentwegt" erwähnt wird. "Eigentlich ist es (der Holocaust) schlimmer als bedeutungslos. Es zerstört geradezu den Sinn an sich, saugt allen Sinn in das schwärzeste von allen schwarzen Löchern. Der Holocaust ist der Schatten, den wir im kafkaschen Zusammenhang zu vergessen uns zwingen müssen. Eben weil es das dunkelste Ereignis in unserer Geschichte ist, ist es am schwierigsten zu verdrängen, aber wir müssen es einfach."

Für Hawes ist es viel wichtiger, darüber zu spekulieren, ob und wie Kafka onanierte. So macht er sich zum Hassprediger unter den Kafkaforschern. Denn Porno ist seiner Ansicht nach geradezu der Schlüssel zur kafkaschen Seele. Alles andere seien nur Manipulationen des Dichters selbst oder seines posthumen Verwalters, Max Brod.

Lässiger Antisemitismus

Manche Thesen sind auf den Skandal fixiert, andere Darstellungen sind nicht nur ärgerlich, sondern vermitteln den Eindruck einer höchst fragwürdigen Agenda. Zwar ist nicht etwa von einer "Holocaust-Industrie" die Rede, dafür aber immer wieder von einer "Kafka-Industrie,” der Hawes, der Aufklärer, natürlich nicht angehört.

Ansonsten lässt er kaum ein antisemitisches Klischee aus. Sein Kafka ist lüstern, kühl kalkulierend, sicherheitsbedürftig bis zum Weibischen, ein Kriegsgewinnler obendrein, ja überhaupt schlicht parasitär. Dass Kafka sich zweimal im Ersten Weltkrieg freiwillig gemeldet hat, bleibt unerwähnt - obwohl das Thema Musterung mehr als beiläufig behandelt wird. Dass Kafka mit kleinbürgerlichen Mädchen geschlafen hat, wird breitgetreten, aber nicht, was er für den Arbeiterschutz als engagierter Anwalt geleistet hat.

Nicht Franz Kafka sondern James Hawes ist hier der Spießer. Ein Spießer in der späten Phase der sexuellen Revolution, während man Kafka eher am Anfang dieses Befreiungsprozesses sehen muss. Wer war zum Beispiel der reale "Joseph K" in Kafkas berühmter Erzählung "Der Prozess"? Das war der Freudschüler Otto Gross, der Erfinder des Begriffs der "Sexuellen Revolution," der wegen seines ausschweifenden Lebens in einer Berliner Wohnung von Schergen seines eigenen Vaters, als Polizisten verkleidet, verhaftet wurde. Kafka hatte sich für Gross eingesetzt. Er wollte sogar mit diesem Kulturrevolutionär eine Zeitschrift gründen. Arbeitstitel: "Blätter gegen den Machtwillen."

Von solchen Strömungen erfahren wir bei Hawes buchstäblich nichts. Er liefert uns bestenfalls einen Sittenbericht aus der Großstadt von heute, geschickt auf Kafkas Welt projiziert.


Hinweis: Eine Formulierung im Teaser/Vorspann der ersten Version dieses Artikels konnte den Eindruck erwecken, der Autor James Hawes selbst habe einen Hang zum Antisemitismus. Dies war keinesfalls von der Redaktion beabsichtigt. Die Passage ist daher geändert worden.



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